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KitaBildungsplan und Wirklichkeit:

Was sich in der Bildung ändern muss - aus Sicht pädagogischer Fachkräfte im KiTa-Bereich

 

16.05.2019 - Sylvia Streibl

In den Ende 2018 veröffentlichten Pädagogischen Leitlinien zum Bildungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren des Landes Bremen heißt es: „Mittelpunkt der Arbeit sind in allen Einrichtungen die Kinder. Bildung, Erziehung und Betreuung und die damit zusammenhängende Organisation von Abläufen sowie die Gestaltung der Lernumgebung sind an ihren Bedürfnissen, Interessen und den Notwendigkeiten ihrer Entwicklung auszurichten. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Kinder ist das soziale Klima in der Kindergruppe/Lerngruppe. Die Pädagogischen Fachkräfte gestalten daher die Einrichtungen nicht nur als Lernort, sondern gemeinsam mit den Kindern auch als Lebensraum.“

In meiner täglichen Arbeit ist es mir wichtig, dass sich jedes Kind an jedem Tag als ganz wichtigen Teil der Gruppe erleben kann und dass alle Kinder sich wohlfühlen, entspannt und glücklich sind. Selbstbestimmt, selbstständig und sich ausprobierend gestalten sie den Tag in der Gruppe mit. Ein Teil der Gruppe zu sein – Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen sowie sich gegenseitig zu helfen ist wesentlicher Teil des Miteinander. Neue Herausforderungen gestellt zu bekommen oder sich selbst zu suchen und dabei unterstützt zu werden, ist ein wesentlicher Teil des Lernprozesses – individuelle und/oder gemeinsame Erfolgserlebnisse sind für die Kinder so wichtig! Die leuchtenden Augen, wenn es endlich geklappt hat, sind gleichermaßen Ansporn für und Zeugnis der Wichtigkeit unserer pädagogischen Arbeit!

In den Leitlinien heißt es in diesem Sinne weiter: „Pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen und in der Schule richtet sich immer zugleich an Gruppen und an einzelne Kinder.“ Das liest sich schön, erfordert aber auch Rahmenbedingungen, die solches Arbeiten und das Umsetzen solcher Ziele auch ermöglichen.

Der überdurchschnittlich hohe Krankenstand, die große Zahl unbesetzter Stellen sowie darüber hinaus auch die insgesamt nicht hinreichende Personalausstattung führen dazu, dass tageweise, oft wochenlang Kolleginnen und Kollegen alleine in großen Gruppen arbeiten. Oftmals verzichten sie auf ihre Pausen, da sonst keinerlei Möglichkeit der Gruppenabdeckung besteht. Die Fehlentscheidung, die sogenannten Viertquartalskinder (also zweijährige Kinder, die bis incl. Dezember erst drei Jahre alt werden) bereits ab August in die Elementargruppen aufzunehmen, führt dazu, dass der pflegerische und betreuerische Aufwand massiv steigt, ohne dass dies personell hinterlegt wurde – diese Entwicklung geht also voll zu Lasten der pädagogischen Arbeit in den Gruppen und mit einzelnen Kindern.

Mit hohem persönlichen Einsatz der pädagogischen Fachkräfte gelingt es, den Alltag und notwendige pädagogische Angebote aufrecht zu erhalten. Die eigenen Ziele und Ansprüche – und gleichermaßen die in den Pädagogischen Leitlinien geschilderten Ideen und Forderungen – gehen jedoch weit darüber hinaus und scheitern oft an den unzureichenden Rahmenbedingungen im KiTa-Alltag. Es ist gut, wenn die Bildungspolitik hohe Ziele formuliert. Gleichzeitig muss damit jedoch die hierfür notwendige Änderung der Rahmenbedingungen für die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte einhergehen. In diesem Sinne seien abschließend nur einige der wichtigsten Forderungen aufgeführt: 

  • Kleinere Gruppen und ein deutlich besserer Personalschlüssel:
    In den Elementargruppen gibt es mittlerweile bei den Kindern einen Altersunterschied von bis zu vier Jahren – ein Spagat zwischen Windeln wechseln und Schulvorbereitung. Die Vielfältigkeit der individuellen Bedürfnisse und der Anspruch einer pädagogischen Arbeit im Lernort und Lebensraum KiTa benötigt unbedingt mehr Aktivität in Klein- und Kleinstgruppen. Um hier mehr Flexibilität zu ermöglichen, ist eine deutliche Veränderung des Personalschlüssels unbedingt erforderlich.
  • Räumliche Vielfalt:
    Neben den Gruppenräumen bedarf es weiterer Räumlichkeiten zur Differenzierung – für Kinderinterviews, Schulvorbereitungs-, Entspannungs-, Musik- und Bewegungsangebote in kleineren Gruppen sowie individuelle Förderung u.v.a.m. sind innerhalb eines Gruppenraums mit 20 Kindern schwer bis gar nicht realisierbar – entsprechende Momente brauchen einen Raum zum zeitweisen Rückzug, der Konzentration und qualitativ andere, intensive Prozesse erlaubt.
  • Selbstbestimmte individuelle Vorbereitungszeit:
    Aktuelle Ereignisse in der Gruppe und in der Einrichtung machen Flexibilität in der zeitlichen Ausführung der individuellen Vorbereitung erforderlich. Gegebenenfalls sind auch Pausen zwischen der Gruppenarbeit und der individuellen Vorbereitung erforderlich und sinnvoll, ebenso wie andere räumliche Umgebungen. Die pädagogischen Fachkräfte benötigen daher die Freiheit, ihre Vorbereitungszeit an ihren individuellen Bedürfnissen auszurichten und anzupassen.
  • Ausreichende Qualifizierungs- und Fortbildungsmöglichkeiten:
    Zusätzlich zu einem breiten individuellen Fortbildungsangebot sind gemeinsame Fortbildungen im Team eine besonders gute Möglichkeit, um die pädagogische Arbeit weiterentwickeln zu können. Eine Fortbildungskultur in den KiTas erfordert kontinuierlich entsprechende Angebote, Beratung und Unterstützung für die einzelnen Beschäftigten und ganze Teams.
  • Finanzielle Anerkennung von Zusatzqualifikationen:
    Zusatzausbildungen und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften bringen neue Ideen, neue Erfahrungen und Impulse zur Verbesserung der pädagogischen Arbeit in die Einrichtungen und tragen im Sinne eines Qualitätsprozesses zu stetiger Reflexion und Verbesserung bei. Die Fortbildungsbereitschaft und das Engagement, sich permanent weiterzubilden und weiterzuqualifizieren, sollte sich in der Eingruppierung wiederspiegeln.
  • Angemessene Vergütung der Ausbildung
    Es ist unsäglich, dass die Ausbildung in diesem Beruf noch immer nicht vergütet wird. Dies drückt eine gesellschaftliche und politische Missachtung der Bedeutsamkeit dieser Tätigkeit und der damit einhergehenden Verantwortung aus. Gleichzeitig erschwert dies – ebenso wie die nach wie vor nicht angemessene tarifliche Vergütung – die Gewinnung zukünftiger Fachkräfte massiv.   

Noch immer fehlt es an Wertschätzung der Arbeit in den KiTas. Die jüngste Entscheidung, bei KiTa Bremen die Bezahlung der Erzieher*innen je nach Stadtteil zu differenzieren, ist ein Schlag ins Gesicht aller, die in diesem Bereich aus Überzeugung und mit hohem Engagement seit Jahren ihre Arbeit machen – allen problematischen Rahmenbedingungen zum Trotze. Es braucht vielmehr eine generelle Aufwertung dieser Arbeit, sowohl durch eine angemessene Vergütung für alle, aber auch durch eine deutliche Veränderung der Rahmenbedingungen. Zu einem gesunderen Arbeitsumfeld könnten insb. kleinere Gruppen, aktive bauliche Maßnahmen zur Lärmreduktion und vor allem eine grundlegend bessere personelle Ausstattung beitragen. Hierdurch ließen sich Qualität der Arbeit, Gesundheit der Mitarbeiter*innen sowie die Zufriedenheit von Kindern, Eltern und aller im KiTa-Bereich Tätigen deutlich steigern – zum Wohle aller.

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