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Das Bildungswesen ist kein Wirtschaftsbetrieb!

Vermutlich kann sich niemand an eine Zeit erinnern, zu der nicht kritisch über das Bildungswesen gesprochen wurde, über das Niveau der Schulen, die Rolle der Lehrer, den Verfall der Werte und den Niedergang der Jugend. So kontrovers der Streit um die Bildung in der Vergangenheit auch geführt wurde, waren sich die Kontrahenten doch immerhin darin einig, dass sie an einer tatsächlichen Verbesserung der Verhältnisse in den Schulen und Universitäten im Namen von Bildung interessiert waren. In diesem Beitrag soll gezeigt werden, dass die aktuellen Bildungsreformen im Namen von PISA und Bologna nicht auf spezifische Probleme des Bildungswesens antworten, sondern eine postdemokratische Transformation der Gesellschaft zum Schaden von Demokratie, Kultur und Wirtschaft betreiben. Sie vollziehen den expliziten Bruch mit der humanistischen und aufklärerischen Tradition und etablieren im Gewand von ›Bildung‹ einen neuen Prototyp des Menschen: den homo oeconomicus, der im Kraftfeld einer marktförmigen Organisation aller Lebensbereiche funktionieren soll.

 

16.05.2013 - Einsprüche gegen die betriebswirtschaftliche Umsteuerung des Bildungswesens | von Matthias Burchardt

Zum Lernen verurteilt – lebenslänglich!

Schon das vorgeburtliche Leben ist zahlreichen Prüfungen ausgesetzt. Wer die Zulassungsvoraussetzungen für das Leben erfüllt, kommt schon bald in den Genuss von ›Bildung‹, sei es in der PEKIP-Gruppe oder beim chinesischen Babyschwimmen zwischen farbenfrohen Styropor-Schriftzeichen unter stimulierender Beschallung durch asiatische Muttersprachler. Eltern erfahren aus den Medien, dass gerade die frühe Kindheit von entscheidender Bedeutung für den Bildungserfolg ihrer Kinder ist. Deshalb wählen sie einen bilingualen Kindergarten aus, sorgen in der Grundschule für die ausreichende Förderung – im Notfall durch Nachhilfe ab dem ersten Schuljahr: ohne Abitur ist man schließlich ein Bildungsverlierer! Dass die maximal extensive Bewirtschaftung kindlicher Lebenszeit viele Spielräume der freien Persönlichkeitsentwicklung raubt und der Leistungsdruck oft zu bedenklicher Medikalisierung (Ritalin) führt, wird hingenommen. An den Universitäten hat die Bologna-Reform zwar die selbst gesteckten Ziele grandios verfehlt, aber im Konzert mit neuen Hochschulgesetzen sehr erfolgreich Bildungsansprüche abgewickelt – zugunsten des ›Employability‹-Konzeptes, das nicht einmal mehr Berufsqualifikation ermöglicht, sondern lediglich vage ›Anstellbarkeit‹, mit der selbst ›die Wirtschaft‹ nicht besonders viel anfangen kann. So müssen sich die Berufstätigen im fluktuierenden Feld der sogenannten ›Wissensgesellschaft‹ permanent weiterqualifizieren. Selbst beim Eintritt in die Rente entkommt niemand dem Imperativ des lebenslänglichen Lernens, denn die Last der demographischen Entwicklung soll durch Konzepte ›kompetenten Alterns‹ auf die Schultern der Betroffenen gelegt werden.

Erfolg, Gesundheit und Wohlstand werden dann als Folge von richtigen Entscheidungen dargestellt, als Renditen von gelungenen Investitionen – Scheitern, Krankheit und Armut gelten als selbstverschuldet und nicht mehr als Problem der Solidargemeinschaft. Der Begriff der Bildung, der seit der Aufklärung für Emanzipation und Humanisierung stand, hat in diesem Kontext einen geradezu bedrohlichen Klang erhalten, wird Bildung doch zum Schauplatz eines unerbittlichen Wettkampfes, bei dem – trotz aller Ankündigungen von Inklusion – Sozialchancen nach dem Recht des Stärkeren verteilt werden.

Durchsetzungsstrategien

Selbstverständlich werden diese Transformationsprozesse nicht offen als Ökonomisierung von Bildung, sondern als notwendige Reformen angepriesen. Engagierte Pädagogen setzen zunächst große Hoffnung in die neuen Modelle und investieren viel Zeit und Energie. Wenn man feststellt, dass die Probleme nicht nur nicht gelöst, sondern viele neue hinzugekommen sind, stellt sich ›Reformkater‹ ein: Depression, Burnout und innere Emigration sind oft das Signum sensibler Kollegen. Tragischerweise erleben die Betroffenen ihre Lage als persönliches Scheitern. Dabei müsste vielmehr der Fokus auf die Kontexte gelegt werden: Wer heute als Pädagoge verzweifelt, tut dies im Rahmen eines globalen Transformationsprozesses, der seit geraumer Zeit – nicht von gewählten Regierungen, sondern von der OECD und privaten Akteuren (Stiftungen, think-tanks, Lobby- Gruppen) – weltweit betrieben wird. Der Politologe Colin Crouch diskutiert dies unter dem Begriff der ›Postdemokratie‹ und Dennis Niemann vom Bremer Sonderforschungsbereich 597 analysiert die Strategien, durch die es unter Wahrung des demokratischen Scheins gelingt, öffentliche Meinung, Gesetzgebung, Institutionen und Praxen im Geiste des Ökonomismus zu transformieren: PISA hatte gar nicht die Absicht, Bildung zu messen, sondern sollte als PR-Aktion einen neuen Begriff derselben etablieren: Die Verwertbarkeit von Humanressourcen!

In Deutschland verzahnen sich die Bestrebungen der Internationalen Organisationen (OECD, WTO, GATTS, ERT) insbesondere mit den Aktivitäten der Bertelsmann Stiftung, welche die politischen Prozesse der Bundesrepublik so fest im Griff zu haben scheint, dass der Autor Thomas Schuler in seinem gleichnamigen Buch sogar von der ›Bertelsmann Republik Deutschland‹ spricht. Die immer noch als gemeinnützig geltende Stiftung nimmt durch vielfältige Maßnahmen in fast allen Politikbereichen maßgeblich Einfluss auf die gesellschaftliche Wirklichkeit in Deutschland und Europa; und zwar unter bewusster, strategischer Neutralisierung demokratischer Verfahren. Im Bereich der Bildungspolitik stand die Stiftung nicht nur hinter der Ruck-Rede Roman Herzogs, die heute durchaus einen zweiten Blick wert ist. In NRW wurde über das Centrum für Hochschulentwicklung das ›Hochschulfreiheitsgesetz‹ vorbereitet und das Schulgesetz nach dem Modellversuch zur ›Selbstständigen Schule‹ im Sinne der Stiftung umgestaltet. Dass dieser Einfluss nicht an bestimmte politische Farbenspiele geknüpft ist, wurde deutlich, als die grüne Schulministerin mit der Stiftung einen Vertrag schloss, in dem die Lehrerfortbildung in die Hände der Stiftung gelegt wurde. Auch die wiedergewählte Ministerpräsidentin Hannelore Kraft übereignete ihre Bildungs- und Sozialpolitik unter dem von George Bush inspirierten Motto ›Kein Kind zurücklassen‹ den Bertelsmännern. Man gewinnt den Eindruck, dass es relativ unerheblich ist, wer in NRW unter Bertelsmann regiert. Über Fernsehsender (RTL-Gruppe) und Zeitungen (Spiegel, Zeit) regiert das Unternehmen erfolgreich die öffentliche Meinung. Man veröffentlicht regelmäßig Studien zu gesellschaftlichen Fragen (Inklusion, Chancenspiegel, Bildungsatlas) und etabliert im Kleingedruckten die ökonomistische Doktrin: Wirklichkeit wird auf fragwürdige Kennziffern reduziert, Standards werden etabliert und unternehmerische Modelle als Universal-Lösung eingefordert. Selbstverständlich gibt es andere mächtige Akteure (INSM, VBW, McKinsey, Roland Berger, BCG), und viele Prozesse laufen, dank der neoliberalen Propaganda, auch ohne Zutun der Modernisierer. Gleichwohl lohnt es sich die Bertelsmann Stiftung unter Beobachtung zu nehmen und ihre Gemeinnützigkeit in Frage zu stellen.

homo oeconomicus

Die Auswirkung der postdemokratischen Übergriffe auf das gesellschaftliche Leben in Deutschland, Europa und der ganzen Welt sind verheerend. Norbert Blüm bezeichnet sie als ›ökonomischen Totalitarismus‹, als den Versuch, alle Lebensbereiche unter die unternehmerische Rationalität von Kosten und Nutzen, Wettbewerb und Markt zu stellen: Familie, Kirche, Bildungs- und Gesundheitswesen, Arbeitswelt, Politik und Kultur werden unterschiedslos der Marktlogik unterworfen. Der Mensch des Humanismus aber wird als Ausgangs- und Zielpunkt von Bildung und Politik eliminiert und durch den homo oeconomicus ersetzt, der sich unter Marktdruck selbstregulierend zur durchsetzungs- und leistungsfähigen Kompetenzmaschine herausbilden soll.

Fazit

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Reformen als ein gewaltiges Experiment mit unseren Kindern und Jugendlichen, die einen hohen Preis entrichten müssen, wenn sich nicht Eltern und Lehrer finden, die sie vor der ökonomistischen Indoktrination schützen und ihnen Gelegenheit zur umfassenden Menschenbildung und Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung geben. Die systematisch ausgestreute Sorge, dass ein Verzicht auf Selbstökonomisierung zu Nachteilen führt, ist im Übrigen gänzlich unbegründet. Im Gegenteil: Wer immer nur funktioniert, bricht irgendwann zusammen! Wer aber das neoliberale Funktionsmodell verlässt, gewinnt nicht nur ein sinnerfülltes Leben, sondern ist gerade in sozialen und beruflichen Zusammenhängen als Querdenker und starke Persönlichkeit gefragt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt über die skandalösen postdemokratischen Übergriffe einen öffentlichen Diskurs zu beginnen und die Demokratie als Lebensform zu revitalisieren. Wir sollten es nicht Machtgruppen im Dunklen überlassen, was aus unseren Kindern wird.

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