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BremerhavenCorona verschärft die Bildungsarmut

Die Schattenseiten der Digitalisierung

16.05.2020 - Ina Röske, GEW Bremerhaven

In Zeiten von Schulschließungen ertönt vielerorts ein Hoch auf die Digitalisierung. Homeschooling und E-Learning werden als DIE Lösungen präsentiert, mit enormen Lernchancen für Schüler*innen und Lehrkräfte gleichermaßen. Die Möglichkeiten scheinen grenzenlos* Arbeitsmaterial, Videochats, online-Fortbildungsmöglichkeiten, Foto- und Videoergebnisdokumentationen, Lernprogramme etc.. Diese Chancen sind vorhanden – die Risiken allerdings auch. Die Frage, inwiefern eine digitalisierte Bildung den Menschen auf eine demokratische, auf Teilhabe basierende Gesellschaft vorbereiten und „bilden“ kann, darf nicht ausgeklammert werden. Allerdings wäre eine vertiefte Diskussion über Chancen und Risiken des digitalen Lernens an dieser Stelle bloße Augenwischerei. Das Hurra auf die Digitalisierung hat eine Alibifunktion in der vermeintlich auch in Zeiten von Schulschließungen fortgesetzten „Bildung“ der Kinder und Jugendlichen.

Denn: Homeschooling und E-Learning implizieren, dass die Schülerin/der Schüler (oder die Eltern) überhaupt Zugang zu den entsprechenden digitalen Lernangeboten besitzen. In der Minimalausstattung wären das ein internetfähiges Endgerät, das vollumfänglich alle E-Learning Angebote abbildet, und eine ausreichend gute Internetverbindung. Sicherlich verfügen die meisten Jugendlichen über internetfähige Smartphones. Doch längst nicht alle! Und wie sieht das bei jüngeren Kindern aus? Sollen diese überhaupt ein Handy besitzen? Ob und in welchem Maße sollten die Kinder in Kindergärten oder Grundschulen digital lernen? Dies wäre eine andere, aber durchaus lohnenswerte Diskussion.

Nun gut - angenommen das Endgerät steht zur Verfügung, bleibt noch die Frage nach der Internetverbindung. Insbesondere bei geringen oder gar keinem (Erwerbs-) Einkommen, das im Corona-Ausnahmezustand plötzlich für viele Familien zu einer nicht vorhersehbaren Realität geworden und ohne Coronazeiten für viele sozioökonomisch Schwache der Normalfall ist, bleibt der Internetanschluss nicht selten auf der Strecke. Dann ist es nicht (immer) möglich die Mobilfunkrechnung zu bezahlen oder das Prepaid-Handy aufzuladen. Diese Gruppe von Schüler*innen ist dann de facto von ihren Bildungschancen abgeschnitten - entledigt jeglichen Lernfortschritts. Anmerkung: Sicherlich gibt es dankenswerterweise sehr engagierte Kollegen*innen, die das Arbeitsmaterial sogar persönlich oder postalisch den Schüler*innen zukommen lassen. Diese gelobten Individuallösungen verdecken wiederrum die massiven strukturellen Probleme - ein bekannter Argumentationsreflex aus den Kreisen der Verantwortlichen.

Nehmen wir einmal an, dass alle Schüler*innen über die Minimalausstattung (Handy/Internet) verfügen würden, so wäre eine echte Chancengleichheit dennoch nicht verwirklicht. Auf technischer Ebene muss der Aspekt der Bedienungsfreundlichkeit mitbedacht werden, der an sich bereits zu einer Benachteiligung oder Bevorzugung führen kann. Denn mit einem Handy kann nicht in gleicher Weise wie mit einem internetfähigen PC/Laptop (evtl. mit Drucker/Scanner) gearbeitet werden. Swype hin oder her, auch Swype-Tastaturen werden die Verwendung von Tastatur und Maus nicht vollständig (aus dem Berufsalltag) verschwinden lassen. Wohl denen, die rechtzeitig und genügend damit üben konnten.

Zu bedenken ist außerdem, dass das Homeschooling insbesondere jene Schüler*innen trifft, die eine besondere Begleitung im Lernen benötigen: Schüler*innen mit einem ausgewiesenen Förderbedarf, mit einem hohen Unterstützungsbedarf und Schüler*innen mit einem Fluchthintergrund. Denn sie sind in viel stärkerem Maße auf inhaltliche, strukturgebende und sprachliche Hilfen angewiesen. Vielen Schülerinnen und Schülern mit und auch ohne Förderbedarf, insbesondere auch jene aus bildungsfernen Familien, fehlen häufig die Fähigkeiten, um sich Lerninhalte selbstständig zu erarbeiten. Sie können nicht ihr eigenes Lernen überwachen  (Metakognition) und es fehlt ihnen an Selbststeuerungsprozessen, um den Lernalltag im Homeschooling oder ihre Lernaufgaben eigenständig zu strukturieren. Manche Schüler*innen mit Fluchthintergrund beherrschen die deutsche Sprache erst unzureichend: Wie sollen sie sich in Lerntools wie „its learning“ zurechtfinden? Die Lehrkräfte können die erforderliche Unterstützung aus der Ferne kaum bewerkstelligen, so dass die Verantwortung des familiären Kontextes steigt - ein Paradoxon, wenn gleichzeitig die Bildungschancen von der sozio-ökonomischen und kulturellen Herkunft sowie vom Bildungsgrad der Erziehungsberechtigten entkoppelt werden sollen. PISA belegt das klägliche Scheitern in diesem Punkt seit zwanzig Jahren.

Es ist zu erwarten, dass der ausgerufene Notstand der Corona-Krise wieder enden wird. Was soll also die Aufregung, um ein paar vermeintliche „Einzelfälle“? Wer so argumentiert, verpasst die Chance in der Krise. Sie konzentriert die Problematik der Digitalisierung wie durch ein Brennglas. Denn mit oder ohne Schulschließungen werden die Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien in der Digitalisierung der Bildung strukturell benachteiligt sein. Auch Ganztagsschulen werden diese Lücke nicht schließen können.

Wer Digitalisierung inklusive Digitalpakt, Homeschooling, Flipped Classroom, E-Learning und das Recht auf Bildung (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 26/ Bremer Landesverfassung, Art. 26), also auch die Chancengleichheit von Bildung ernst meint, kann nur zu den Schlussfolgerungen kommen, dass zunächst …

  • jede*r Schüler*in mindestens ab der Oberschule ein eigenes Schullaptop kostenfrei und zur freien Verfügung gestellt werden muss (inkl. regelmäßiger Wartung)
  • und dass jede*r schulpflichtige/r Schüler*in einen kostenfreien Internetzugang von Zuhause benötigt.

Will man eine Benachteiligung schon auf der technischen Ebene verhindern, stellen BYOD (Bring your own device) oder BYRD (Bring your rented device) keine tragfähige Lösung dar. Es sei denn die Kosten werden vollständig von Bund oder Ländern übernommen. Der zeitlich und finanziell begrenzte Digitalpakt ist in diesem Zusammenhang weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Er ist ein Armutszeugnis.

Solange folglich die digitale Minimalausstattung für alle Schülerinnen und Schüler (ab der Oberschule) weder mitgedacht noch umgesetzt ist und die Digitalisierung blindlings vorangetrieben wird, werden die Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien von ihren Bildungschancen erneut abgekoppelt. Die Bildungskluft zwischen Arm und Reich wird weiter zementiert.

Alle, die Bildung verantworten, werden sich der digitalen Frage kritisch stellen müssen. Denn der bisherige Diskurssaufriss berücksichtigt noch nicht die Gretchenfrage:
Nun sag, wie hast du`s mit der Bildung? Wie ist „digitale Bildung“ in einer demokratischen Gesellschaft auszugestalten? Dabei kann es nicht nur um die Frage gehen, wie und wann die digitalen Medien eingesetzt werden, denn es sind nur Medien. Wer sich an seine Ausbildung zur Lehrerin oder zum Lehrer erinnert, der weiß, dass es diese Frage erst am Ende einer Reihe anderer Entscheidungen zu beantworten galt. Die methodischen und vor allem didaktischen Kernfragen können und dürfen nicht ausgeklammert werden. Diese Fragen und Entscheidungen bleiben und müssen von Menschen bedacht und getroffen werden, am besten unter demokratischer Einbeziehung der Betroffenen – sprich der Schülerinnen und Schüler. Andere Überlegungen, die das Lernen mit vermeintlicher Evidenzbasierung, digital erleichterter Kompetenz- und Standardorientierung, Testung und Re-testung usw., an die Maschinen delegieren wollen, höhlen das demokratische Selbstverständnis aus. Eine Digitalisierung in der Bildung schreit gerade in noch höherem Maße nach Anleitung, Begleitung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen, um sie fit zu machen, für die kritische Nutzung der Medien, um sie vor den Gefahren des Internets (Abzocke, Mobbing, Pornographie, Internetsucht, Spielsucht…) zu schützen, und zu demokratischen, selbstständigen und mündigen lebenslang Lernenden zu befähigen.

 

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