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Bildung als Schutz vor Rechtsextremismus?

Jeder vierte Deutsche ist ausländerfeindlich, jeder Zehnte antisemitisch. 9% aller Deutschen haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, als die Friedrich-Ebert-Stiftung Ende 2012 die Ergebnisse ihrer Studie „Die Mitte im Umbruch“ veröffentlichte. Zugleich benannten die Autoren Bildung als „Schutzfaktor“ vor Rechtsextremismus: Personen mit Abitur neigen demnach prozentual deutlich weniger zu rechtsextremem Denken als diejenigen ohne.

16.04.2013 - Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e. V. | von Dennis Rosenbaum (Streetworker im Team Akzeptierende Jugendarbeit mit rechten Cliquen)

Das beruhigt. Muss man sich doch zumindest um die Gruppe der (angehenden) Abiturienten keine allzu großen Sorgen machen, was die Anfälligkeit für menschenverachtende Mentalitäten betrifft. Es birgt aber auch eine Gefahr. Nämlich daraus den Automatismus abzuleiten, dass grundsätzlich mit dem Abitur auch ein Abschluss in Toleranz, Weltoffenheit und Demokratiebewusstsein erworben wird.

Erfahrungen aus der aufsuchenden Jugendarbeit zeigen, dass dies nicht obligatorisch ist. Der Verein in Bremen ist seit über zwanzig Jahren in diesem Arbeitsfeld aktiv und hat eine ebenso lange Praxis im pädagogischen Umgang mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen. Zumeist, das kann auch aus dieser Perspektive konstatiert werden, sind es Jugendliche aus sozial benachteiligten, eher bildungsfernen Milieus, für die rechtsextreme Einstellungsmuster attraktiv erscheinen und die durch entsprechendes Verhalten auffällig werden. Insbesondere in den letzten Jahren konnte dies aber auch zunehmend bei Jugendlichen aus privilegierten sozialen Milieus, z.B. mit stabiler Familiensituation sowie guter Bildungs- und Berufsperspektive, beobachtet werden.

Auch gut situierte Jugendliche

Ein Beispiel: Eine jugendliche Clique nutzt einen pädagogisch begleiteten Jugendraum in einem Bremer Stadtteil, der eher durch seinen Wohlstand als durch Armut bekannt ist. Alle Cliquenmitglieder besuchen das Gymnasium, leben in weitgehend funktionierenden Elternhäusern, haben keine Geldsorgen und sind über Vereinsmitgliedschaften, ehrenamtliches Engagement etc. im Stadtteil gut integriert. Auf einem Stadtteilfest wird einem Mädchen aus der Clique von einer Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund das Handy abgezogen, also unter Androhung von Gewalt „abgenommen“. Bei der bloßen Androhung von Gewalt bleibt es nicht. Sie selbst und ein zu Hilfe eilender Freund werden zusammengeschlagen, ärztliche Behandlung ist notwendig. In der Folge häufen sich im Jugendraum ausländerfeindliche Bemerkungen mehrerer Cliquenmitglieder, bei einigen hält Musik von rechtsextremen Szenebands Einzug auf Smartphone und MP3-Player. Die pädagogische Mitarbeiterin ist mit der Situation überfordert und bemüht sich um Unterstützung bei pro aktiv gegen rechts – Mobile Beratung in Bremen und Bremerhaven. Im Rahmen mehrerer Maßnahmen nimmt ein Streetwork-Team von VAJA Kontakt zu der Clique auf.

Opfererfahrung und Hilflosigkeit

Über regelmäßige Treffen gelingt es, eine Vertrauensbasis herzustellen, die es bald erlaubt, den auslösenden Vorfall mit den Jugendlichen zu besprechen und zu reflektieren. Die Opfererfahrung und die situative Hilflosigkeit im Zusammenhang mit diesem Erlebnis stehen für die Jugendlichen im krassen Kontrast zur bis dahin gewohnten Kontrolle über das eigene Leben. In dem Versuch, diese Kontrolle zu erhalten und gleichzeitig eine deutliche Abgrenzung zu den Gewalttäter/innen zu treffen, zieht sich die Clique auf das zurück, was sie ihrer Meinung nach von „den Migranten“ unterscheidet. Und das ist weniger die Hautfarbe oder die Herkunft, sondern vielmehr das ihrer Ansicht nach höhere eigene Bildungsniveau. Ergänzt um eine Mischung aus Arroganz und gefühlter intellektueller Überlegenheit blickt die Clique inzwischen pauschalisierend auf eine ganze Bevölkerungsgruppe, die ihrer Meinung nach weniger gebildeten Menschen mit Migrationshintergrund, herab.

Mehr als „nur“ Bildung notwendig

Dieses Praxisbeispiel zeigt, dass mehr als „nur“ Bildung notwendig ist, um als junger Mensch derartige negative Erfahrungen verarbeiten zu können und sie nicht zur Ursache oder zum Auslöser für rechtsextreme Orientierungen werden zu lassen. Was können also hilfreiche Bedingungen sein? Zugewandte, an ihren Kindern aufrichtig interessierte Eltern mit demokratischer Grundüberzeugung sind sicherlich eine. Positiv erlebte Erfahrungen oder im besten Fall Freundschaften mit gleichaltrigen Migrant/innen eine andere. Auf institutioneller Ebene birgt die Verzahnung von Schule und Jugendhilfe durchaus Chancen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist positiv zu bewerten, dass es in Bremen entsprechende Entwicklungen gibt. So wird das Arbeitsfeld Schulsozialarbeit immer mehr ausgebaut. Aus Bundesmitteln des Bildungs- und Teilhabepaketes wurden im vergangenen Jahr ca. 50 neue Schulsozialarbeiter/innen an Bremer Schulen installiert. Diese sollen sich um die individuelle Förderung der Schüler/innen kümmern, sie in Situationen besonderer psychischer Belastung unterstützen und den Kontakt mit dem Elternhaus und anderen sozialen Einrichtungen halten.

Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen

Zurück zu Bildung als „Schutzfaktor“ vor Rechtsextremismus: Zugestimmt werden kann diesem Forschungsergebnis aus sozialpädagogischer Praxiserfahrung heraus dann, wenn Bildung nicht nur den formellen Teil, also den Schulabschluss meint, sondern gleichermaßen die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen wie z.B. Frustrationstoleranz, Reflexionsvermögen oder Empathiefähigkeit umfasst. Darüber hinaus darf auch über die Qualität des entstehenden Schutzes nachgedacht werden: Bildung, und zwar die Kombination aus formeller und sozial-emotionaler, kann wohl eher als eine Art Imprägnierung aufgefasst werden, die immer mal wieder erneuert werden muss. Bei manchen verbraucht sich der Schutz zudem schneller als bei anderen und man sollte früher neu auftragen, um geschützt zu bleiben.

Die regelmäßige Arbeit mit der Gymnasial-Clique endete im Übrigen nach zwei Jahren. Zu dem Zeitpunkt waren keine menschenfeindlichen Ansichten bei den Jugendlichen mehr zu bemerken. Die Mitarbeiterin im Jugendraum und einzelne Elternteile bestätigten das. Eine Veränderung bei den Jugendlichen weg von rechtsextremen Orientierungen hatte stattgefunden. Aber ein- bis zweimal im Jahr trifft sich das Streetwork-Team weiterhin mit der Clique, um zu sehen, ob die Imprägnierung noch schützt.

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