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BremerhavenBildung in Bewegung

33. Pädagogische Woche in Bremerhaven

 

 

16.05.2019 - Bernd Winkelmann

Vor sechs Jahren überschrieben wir unsere Pädagogische Woche mit dem Titel: „Demokratische Pädagogik“. Damals stimmten wir in den vorbereitenden Überlegungen  dahingehend überein, dass die Zeit dafür erneut reif sei. Bedrohungen waren gegenwärtig: Die Parteien der extremen Rechten hatten ihr 25-jähriges Jubiläum in der Stadtverordnetenversammlung bereits hinter sich, die DVU saß dort seit September ´87). Die AfD stand in den Startlöchern, mittlerweile ist sie in allen Landtagen der Bundesrepublik vertreten.

Kernfähigkeiten

Die Auseinandersetzungen um Bildung und Erziehung würden nicht unbeeindruckt von diesen Veränderungen gesellschaftsweiter Einstellungen bleiben, dessen waren wir uns sicher, zumal der sog. PISA-Schock weiterhin unverarbeitet war. Wir hatten schon Jahre der Konzentration auf die Kernfähigkeiten hinter uns: Lesen, Schreiben, Rechnen gewannen im öffentlichen Diskurs an Boden, ebenso Tugenden, wie Fleiß, Durchhaltevermögen, Kampfkraft, deutlich mehr jedenfalls als eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung. Es zeichnete sich ab, dass ein Jahr später Bastian Schweinsteiger – vermutlich im patriotischen Bewusstsein - das 1:0 in Brasilien bis zur letzten Grätsche verteidigen würde.

Raum für Reflektion

In der Nach-PISA-Pädagogik waren dagegen (Nach-)Denken und vor allem Zeit und Muße dazu eher nicht vorgesehen – und wer ein Beispiel dafür benötigt, möge sich die geltende Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Lehrkräfte in Bremen ansehen. Wir aber wollten mit unseren Veranstaltungen den Raum für das Reflektieren schaffen.

Es folgte die seit Jahren am schlechtesten besuchte Pädagogische Woche.

Wir waren nicht unvorbereitet in diese Tage gegangen. Die GEW im Lande Bremen hatte sich durch eine Reihe von Veranstaltungen der Geschichte vergegenwärtigt, der ehemalige Senator Horst von Hassel an die „neue Schule“ erinnert, die aus den Lehren des Faschismus erwachsen musste. Auch wurden die daraus abgeleiteten Ansprüche mit der tatsächlich in den Schulen umgesetzten Demokratie verglichen. Eigentlich gab es Ansatzpunkte genug, Forderungen von Kolleg*innen, deren Bereitschaft zur Mitwirkung - und trotzdem blieb die Realisierung einer „demokratischen Pädagogik“ zäh.

Nun ist mir natürlich klar, gerade weil ich durch meine Mandate in den Bundesgremien der GEW die Möglichkeit des Vergleichs habe, dass diese Stadt im Grundsatz ein offenes Klima pflegt. Dies gilt im Gegensatz zu Landstrichen, die Hierarchie und Obrigkeit intensiver ausleben. Aber die demokratisch schwachen Gebiete waren nach meiner Erinnerung auch nie unser Maßstab und deshalb musste unbedingt mehr „Bewegung“ in diese Angelegenheit.

Ideen der Vergangenheit

In den darauf folgenden Pädagogischen Wochen versuchten wir, weitere Zugänge zu finden. Prof. Bukow berichtete über den Wandel urbaner Wirklichkeiten hin zur „inklusiven Stadt“, Prof. Mecheril machte uns mit seinen migrationspädagogischen Überlegungen mit dem Ziel einer „solidarischen Bildung“ vertraut. „Bildung in Bewegung“ ist damit der konsequente Titel unserer diesjährigen Veranstaltungsreihe, die Ideen der Vergangenheit aufgreifen will,  einbinden und weiterentwickeln soll.

Wir nehmen also einen neuen Anlauf. Wir freuen uns, dass Sie und ihr heute Abend gekommen sind und seid, auch die Anwahl der Workshops ist mindestens zufriedenstellend, gerade eingedenk der Frühjahres-Grippewelle, dem vor-österlichen Schlussspurt des dritten Schuljahresquartals und anderen interessanten wie aufreibenden Ereignissen in dieser Stadt.

Aber auch dieser Anlauf ist nicht frei von Hindernissen. Die Widersprüche dieser Gesellschaft kommen unmittelbar bei uns allen an. Dazu wenige Hinweise.

  1. Die allgemein politische Ebene: Die Erfahrungen für viele Kolleg*innen in der Gesellschaft sind schwierig; grundlegende Bedürfnisse kommen zu kurz (der Arzttermin dauert ewig, die KiTa-Plätze sind vergeben, die Bahn ist unpünktlich) – dies fördert nicht zwingend den Elan, an Veränderungen im demokratischen Sinne mitzuwirken.
  2. Das eigene berufliche Umfeld schränkt ein: Änderungen im Schulgesetz haben die Möglichkeiten der Partizipation verschlechtert (Der / die Schulleiter/ in hat das Vetorecht).
  3. Die eigenen pädagogischen Ansprüche fordern dermaßen viel Energie: Wenn ich meine eigenen Überzeugungen einbringen möchte, treffe ich auf zu wenige Mitstreiter*innen und bin zu oft auf mich allein gestellt.
  4. Die Ausrichtung der Schulpädagogik insgesamt ist nicht förderlich: Würde die aufwändig installierte Kompetenzorientierung ihre eigenen Versprechen einhalten, müssten wir andere Ergebnisse haben.

Veränderung

Es gibt mithin viele Ansatzpunkte, notwendige „Bewegung“ einzuleiten. Um den Kolleg*innen zu helfen, die Prioritäten ihres Handelns zu überprüfen, benötigen wir Theorie und Praxis. Mit dem Grußwort von Herrn Frost und dem Vortrag von Frau Borst verbleiben wir im Theorie-Praxis-Kontinuum vermutlich hier im Raum. Am Donnerstag geht es ab 14.30 Uhr dann in die Umsetzung. Vor dem Stadttheater tagt unsere „Zukunftskommission“, sie wird die Perspektiven aus den Schulen aufnehmen und politisch einbringen.

Ein deutscher Denker ist u.a. mit der Feststellung berühmt geworden, sich mit den Interpretationen der Welt durch die Philosophen nicht zufrieden geben zu wollen. Seid also Donnerstag dabei! Sie, die Welt, muss tatsächlich verändert werden!

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