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Betriebe müssen wieder ihre originäre Aufgabe übernehmen

Frage: Uns haben die Pressemeldungen vom letzten Dezember geärgert („positive Ausbildungsbilanz“). Dabei wissen viele KollegInnen aus den Abschlussklassen, dass ein Teil ihrer SchülerInnen keine Lehrstelle bekommen hat. Quelle für die Meldungen war die „Bremer Vereinbarung“, ein Gremium, dem neben den Arbeitgebern und dem Senat auch der DGB angehört. Der DGB hatte sich damals kritisch zu den Zahlen geäußert und die Grünen hatten in der Bürgerschaft eine Anfrage gestartet. Geht der DGB dieser Frage weiter nach?

16.05.2010 - Interview mit Annette Düring (DGB-Vorsitzende) und Ima Drolshagen (Jugendbildungsreferentin) in Bremen

Annette Düring: Natürlich gehen wir der Frage weiter nach. Man muss die Zahlen differenziert betrachten. Dramatisch finde ich, dass ein Viertel der aufgeführten Jugendlichen einfach „abtaucht“. In der Statistik heißt das „ohne Angabe des Verbleibs“. Und es kümmert sich niemand darum, was aus dieser Gruppe eigentlich wird. Das ist das eine Problem. Und außerdem haben wir neben der dualen Ausbildung einen steigenden Anteil an Jugendlichen in schulischen Ausbildungsgängen. Darunter sind viele, die noch nicht recht wissen, was sie wollen und dann weiter in die Schule gehen.
Ima Drolshagen: Das ist eine Reaktion darauf, dass die Betriebe immer höhere Anforderungen stellen, immer höhere Bildungsabschlüsse verlangen. Wir sagen: Die Unternehmen müssen die Jugendlichen in der Ausbildung fördern.
Annette Düring: Oft steht am Ende des weiteren Schulbesuches keine Ausbildungsstelle. Die Angst, überhaupt eine Ausbildung anzufangen, ist ein großes Problem geworden. Und es hat sich geradezu eine Maschinerie entwickelt, die sagt: „Wenn du nicht weißt, was du machen willst, kommst du in eine berufsvorbereitende Maßnahme hinein.“ Das ist ein Reparaturbetrieb mit Arbeitsamtsmitteln. Es hat eine Verschiebung gegeben. Für immer mehr Bereiche wird das Abitur verlangt. Und die jungen Leute haben eine Antenne dafür, dass sie vom Markt weggedrängt werden. Das hat etwas mit dem Anspruchsdenken der Betriebe zu tun. Betriebe müssen wieder ihre originäre Aufgabe übernehmen, junge Menschen auszubilden. Die Ausbildungskultur ist verloren gegangen.
Ima Drolshagen: Solange das Verhältnis von Ausbildungsplätzen und Nachfrage so schlecht ist, wird es auch immer wieder eine Vernachlässigung der Ausbildungsqualität geben.

Frage: Gerade wurde wieder gemeldet, dass die Zahl der BewerberInnen um eine Lehrstelle in Bremen gesunken sei. Dabei ist die Zahl der Schulabgänger zurzeit noch gleichbleibend hoch.

Ima Drolshagen: Ein Teil der Jugendlichen meldet sich gar nicht erst. Darum sind die Zahlen sehr unsicher.
Annette Düring: Man muss jeden Fall genau ansehen und den Verbleib der Jugendlichen nach der Schule klären.. In Niedersachsen gibt es das „Emsländer Modell“. Dort wird ein Netzwerk aufgebaut, um das sich die Bürgermeister und Landräte gekümmert haben.

Frage: Das wäre eine Art regionaler Ausbildungsplanung?

Annette Düring: Bei uns soll etwas Ähnliches jetzt in Bremen Nord ausprobiert werden. Aber in Bremen haben wir einen überregionalen Ausbildungsmarkt, da ist eine derartige Planung etwas schwieriger als im Emsland. Und die Schulen müssen dafür ausgestattet werden, sich an einem solchen Netzwerk zu beteiligen. Die meisten Jugendlichen möchten dort bleiben, wo sie zur Schule gegangen sind. Ein solches Netzwerk kann ihnen helfen, einen Überblick über die Angebote zu bekommen.
Ima Drolshagen: Wir streben auch eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Schulen an. In unserer Jugendbildungsarbeit versuchen wir, Orientierungen zu geben.

Frage: Die Handelskammer klagt in einer Presseerklärung über „mangelnde Ausbildungsreife“. Es werden Forderungen an die Schulen gestellt. Habt ihr auch Forderungen an die Betriebe?

Annette Düring: Es gibt zwei Ebenen. Ziel der Schule muss es sein, einen Abschluss für eine Ausbildung zu erreichen. Das ist ihr Job. Die Unternehmen müssen sich erst einmal wieder klar machen, dass es ihre Aufgabe ist, junge Leute auszubilden, die noch nicht fertig in die Ausbildung kommen. Ausbildung ist ein Schonraum. Aber man will fertige Leute haben, der Arbeitsdruck ist enorm gestiegen. In Krisenzeiten ist das für die Betriebe sehr leicht. Aber in einzelnen Regionen, insbesondere im ländlichen Bereich, ist die Situation schon wieder anders.

Frage: Die Erhöhung des Bildungsniveaus vergrößert ja nicht die Zahl der Lehrstellen. Was ist zu tun?

Ima Drolshagen: Die Zahl der Lehrstellen kann sich nur dadurch erhöhen, dass die Betriebe mehr Ausbildungsplätze anbieten. Und da muss es politische Entscheidungen geben - entweder Ausbildungsquoten oder eine Ausbildungsumlage. Eine Schuldzuweisung an die Eltern oder an die Schule führt nicht weiter. Unter diesem Aspekt ist auch das Übergangssystem so problematisch. Es wird durch Steuergelder finanziert, die nicht in ein gutes System der Grundbildung fließen, sondern die Defizite ausgleichen, die sich aus der mangelnden Ausbildung durch Unternehmen ergeben.
Vielen Dank.
Fragen: Jürgen Burger

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