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Das Ende der Meisterschaft?

Die Entwicklung der Produktion durch Globalisierung und Deregulierung in den letzten Jahrzehnten hat die Idee des Berufes und der Berufserziehung grundlegend verändert. Der Azubi, der über und durch systematische Berufausbildung zur Meisterschaft gelangt und der dadurch in einer gesellschaftlich fest verankerten (Berufs-)Ordnung seinen Platz findet, dieser Azubi gehört immer mehr vergangenen Zeiten an.

 

16.06.2012 - Einige Gedanken zur Berufausbildung | von Jochen Ströh

Meisterschaft ist immer weniger ein Konzept der Lebensführung. Der Erwerb des Facharbeiterabschlusses und des Meisterbriefes sind vielmehr die frühzeitliche Endstation, im besten Falle eine umwegige Zwischenstation in der Arbeitskarriere. Ein Meister, der seine Meisterschaft als das Integrationszentrum für seine Erfahrungen versteht, ein solcher Meister hat in der heutigen globalisierten, finanzgesteuerten Arbeitswelt seinen Platz verloren. In Zeiten höchster beruflicher Mobilitätsanforderungen, in denen Flexibilität zum Wunderglauben der Erfolgreichen geworden ist, da stört ein Persönlichkeitsentwicklungskonzept, wie dies den Weg vom Azubi zum Meister ehemals begründet hat. Nicht Persönlichkeitsentwicklung ist heute gefragt, sondern Personalentwicklung. Nicht Einzigartigkeit wird verlangt, sondern Austauschbarkeit, nicht Meisterschaft, sondern Gleichgültigkeit gegenüber Lern- und Arbeitsinhalten. Das Funktionieren der modernen, kapitalistischen Wirtschaft verlangt, dass alle Dinge in einem immer beschleunigteren Tempo erscheinen und verschwinden.

Die Qualifikations-Collage ist an die Stelle der Meisterschaft getreten. In ihr fließt nichts mehr zu einer bildungsbiographisch zentrierten Lebensführung zusammen. Dafür gibt es bei ihr kurzfristige Ankoppelungen an ökonomische Konjunkturen. Nicht mehr Bildung, nicht größere Meisterschaft, um die Welt und sich in dieser Welt einzurichten sind gefragt, sondern rasch erneuerbare Spezialqualifikationen, verbunden mit der Fähigkeit, sich auf die permanenten Veränderungen problemlos einzustellen. Die Qualifikations-Collage braucht immer weniger eine systematische Berufausbildung, sie braucht Weiterbildung und diese permanent. Die Veränderung der Berufsbilder in immer rascherer Folge zeigt, dass es primär um die permanente Anpassung von Qualifikationsmodulen (Bologna) an die technisch-organisatorische Dynamik geht. Ein diese Qualifikationsbausteine integrierender Horizont steht heute nicht mehr zur Verfügung. Er würde den fortlaufenden Anpassungsprozess auch nur stören. Der Versuch mit den Schlüsselqualifikationen wenigstens etwas an thematischer Zentrierung zu leisten, scheint gescheitert, da durch ihn die Orientierungssicherheit nicht gesteigert, sondern wohl eher reduziert wurde.

Mit der Erosion traditioneller Lebens- und Arbeitsformen wird auch die motivationsbildende Differenz von Azubi und Meister eingeebnet. Wenn nämlich lebenslang gelernt werden muss und gelernt werden soll, wie dies alle einflussreichen Gruppen unserer Gesellschaft unermüdlich verlangen, dann ist der produktive Unterschied von Azubi und Meister aufgelöst, dann werden wir alle zu Dauerlehrlingen ohne Aussicht auf Meisterschaft. Insofern konnte sich die heutige Weiterbildungsgesellschaft nur herausbilden, weil sie sich vom traditionellen Leitbild der Meisterschaft „befreit“ hat. Mit der zunehmenden Durchsetzung von marktkonformen Verhaltensweisen reduziert sich die Berufswahl immer mehr auf das monetär-kalkulatorische Denken: „Was bringt mir eine Berufsausbildung (finanziell) ein?“ Die Rechtfertigungen für die Formen und Inhalte des Lernen und Arbeitens werden zunehmend aus der Dynamik ungehemmter individueller Karrierevorstellungen gespeist, die von den Konzernen und ihren Verwertungsinteressen angetrieben werden.

Wohin diese Entwicklung führt, hat Oskar Negt schon 1998 befürchtet: „Wird von den wirtschaftlich Mächtigen definiert, welcher Menschentyp dem Ideal der Gegenwart am angemessensten ist, dann wäre es der allseitig verfügbare Mensch. Er hat alle Bindungen aufgelöst und ist fortwährend unternehmerisch tätig…. Dieser flexible Mensch ist nicht der Mensch mit kreativen Reserven …, die ihm ermöglichen, sich auch eigensinnig und widerständig zu verhalten; der flexible Mensch ist der konditionierte Typ des Außengeleiteten, anpassungsfähig und anpassungsbereit, deshalb im Grunde auch für jedes politische Herrschaftssystem verwendbar. Er ist im Grunde der leistungsbewusste Mitläufer.“

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