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„Das alles zu planen, ist nicht so einfach“

In diesem Jahr kommen mindestens 3000 Flüchtlinge nach Bremen (ca. 2400) und Bremerhaven (ca. 600), davon 500 unbegleitete, schulpflichtige Minderjährige. Das prognostiziert das Sozialressort. Weltweite Krisenherde könnten dazu führen, dass noch weit mehr Flüchtlinge kommen. 2004 waren es rund 2200 Flüchtlinge, im Jahr 2013 kamen 1100. Junge Menschen, geflohen vor Bürgerkrieg, Hunger, Elend oder ethnischer Auseinandersetzung, häufig verbunden mit Lebensgefahr. Das Sozial- und Bildungsressort sehen sich vor einer großen Herausforderung, die Flüchtlinge aufzunehmen, sie zu integrieren und zu beschulen. Aber gleichzeitig besteht auch die Chance für gesellschaftliche Vielfalt und wirtschaftliche Entwicklung. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen und diesen Absichtserklärungen hat die BLZ nachgefragt, was die Bildungsbehörde plant inwieweit die Beschulung funktioniert.

16.01.2015 - Die Beschulung von Flüchtlingen bringt die Beteiligten an ihre Belastungsgrenze | von Karsten Krüger

Die Bildungsbehörde möchte bei ihren Maßnahmen vor allem drei Ziele umsetzen: „Solider Spracherwerb, eine schnelle Integration in eine Regelklasse und eine Orientierung in Ausbildung/Studium“, sagt Christina Selzer, Pressesprecherin von Senatorin Eva Quante-Brandt. Um Spracherwerb für die Flüchtlingskinder, die mit oder ohne Eltern nach Bremen gekommen sind oder noch kommen, zu gewährleisten, musste die Anzahl von Vorkursen massiv erhöht werden. Mittlerweile sind im Land Bremen laut Behörde 80 solcher Sprachkurse eingerichtet. Für die Koordinatoren vor Ort in den Schulen sind das immer noch zu wenig. „Die Wartezeit für viele zukünftige Schüler, die schnell und gerne Deutsch lernen wollen, ist zu lang. Allein 150 Flüchtlinge in der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (Zast) haben keine Beratung erhalten. Es gibt keine prompte Einschulung in Vorkurse und Sprachklassen“, sagt Ümit Zerdali, Leiter für interkulturelle Bildung an der Allgemeinen Berufsschule (ABS). Mittlerweile muss er 17 Klassen koordinieren. "Wir haben mittlerweile 280 Flüchtlinge zu beschulen. Bald werden es 350 sein. Das alles zu planen, ist nicht so einfach." Er wünscht sich Entlastung und insgesamt mehr Leitungszeit, verteilt auf mehrere Schultern. "Das Wasser steht mir schon über den Augenbrauen.“ Die ABS in Walle beschult im Land mit Abstand die meisten Flüchtlinge. Zerdali freut sich, dass jetzt immerhin einige andere Berufsschulen bereit sind, Vorkurse zu übernehmen. „Es sind aber weitere neue Standorte nötig.“ dem Ansteigen der Schülerzahlen steigen für Schulleiter Frank Grönegreß auch die Probleme: „Es ist schwierig, ausreichend geeignete Lehrkräfte für die Kurse zu finden. Und auch die räumliche Situation ist mehr als eng.“ Die Schule muss den Entwicklungen im Flüchtlingsbereich ständig hinterherlaufen. Das zehrt an den Kräften von Schülern, Sozialpädagogen, Lehrkräften und Schulleitung.
Im allgemeinbildenden Bereich besuchen die Flüchtlingskinder neben den Vorkursen in der verbleibenden Unterrichtszeit auch Unterrichts- und Betreuungsangebote ihrer späteren Aufnahmeklassen. Viele von ihnen haben auch nach Besuch des Vorkurses erheblichen Sprachförderbedarf. Unbestritten ist die Feststellung von zusätzlichem sonderpädagogischen Förderbedarf und die Notwenigkeit einer Nachsteuerung an Inklusionsressourcen an den Schulen. Dafür wird Personal benötigt, was wiederum gefunden und finanziert werden muss. „Der Senat hat ein Sofortprogramm beschlossen, das 52,5 zusätzliche Stellen und rund 455.000 Euro zur Unterstützung zahlreicher Projekte enthält. Ein Großteil der Stellen (33,4) geht in den Bildungsbereich“, verspricht Behördensprecherin Selzer. Sie äußert sich optimistisch: „Wir haben den Eindruck, dass es eine große Offenheit in den Schulen gibt, dass sich alle Beteiligten gemeinsam der Aufgabe in hervorragender Weise stellen.“ Ob das Sofortprogramm allerdings nachhaltig und ausreichend ist, ist genauso ungewiss wie stark der Anstieg der Flüchtlingszahlen ausfällt.

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