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SchwerpunktBeziehungen in Gefahr

In Zeiten von Corona: Wie die Kommunikation in Schule leidet

 

16.02.2021 - Jan Eric Ströh | Landesvorstandssprecher

Der Online-Klassenrat in Zeiten des digitalen Lernens.
Eine Tragödie:

1. Akt, 1. Szene:

11.45h: Lehrer logt sich in eine online-Platform ein, um mit seinen Schüler*innen den Klassenrat abzuhalten. Dunkelheit. Schwarze Kacheln tauchen auf dem Bildschirm auf.
Stimme 1: Hallo. Ist da schon wer?
Stimme 2: Hallo – ja, aber Dennis fehlt noch.
Stimme 3: Basti – es reicht – hör‘ endlich auf mich zu stummen. Basti. Das war ich nicht…
Stimme 3: Doch, das warst du … man kann es im Bildschirm lesen. Dein Name taucht da auf. Basti. (Stille) Ne, das war ich nicht. Und hör‘ endlich auf zu labern.
Lehrer: Danke, das reicht mir. Könnt ihr bitte alle euer Mikrofon ausstellen? Wir fangen an.
Stimme 3: Du hast die ganze Zeit Kim gestummt – also erzähl‘ keinen Scheiß.
Lehrer: Schluss jetzt. Wer möchte mit der Obenauf-Runde beginnen? Clara? Bitte fang‘ doch…
Lehrer fliegt aus Konferenz raus. Dunkelheit. Login-Bildschirm erschein.

12.00 Uhr: Lehrer wählt sich neu ein.

12.05 Uhr: Justin wählt sich neu ein.
Lehrer: So, da bin ich wieder. Also, wer war gerade dran? …

12:06: Basti wählt sich neu ein.
Stimme 4: Irgendjemand wirft mich ständig aus der Sitzung. Das nervt.
Lehrer: Gut, das hätten wir geklärt. Morgen müsst ihr eure iPads abholen. Und zwar um…

12.15 Uhr: Lehrer fliegt erneut aus Sitzung raus. Login Bildschirm erscheint. Lehrer wählt sich neu ein. Eine Viertelstunde ist noch Klassenrat. Der Vorhang fällt.

Der kurze Auszug aus dieser sehr modernen Tragödie soll einen Eindruck der problematischen Unterrichtssituation in Zeiten von Corona vermitteln und veranschaulichen, wie die Kommunikation – und dadurch auch Beziehungs-/ Bindungsarbeit – in Schule unter den neuen digitalen Bedingungen leidet.

Der Soziologe Oskar Negt stellt fest:

„Humanität benötigt Bindungen, die der Kapitalismus zerstört.“

(Anm.: Waltraut Meints-Stender/ Dirk Lange, ‚Humanität benötigt Bindungen, die der Kapitalismus zerstört‘, Erziehung und Wissenschaft, 09/2019 (S.28-29), S. 28)
Bereits die Rahmenbedingungen aus Vor-Corona-Zeiten zeigen, dass heutzutage ein immer intensivere Bindungsarbeit nötig ist, um die sehr heterogenen Lerngruppen zu gelungenen, individuell wertvollen Lernprozessen anzuleiten: Da immer mehr Kinder körperlich oder psychisch beeinträchtigt und/ oder verhaltensauffällig sind, ist die Arbeit mit herkömmlichen (bzw. traditionellen) Mitteln nicht mehr zu leisten.

Hier ein paar Zahlen: Bis zu 30 Prozent auffällige Kinder finden sich heute allein in den Grundschulklassen. (Anm.: Vgl. die Studie von Detlef Berg und Tim Tisdale von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, https://fis.uni-bamberg.de/bitstream/uniba/47/1/Dokument_1.pdf [besucht am 25.05.2020])
Etwa 1,1 Millionen der etwa neun Millionen 6-18-jährigen Schülerinnen und Schüler (also etwa 12 Prozent) sind „wegen meist stressbedingter psychischer Krankheiten“ in Behandlung. „Psychosoziale Ursachen in der frühkindlichen Entwicklung werden überall vermutet. […] Von zentraler Bedeutung ist die familiäre Situation der Kinder.“ (Anm.: Weser Kurier, „Mehr Schüler in Behandlung“, 25.10.2018, S. 16.)
Viele Eltern sind – in Bezug auf die Entwicklung und Förderung ihrer Kinder – entweder „völlig gleichgültig“ oder „überambitioniert“. Der Normalfall ist daher heutzutage eine Über- bzw. Unterversorgung der Kinder; die Minderheit stellt mittlerweile die Gruppe „der gesunden, unauffälligen Kinder“ dar. (Anm.: Vgl. Victor Conradt, ‚The show must go on: Immer mehr Kinder sind verhaltensauffällig, aber der Schulbetrieb muss weiterlaufen‘, Laufpass, 15.08.13-14.11.13, Nr. 37, (S. 36-37), S. 36.)
Dabei stehen Armut und die oben genannte problematische „familiäre Situation“ vieler Kindern gerade in Bremen und Bremerhaven in einem klaren Zusammenhang: In der Stadt Bremen bekommen laut einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen (von 2018) 71.500 Erwerbsfähige Arbeitslosengeld II und 27.600 Kinder Sozialgeld. Nur in Schwachhausen, Horn-Lehe und Oberneuland ist die Situation besser (unter fünf Prozent Arbeitslosengeldanteil). (Anm.: [1] Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, Statistische Ämter des Bundes und der Länder, eigene Berechnungen, in: BAM: Das Magazin der Arbeitnehmerkammer Bremen, März/ April 2018, S. 4 )
In Bremerhaven ist die Armut insgesamt bekanntlich noch größer – Gleiches gilt für die Probleme im Bereich Bildung.

Noch einmal zurück zur eingangs geschilderten Tragödienszene: Die Beziehungsebene, die im Klassenraum über lange Wochen und Monate hinweg geklärt und in der Klassengemeinschaft ausgehandelt und gefestigt wurde, hat online in vielen Fällen kaum noch Gültigkeit. Ständig 1,5 m Abstand zu halten (und per Bildschirm auf Distanz zu bleiben) ist zudem wenig hilfreich. Durch die reine Beschulung über Geräte entsteht mitunter ein Beziehungsvakuum. Neue Machtverhältnisse ergeben sich – wer Zugang zu Knöpfen hat, hat auch die Macht. Nicht immer ist das Gegenüber sichtbar – Gespräche und Gemeinschaft können durch Eingriffe in die Technik gestört und auf Knopfdruck beendet werden. Inhalte spielen zunächst kaum eine Rolle, da das Formale (Bedienung/ Technik/ neue Abläufe) geklärt werden muss – und das ist mitunter sehr zeitintensiv. Diese Tatsachen beeinträchtigen wiederum die Bildungsqualität.

Die Probleme, die das Bremer Bildungssystem bislang auszeichneten, werden nicht verschwinden, sondern noch verstärkt werden: Durch das „Homeschooling“ erhöht sich die Verantwortlichkeit des Elternhauses für die eigenen Kinder, welches wiederum die Selektivität im Bildungssystem erhöht (Problematisch: Im Land Bremen schwanken die Art der Schulabschlüsse z.T. stark zwischen den Ortsteilen und Quartieren).(Anm.: [1] Vgl. hierzu Ewa Przybyla, ‚Bildungsschere wird sich weiter öffnen‘, Weser Kurier, Donnerstag, 11.06. 2020, S. 8)

Selbst unter analogen Bedingungen ist im Alltag oft nur ein Minimum an Bindungsarbeit möglich, da die Unterrichts- und Betreuungsverpflichtung an Schulen insgesamt bereits zu hoch ist. Die tariflich festgelegt Arbeitszeit wird regelmäßig überschritten: Laut einer (im Auftrag der GEW) in Niedersachsen durchgeführten Studie machen die Lehrkräfte dort jährlich bis zu 6,5 Millionen unvergütete Überstunden. (Anm.: Vgl. Lisa-Maria Röhling, S. 1) Die neuartige Arbeitsweise, die durch eine parallel stattfindende Präsenz- und Onlinebeschulung entsteht, muss erst noch erhoben werden, doch zeichnet sich in Befragungen der Kolleg*innen schon jetzt eine Mehrbelastung (u.a. durch die Entgrenzung der Arbeitszeit) ab.

Für die Beschäftigten in Schule und die Beziehungsarbeit ist die jetzige Situation hochproblematisch: die Bindungs- bzw. Beziehungsarbeit der Beschäftigten im Bereich Bildung, einerseits gesellschaftlich und lernpsychologisch gesehen unumgänglich, stellte bereits in der Vergangenheit einen zentralen Belastungsgrund dar. Dazu sagt Professor Bauer, Neurobiologe, Psychotherapeut und Oberarzt in der Abteilung Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg:

„Schwierigkeiten, im Klassenzimmer eine gedeihliche Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern zu entwickeln, sind der Faktor der sich am stärksten auf die Lehrergesundheit auswirkt. (…) Die Kraft zu beziehungsorientiertem Unterricht schwindet, wenn die notwendigen Rahmenbedingungen im beruflichen Umfeld nicht gegeben sind. Was Lehrkräften zusetzt, sind zu große Klassen, Aggressivität im Klassenzimmer, zu viele Deputatsstunden sowie die fehlende Bereitschaft vieler Eltern zur Zusammenarbeit.“ (Anm.: Vgl. Lisa-Maria Röhling, S. 1).

Die Belastung der Elternhäuser (Stichwort: Vereinbarkeit Familie und Beruf/ Armut) hat sich zusätzlich durch Lockdowns und „Homeschooling“ verstärkt. Dies wirkt sich negativ auf die Beziehungsarbeit in Schule und letztlich auch auf die Bildungsqualität aus. Was wir als Beschäftigte in Bildung brauchen, sind die für unsere Arbeit „notwendigen Rahmenbedingungen“ (s.o.). Diese müssen die politisch Verantwortlichen schafften – nicht nur in der Corona-Zeit, sondern auch für die Zeit danach.