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DiskussionDank Corona schneller zum Homo digitalis?

Die Zurichtung des Menschen per Web&App – und Alternativen

16.05.2020 - Prof. Dr. Phil. Rolf Lankau

Das Schließen der Schulen wegen der Corona-Pandemie drei Wochen vor Ostern, die Versuche des Home Schooling und die Verlagerung der Kommunikation zwischen Lehrerinnen, Lehrern und Schülern auf digitale Kanäle lässt Digitalisten jubeln. Jetzt müsse digitalisiert, nicht mehr hinterfragt werden.
Dabei zeigen schon wenige Wochen Ausnahmezustand: Schule funktioniert nur analog und der „Digitalpakt Schule“ kaschiert nur schlecht, um was es wirklich geht: Automatisiertes Beschulen und Testen per (Bundes-)Schulcloud und datengestützte Schulentwicklung. Vermessen statt Unterrichten ist die Maxime der Digitalfraktion. Die Schulen waren noch gar nicht geschlossen, da begann schon das große Geraune:. Wären die Schulen digitaler, wäre das Lernen mit digitalen Geräten und Diensten bereits eingeübt und auch zu Hause einfacher. Jetzt müsse man ganz schnell nach- und aufholen, was jahrelang versäumt worden sei usw. Es sind die bekannten Argumente, die seit mehr als 30 Jahren für jede Generation von Rechnern (PC, Laptop, heute Tablets, Web&App) bemüht werden. Dabei ist unerheblich, dass sich bislang bei keinem der Geräte Nutzen oder Mehrwert nachweisen ließen.


Das heutige Standardargument ist daher: Smartphones gehörten zur Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler.

Reicht das als Argument für milliardenschwere Investitionen, die jahrelange Folgeinvestitionen nach sich ziehen und die Schuletats auf Dauer belasten? Folgen Bildungspläne der jeweiligen (Unterhaltungs-)Technik, obwohl die gesundheitlichen wie sozialen Folgen (BLIKK- und Pronova/BKK-Studie) schon heute bekannt sind?

Wäre es nicht sinnvoller, jungen Menschen eher die Grundstrukturen und Funktionsweisen solcher Techniken (und Märkte!) und alternative Mediennutzungen zu vermitteln, Medienmündigkeit statt Medienbedienkompetenz? Wissenschaftlich vielfach belegt ist, dass die Qualität von Schule und Unterricht gerade nicht an Medientechnik – ob analog oder digital ist dabei egal – gekoppelt ist. Entscheidend sind qualifizierte Lehrpersönlichkeiten, ein gut strukturierter, altersgerechter Unterricht und der soziale, lernförderliche Umgang miteinander. (Studien von Hattie, Telekom, OECD-Studie zu Resilienz u.a.) Das Lernen gerade von Kindern basiert auf Beziehung und Vertrauen.

Unterrichten und Lernen in Gemeinschaft sind individuelle und soziale Prozesse, keine technisch steuerbaren Abläufe. Dieser persönliche Kontakt im sozialen Kontext wird bei Fernlehre und Home Schooling unterbrochen. Das funktioniert allenfalls phasenweise, wenn Eltern (oder ältere Geschwister) zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern das unterstützen. Es funktioniert i.d.R. nicht, wenn Kinder bei dieser Form des Lernen-Sollens am Bildschirm alleine gelassen und nicht unterstützt werden.

Welche (Hoch)Schulen wollen wir?

Auch die Aussage, das Home Schooling wäre einfacher, wären die Schulen bereits digitaler, ist falsch. Mindestens vier der fünf Milliarden Euro des Digitalpakt Schule sind für den Aufbau der technischen Infrastruktur vorgesehen: Aufbau einer Serverstruktur, Datenleitungen, WLAN in allen Klassenzimmern usw. Dumm nur, dass genau diese Infrastruktur in der jetzigen Situation überhaupt nichts helfen würde. Die Schülerinnen und Schüler sind derzeit zu Hause. Nicht alle Kinder haben Zugriff auf Endgeräte. Bildungsministerin Anja Karliczek formuliert stattdessen wirtschaftskonform, um was es wirklich geht.
Man habe "den Digitalpakt geschnürt, damit eine gute Infrastruktur und digitales Lernen selbstverständlich werden. Die Corona-Krise bietet Deutschland in Sachen digitaler Bildung eine große Chance: Wir können einen echten Mentalitätswandel schaffen. (...) Aber auch nach der Krise muss die Digitalisierung der Schulen energischer vorangetrieben werden." (Karliczek, 2020)

Technik als Machtfrage

Mentalitätswandel und alternativlose Digitalisierung als Vorgaben des BMBF: Armin Grunwald, Professor für Technikphilosophie und Technikethik in Karlsruhe und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag, fordert, andere Fragen zu stellen und zu beantworten:
„Es geht hier [bei der KI als Schlüsseltechnologie der Daten-Ökonomie und auch des eLearning; rl] eben nicht einfach um Technik mit ihren Chancen und Risiken, ihren Innovationspotenzialen und Nebenfolgen. Vielmehr betrifft der Kern der Debatte uns selbst als Menschen, vor allem unser Menschenbild. (...) Wir müssen ernsthaft die Frage stellen: Wer sind die Macher der KI, wer verbreitet die Erzählungen und wer will hier eigentlich seine Werte und Interessen hinter einem vermeintlichen Technikdeterminismus verstecken?“ (Grunwald, 2019)

Wer hat ein Interesse an der Digitalisierung (d.h. Verdatung) von Schule, Unterricht und Schülerbiographien? Wer hat Zugriff auf die Daten und wer kontrolliert, was damit gemacht werden kann? Denn mit dem „Digitalpakt Schule“ finanzieren Bund und Länder den Aufbau einer technischen Infrastruktur, die es ermöglicht, Unterricht an Schulen bundesweit zu automatisieren und zu zentralisieren. Der Digitalpakt folgt der Logik der Daten-Ökonomie (technische Standardisierung zur Prozessoptimierung und Datenmaximierung) statt pädagogischen Prämissen. Auch Lernsoftware sammelt Nutzerdaten, um Prozesse automatisiert zu optimieren.
„Viele dieser interaktiven Systeme funktionieren nur, wenn sie den Nutzer kennen. Das bedeutet, dass Daten protokolliert werden: Was hat der Betreffende gestern gemacht? Welche Frage konnte er nicht beantworten? Wo müssen wir wieder ansetzen?“ (Meinel, 2020).

Personalisierte Angebote für das Lernen basieren notwendig auf möglichst umfangreichen Lern-, Verhaltens und Persönlichkeitsprofilen. Dazu wird das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler möglichst kleinteilig aufgezeichnet und ausgewertet. (Stichwort Learning Analytics) Aus Lernprozessen wird ein permanentes Vermessen von digital abprüfbaren Lernleistungen. Der Begriff dafür ist datengestützte Schulentwicklung. (Hartong 2019) Daten und messbare Ergebnisse, nicht Menschen und Lernprozesse, stehen nach dieser Logik im Mittelpunkt von Schule und Unterricht. Relevant ist nach den Prämissen der Daten-Ökonomie und der empirischer Bildungsforschung ohnehin nur, was messbar ist und verdatet werden kann.

Ärgerlich ist, dass diese Entwicklungen als „modern und innovativ“ behauptet werden, obgleich sie rückwärtsgewandt sind. Die „Psychologisierung des gesamten menschlichen Lebens“ hat der Vordenker der Allgemeinen Psychologie, William Stern, bereits um 1900 prognostiziert. Stern postulierte mit Kollegen wie Hugo Münsterberg bereits 1912 als psychotechnische Maxime: „Alles muss messbar sein.“ Psycho-Technik wurde zur Leitdisziplin des Psycho-Ingenieurs, der daraus die „Lehre der unbegrenzten Formbarkeit des Einzelnen“ ableitete (Gelhard, 2011, 100) Selbst Emotionen sind nach diesem Verständnis Kompetenzen, die man trainieren und zur Selbstoptimierung verändern kann.

Der Psychologe David McClelland leitete im Aufsatz „Testing for competence“ (1973) aus dem Kompetenzbegriff das „pädagogische Versprechen einer umfassenden Formbarkeit des Menschen“ ab. (ebda. 120). Das wiederum ist die Basis der Psychotechniken, die heutige App-Entwickler einsetzen, die über Smartphones, Web&App menschliches Verhalten modifizieren (Nudging, Selftracking) oder manipulieren (Werbung, Influencing). Mit dem kommerziellen Web, mit Mobile Devices und Apps wird lediglich die permanente Selbstvermessung der Nutzer durch mobile Geräte möglich. Social-Media-Kanäle sind, so gesehen, auf Dauer gestellte Assessment-Center und liefern rund um die Uhr Nutzer-Daten. Mit dem Digitalpakt Schule wird diese Infrastruktur per Schulcloud in Bildungseinrichtungen und, falls beim nächsten Virus wieder Schulschließungen notwendig werden, für das Home Schooling etabliert.

Alternativen zur Datenprostitution

Wer statt der Optimierung technischer Systeme den Menschen, seine individuelle Entwicklung als autonome und selbstverantwortliche Persönlichkeit und nicht zuletzt humane Lernprozesse im Blick hat, kappt daher als Erstes den Rückkanal für Daten. Statt Nutzerprofile in intransparenten Datensilos von IT-Anbietern zu sammeln, werden Daten allenfalls lokal gespeichert (Edge Computing, Intranet) und nach Gebrauch gelöscht. Persönlichkeits- und Leistungsprofile werden weder erstellt noch vermarktet. Technisch wird das mit offenen Betriebssystemen wie Linux und Open Source-Software realisiert, bei der der Quellcode lesbar ist. Für die Kommunikation nutzt man verschlüsselte Messenger wie Signal oder Threema, die keine Meta-Daten aufzeichnen, für das Web Tor-Browser (The Onion Router) und Suchmaschinen wie Startpage oder DuckDuckGo, die keine Such- und Verlaufsprotokolle aufzeichnen. Dadurch werden Rechner und Software wieder zu dem, was sie sein sollten: Werkzeuge der privaten Kommunikation und Unterhaltung oder auch mögliche Medien im Unterricht, allerdings ohne erzwungene Datenprostitution.

Dann sollte man noch den Digitalpakt Schule umbenennen in Qualitätspakt

Schule und die Zahlungen verstetigen. Allerdings mit dem kleinen, aber wesentlichen Unterschied, dass die Schulen vor Ort entscheiden, für was die Gelder ausgegeben werden. Autonomie und Verantwortung vor Ort macht Schulen und Schulgemeinschaften stark, nicht Direktiven aus Berlin oder IT-Unternehmen. Aber das ist ja die Gretchenfrage: Werden IT-Systeme optimiert oder oder der Mensch für selbstverantwortliches Handeln gebildet?

fehlende Literatur- und Quellenangaben als PDF bei der BLZ blz [at] gew-hb[ dot] de abrufbar.

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