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AfDChronik einer gescheiterten Entlarvung

Das Höcke-Interview bei 'Berlin direkt'

 

 

 

16.11.2019 - Werner Pfau

Am Ende gab der bekannteste Exponent des berüchtigten 'Flügels', Bernd Höcke, doch noch verräterische Einsichten in sein Innenleben: Als das Interview mit dem ZDF zur Wahl in Thüringen nicht wie gewünscht lief, intervenierte zunächst sein Pressereferent und verlangte die Löschung des bislang Aufgenommenen sowie einen Neuanfang. Der Journalist weigerte sich, Höcke hakte ein, versuchte in gespielt sachlicher Manier ins gleiche Horn zu stoßen, ohne Erfolg. Schließlich ging sein germanisches Temperament mit ihm durch. Er drohte dem zuständigen Journalisten ernste Konsequenzen an und markierte den zukünftig einflussreichen Politiker, mit dem man sich doch wohl nicht anlegen wolle – das ZDF, das die ganzen Verhandlungen mitgeschnitten hatte, veröffentlichte süffisant den mafiös-aufgeplusterten Auftritt. Gäbe es für den autoritären Charakter ein Messgerät, so wären hohe Ausschläge auf Adornos berühmter F-Skala zu messen gewesen.

Hilfloser Antifaschismus

Wie kam es zum Eklat? Offenbar hatte das Fernsehteam von „Berlin direkt“ dem Politiker keine Bühne für ein Wahlkampfpalaver der gewohnten Sorte bieten wollen. Stattdessen sollte er auf seine Nähe zu faschistischem Gedankengut festgenagelt werden. Für dieses wohlbegründete Anliegen hatte man einen Einspieler vorbereitet, der leider als geradezu kontraproduktiv angesehen werden muss, die angestrebte Entlarvung unterlief und eher zur Reinwaschung der Rest-AfD geraten ließ. In seiner Anlage war das Interview typisch für das, was man in Anlehnung an Wolfgang Fritz Haug als den 'hilflosen Antifaschismus' der Öffentlich-Rechtlichen bezeichnen muss. Sehen wir uns das ganze Arrangement also etwas genauer an.

Im ersten Schritt hatte die Redaktion zwei Ausschnitte aus Höckes Buch ausgesucht, von denen sie glaubte, er verwende Nazivokabular und sei ununterscheidbar von Hitlers typischer Diktion in 'Mein Kampf'. Im zweiten Schritt wurde der Text - ausgerechnet – vier ausgesuchten Bundestagsabgeordneten der AfD vorgelesen und diese mussten entscheiden, ob er von Höcke oder Hitler stamme. Nachdem sie das nicht konnten oder wollten (zumindest die, die im Einspieler vorkamen), konfrontierte man Höcke damit; Stoßrichtung: Sehen Sie, selbst in ihrer eigenen Partei gelten Sie als Nazi.

Das Dilemma reiner Sprachkritik

Fragwürdig ist das Verfahren in verschiedener Hinsicht. Zuallererst die beliebte Manier, nicht die vielen inhaltlichen Belege für faschistisches Denken bei Höcke aufzugreifen, sondern nach bestimmten Schlüsselbegriffen zu suchen – gleichsam wie ein Zähldetektor, der auf anrüchige Wörter 'anschlägt'. Werden dann drei von fünf einschlägigen Termini registriert, leuchtet das Nazi-Lämpchen auf und der ideologische Lackmustest ist positiv. Besonders die im Interview gebrauchten Zitate offenbaren das Dilemma solchen Vorgehens, denn während sie inhaltlich sehr wohl Motive eines radikalen Nationalismus transportieren, hat Höcke eine direkte terminologische Übernahme von 'Mein Kampf' gerade vermieden. Etwa in folgender Äußerung:

„Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen, dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt."

Auch ohne Studium der Geschichte lässt sich erahnen, dass der Begriff 'Schutthalden der Moderne' nicht zum Hitlerschen Jargon gehört. Möglicherweise ist es ihrer Unbildung zu verdanken, wenn die AfD-Vertreter in die Falle tappen; ihrem Bekunden nach haben Sie 'Mein Kampf' nicht gelesen und lassen sich schon von daher nicht auf eine Antwort ein. Gleiches gilt für das zweite Zitat:

Die Sehnsucht der Deutschen nach einer geschichtlichen Figur, welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zerrissenheit überwindet und die Dinge in Ordnung bringt, ist tief in unserer Seele verankert.‟

Wiederum: Nähert man sich dem Zitat in der Hoffnung, eindeutige Anleihen aus 'Mein Kampf' zu finden, wird man enttäuscht. Jene schmierige Metaphorik, die von 'Wunden im Volk' salbadert – als ob dieses eine Kollektivpsyche besäße - und einer verlorengegangenen 'Ordnung' hinterher trauert, gehört zum Grundbestand aller rechten Rhetorik. Sie könnte bei Marine Le Pen ebenso auftauchen wie bei Arthur Moeller van der Bruck, dem Vertreter der Konservativen Revolution der Zwanziger Jahre. Eben deswegen ist sie nicht spezifisch für NS-Rhetorik.

Wohlgemerkt, inhaltliche Parallelen sind vorhanden, liegen indes weniger in der Wortwahl, als vielmehr der völkischen Logik des Gedankens begründet: Moderne Entwicklungen wie die Aufklärung oder die Emanzipation des Individuums werden als gesellschaftliche Fehlentwicklungen gebrandmarkt, das ethnisch definierte 'Volk' biologistisch zur naturhaften Einheit überhöht. Jene historische Figur, die das Volk von den herbei fantasierten Schäden der Moderne erlöst, gemahnt sehr wohl ans nationalsozialistische Führerprinzip, gleichwohl sucht man Worte wie 'Führer' und 'Gefolgschaft' vergebens.

Grobes Raster

Das Team von Berlin Direkt ersetzt also inhaltliche Kritik, für die man sich Expertise hätte holen können, durch die sprachkritische Fahndung nach kontaminierten Worten, mit deren Hilfe der Sprecher gleichsam in flagranti seiner faschistoiden Tendenzen überführt würde. Das allzu simple Verfahren greift ins Leere, wo sich die alten Ideen in neuer sprachlicher Kluft präsentieren. Daran arbeiten momentan diverse pseudointellektuellen Kaderschmieden, die sich mittlerweile im rechten Spektrum um die AfD herum gebildet haben: Zeitschriften wie Sezession und Junge Freiheit gehen taktisch in ihrer Wortwahl vor und bedienen sich noch anderer ideologischer Quellen als bloß der NS-Ideologie, sie rezipieren von Carl Schmitt bis Ernst Jünger alternative faschistische Stichwortgeber und patchworken mit ihren Funden am Design einer 'zeitgemäßen' rechtsradikalen Gesinnung. Sich dagegen auf die Fahndung nach offener verkündeter Nazi-Begrifflichkeit zu versteifen, das mag bei einem Höcke noch wirken, dessen aufgeblasenes Ego leicht in Rage zu versetzen ist. In der rechten Szene ist man im Grunde schon weiter, hat Sprechweisen entwickelt, die auf ideologische Motive der NS-Ideologie anspielen, ohne sie direkt auszusprechen. Dadurch ausgelöste Provokationen erzeugen empörte Aufmerksamkeit und geben ihren Urhebern Gelegenheit, sich auf die semantische Offenheit der Sprache zu berufen.

Expertise durch die AfD

Das Vorgehen des Fernsehteams hat noch eine weitere gravierende Schwäche: Als Experten für die sprachkritischen 'Treffer' werden ausgerechnet Vertreter der AfD herangezogen – sind diese etwa ausgewiesene wissenschaftliche Kenner der Materie? Sie werden zu Kronzeugen für die beabsichtigte Botschaft aufgewertet: Ist Höcke in seiner eigenen Partei isoliert  – dieser Eindruck wird durch die Entgegensetzung seiner Person mit den Interviewten erzeugt – kann es um diese im Ganzen ja nicht so schlimm stehen. Das wärmt die Legende von der gemäßigten Mehrheit der AfD auf; Höcke und seine Leute sind offenbar nur Schmuddelkinder, deren sich die Partei noch entledigen müsste, um schon fast im Hafen der Demokratie eingelaufen zu sein. Dabei reduzieren sich die innerparteilichen Einwände gegen den „Flügel“ überwiegend auf pragmatische Erwägungen, wie in Gaulands Empfehlung, sich doch gelegentlich „auf die Zunge zu beißen“.

Der unmittelbare Vergleich politischer Aussagen mit denen Hitlers gehört zu den vermeintlich schlagendsten rhetorischen Manövern der öffentlichen Debatte nach 1945. Oft liegt eher Dämonisierung zugrunde und Personalisierung, als Aufklärung über die Wurzeln des faschistischen Grauens. Im Kontext öffentlich-rechtlicher Berichterstattung scheint der Reiz solchen Vorgehens darin zu liegen, dass man inhaltliche Widerlegung, wo sie angezeigt wäre, durch formale „Entlarvung“ ersetzt; vermutlich in der Annahme, so bleibe jene journalistische Neutralität gewahrt, die in Wirklichkeit nur in der Selbstaufgabe des Denkens besteht.