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Bremer Ganztagsschulen –im Aufwind mit Gegenwind

„Die Schule ist Lebensraum ihrer Schülerinnen und Schüler, soll ihren Alltag einbeziehen und eine an den Lebensbedingungen der Schülerinnen und Schüler und ihrer Familien orientierte Betreuung, Erziehung und Bildung gewährleisten.“

16.05.2011 - von Uwe Lorenz

So das Bremische Schulgesetz im §4. Hinterfragt man die Bedeutung dieses Satzes, so können die Forderungen, die darin enthalten sind, nur von einer Schule in Ganztagsform erfüllt werden. So ist es auch konsequent, dass es in den von der Bildungsbehörde zusammengestellten „Merkmalen einer guten Schule“ heißt: „Eine gute Schule wird als Ganztagsschule geführt, und zwar mit verpflichtendem ganztägigen Unterricht, Arbeitsgemeinschaften und anderen Bildungsangeboten.“

Erwartungen

Politik und Öffentlichkeit erwarten von der Ganztagsschule eine Verbesserung der Unterrichtsqualität, damit einhergehend den Abbau der sozialen Koppelung, eine Verringerung der Schulabbrecherzahl sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Schulleitungen und Mitarbeiter haben in den letzten Jahren in Bremen erfolgreiche Ganztagsschulen aufgebaut. Sie sind von der Organisationsform „Ganztagsschule“ überzeugt, hal-ten das Bremer Konzept der gebundenen Ganztagsschulen für zukunftsweisend und den gesellschaftlichen Erfordernissen sowie dem internationalen Standard entsprechend und vertreten dieses auch nach außen. Die neu ins Leben gerufene „Verlässliche Ganztagsschule Plus“ kann vielleicht partiell ein Ersatz für fehlende Hortangebote am Standort Schule sein. Das, was eine Ganztagsschule leistet, kann sie dagegen nicht erreichen. Die VGS Plus ist ein eingeschränktes Angebot für wenige Kinder einer Schule, damit ist sie selektiv und kann keine ganzheitliche Förderung aller Kinder gewährleisten. Nur wenn sie sich perspektivisch zu einer „wahren“ Ganztagsschule entwickelt, ist sie als Übergang zu akzeptieren.
Es ist erfreulich, dass die Ganztagsschulentwicklung im Lande Bremen vergleichsweise rasch begonnen wurde, die IZBB-Mittel voll ausgeschöpft und zusätzliche Mittel für Ausgestaltung und Personal bereitgestellt wurden. Und trotzdem: Wir sind noch lange nicht am Ziel angekommen! Und wir müssen in einer Zeit der leeren Kassen besonders darauf achten, dass die Finanzmittel erfolgsbringend eingesetzt werden.
Natürlich wäre es wünschenswert Ganztagsschulen flächendeckend einzuführen - und dies möglichst in gebundener Form -, weil hierdurch eine Reihe jetzt bestehender Schwierigkeiten schlagartig beseitigt wäre, beispielsweise das leidige Anwahlproblem. Das, was in anderen Ländern gängige Schulpraxis ist, wurde in der Bundesrepublik in traditionsverhafteter Schulpolitik leider versäumt. Die „Halbtagsschule“ als Normalität ist verfestigt und es scheint sehr schwer, mehr Geld für mehr Bildung frei zu setzen. Doch eines ist klar, die Idee „Ganztagsschule“ ist unbestritten in allen gesellschaftlichen und politischen Lagern angekommen, sie befindet sich im Aufwind. Auch in Bremen muss politisch klar werden, nach welchen Prioritäten der Ausbau der Ganztagsschulen erfolgen soll. Der Ganztagsschulverband fordert alle politischen Kräfte auf, sich dem Gegenwind der fehlenden Finanzen entgegenstemmen.

Wirkungen

Eine Hilfestellung liefert hierzu die neueste Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG), die die Entwicklung und Wirkung von Ganztagsschulen untersuchte (Anm. KONSORTIUM DER STUDIE ZUR ENTWICKLUNG VON GANZTAGSSCHULEN (StEG) (Hrsg.) (2010): Ganztagsschule - Entwicklung und Wirkungen, Frankfurt am Main.)
Ein deutliches Indiz für den Vorteil gebundener Systeme liefert StEG in dem Ergebnis, dass der Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern in gebundenen Ganztagsschulen im Vergleich zu offenen und teilgebundenen System am höchsten und die Wiederholerquote dort am geringsten ist. Maßgeblich für den Erfolg von Ganztagsschulen, so lässt sich aus der Studie ableiten, sind u. a.:

  • Festlegung von Standards
  • Verbesserung der schulischen Konzeptionen
  • Verzahnung der unterschiedlichen Lernzeiten
  • Abbau additiver Angebote zugunsten verbindlicher Angebote
  • Flexibilisierung des Zeitmanagements (Rhythmisierung)
  • Konzeptionelle Einbindung der Kooperationsteilnehmer
  • Kooperationszeiten für schulisches und außerschulisches Personal.

Betrachtet man die Ganztagsschulen im Lande Bremen unter diesen Gesichtspunkten, sind die Mängel offenkundig. Sicher, seit 2005 gibt es eine Aufstellung von „Qualitätsstandards für Ganztagsschulen“ (Anm. DER SENATOR FÜR BILDUNG UND WISSENSCHAFT (2005): Vorlage zur Sitzung des Senats vom 18.01.2005, Qualitätsstandards für Ganztagsschulen, Bremen.) mit den Kategorien „Weiterentwicklung der Lehr- und Lernkultur“, „Zeitgestaltung im Ganztag“, „Partizipation und Zusammenarbeit intern und mit außerschulischen Partnern“ und „Raumkonzept“. Doch wie weit sind wir mit deren Umsetzung gekommen?
Mit einem hohen Grad an Idealismus wurden die Ganztagsschulen im Lande Bremen auf den Weg gebracht. Gerade der Weiterentwicklung der Lehr- und Lernkultur diente ein besonderes Augenmerk und wurde dank der Unterstützung durch die „Serviceagentur ganztägig lernen“ massiv vorangetrieben. Die zurzeit geltende Regelung von zwei zusätzlichen Lehrerwochenstunden je Ganztagsklassenverband kann dabei allerdings keinen hinreichenden Effekt erzielen. Hier ist eine spürbare Erhöhung notwendig, um den wichtigsten Vorteil einer Ganztagsschule - „Mehr Zeit zum Lernen“- auch wirklich nutzbar zu machen. Wenn man die Verweilzeit in der Schule um ein Drittel erhöht, muss auch die Personalquote um ein Drittel erhöht werden. Das muss mit einem „gesunden“ Personalmix erfolgen, bedeutet aber nicht, dass das Mehr an Zeit ausschließlich durch angeklebte Nachmittagsangebote außerschulischer Kräfte genutzt wird, sondern in gemeinsam durchdachter Rhythmisierung unterrichtsbezogen sowohl von Lehrkräften wie auch Externen professionell geplant und durchgeführt wird. „Zentral ist allerdings auch hier wieder die Qualität – der Angebote, des Unterrichts und der Schule im Allgemeinen: Sie beeinflusst die Motivation der Schülerinnen und Schüler zu lernen und die eigenen Kenntnisse zu erweitern (Lernzielorientierung) sowie die Bindung der Jugendlichen an die Schule.“ (Anm. StEG, S. 16.)

Mängel

Ebenso wie in der StEG-Untersuchung ermittelt, lässt sich auch in den Bremer Ganztagsschulen feststellen, dass in der fehlenden konzeptionellen Einbindung der Kooperationspartner und der fehlenden Kooperationszeiten die Begründung für Mängel in der Umset-zung bestehen oder es auch zu zeitlichen Überlastungen von Lehrkräften und Mitarbeiter kommt. Als Folge steigt der Krankenstand, der sich auch nicht durch die vorhandene Vertretungsreserve ausgleichen lässt. Eine Erhöhung dieser Vertretungsreserven ist deshalb sowohl für Lehrkräfte wie für sozialpädagogische Fachkräfte erforderlich.
In der Stadt Bremen besteht im Vergleich zur Stadt Bremerhaven ein bemerkenswert hoher Bedarf darin, offene Ganztagsoberschulen in gebundene zu überführen. Ob diese unterschiedliche Sichtweise einer unterschiedlichen pädagogischen Begründung unterliegt, ist unwahrscheinlich. Eher scheint dies an den finanziellen Ressourcen zu liegen, die eine solche Umwandlung erforderlich macht. Dass die Stadt Bremerhaven deshalb Landesmittel für diese Maßnahmen fordert, ist nur zu verständlich. Um zu vermeiden, dass die beiden Städte eine unterschiedliche Entwicklung nehmen, ist die Festlegung eines gemeinsamen Weges dringend angezeigt.
Die finanziellen Ressourcen bestimmen natürlich auch das Raumkonzept. Doch man muss sich darüber im Klaren sein, dass die zunehmende Anwahlzahl Ergänzungen notwendig macht. In der Stadt Bremen bestehen an vielen Oberschulen Raumprobleme wegen zu klein konzipierter Mensen. Andererseits sind in der Stadt Bremerhaven teilweise zu geringe Teilnehmerzahlen zu beobachten, verursacht höchstwahrscheinlich durch die überwiegend offenen Angebote.
Die StEG-Untersuchung ermittelt auch ein verbessertes Sozialverhalten in Ganztagsschulen, und zwar in Abhängigkeit von der Qualität der Unterrichtsangebote und der dauerhaften Teilnahme. (Anm. Ebd [StEG]., S. 15. )
Auf der anderen Seite hat sich der Einsatz von Erziehern/Erzieherinnen, Sozialpädagogen/Sozialpädagoginnen in den Bremer Schulen sehr bewährt. Beides, die gute Unterrichtsqualität und die Unterstützung durch die schulische Sozialarbeit, ist für alle Schulen Bremens unabdingbar, gerade auch vor dem Hintergrund der hohen Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Schulsozialarbeit fängt nicht erst in der Oberschule an. Deshalb sind auch Grundschulen mit Sozialpädagogen auszustatten. Nur so kann die Schule die notwendige Zusammen-arbeit mit der Jugendhilfe nahtlos gewährleisten. Dass in einem Bundesland, bei dem jedes dritte Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt, ein erhöhter Betreuungsbedarf und auch ein kostenloses Mittagessen unumgänglich sind, muss noch einmal deutlich hervorgehoben werden.

Forderungen:

Hinzu kommt, dass es im Stand der Entwicklung der einzelnen Ganztagsschulen in Bremen wie in Bremerhaven große Unterschiede gibt, auch verursacht durch unterschiedliche Ausstattung. Eine neue Ganztagsschulverordnung, häufig angekündigt, könnte dies regeln, steht aber immer noch aus.
Zusammengefasst bleiben folgende Forderungen:

  • Aufbau neuer und Fortentwicklung bestehender Ganztagsschulen in gebundener Form
  • Deutliche Erhöhung der Lehrerwochenstundenzahl für Ganztagsklassen
  • Erhöhung der Vertretungsreserve
  • Sozialpädagogische Fachkräfte in ausreichender Menge in allen Ganztagsschulen und Absicherung der Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe
  • Vergrößerung und Qualitätsverbesserung des verbindlichen Angebotes
  • Zusätzliche Kooperationszeiten für Lehrkräfte, Sozialpädagogische Fachkräfte und Honorarkräfte
  • Ausreichende Raumausstattung (Mensen)
  • Unverzügliche Verabschiedung einer Ganztagsschulverordnung
  • Einsatz von Landesmitteln für die Einlösung obiger Forderungen

Ganztagsschulen sind in der Öffentlichkeit angekommen und zu einem bedeutsamen Bestandteil des Regelschulsystems in Bremen geworden. Erfolge, die man sich von dieser Maßnahme verspricht, können sich dauerhaft aber nur einstellen, wenn man die dafür notwendigen Voraussetzungen schafft, sie regelmäßig auf ihre Wirksamkeit überprüft, die Arbeit des daran beteiligten Personals angemessen würdigt und deren Bedarfe wahrnimmt. Der Ganztagsschulverband erwartet, dass die aufgezählten Mängel durch zeitnahe Entscheidungen der politischen Gremien in der nächsten Legislaturperiode und deren zügige Umsetzung seitens der Bildungsbehörde behoben werden. Damit wäre ein weiterhin qualitativ hochwertiger Auf- und Ausbau der Ganztagsschulen im Lande Bremen gewährleistet.

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