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Bericht über unsere Reise nach Armenien

Hauptgrund unserer Reise:

2009 wandten sich kurdischsprachige Kollegen und Kolleginnen Armeniens an den Verein der Kurdischen Lehrer in Europa e.V. mit der Bitte um Unterstützung. Ihr Anliegen: die armenische Bildungsbehörde hatte entschieden, dass im muttersprachlichen Unterricht Kurdisch ab 2009-2010 statt der bis dato üblichen kyrllischen Schrift nur noch lateinische Buchstaben verwenet werden sollten. – dass Kurdisch nicht mehr wie bislang in kyrillischer Schrift sondern nur noch in lateinischen Buchstaben unterrichtet werden solle.

16.05.2011 - von Emin Akbas/ Mahmut Aydin

Weder verfügten die Schulen über für diese Maßnahme notwendige neue Lehrbücher noch standen finanzielle Mittel bereit, um möglicherweise Materialien im Ausland zu erstehen. So leistete der Verein der Kurdischen Lehrer in Europa e.V. Hilfe. Wir erklärten uns bereit, in den Sommerferien Schulbücher, die in Europa für den muttersprachlichen Unterricht Kurdisch etwickelt worden waren und andere gespendete Lernmaterialien nach Armenien zu bringen. Wir hatten auch vor Ort einen Computer mit Zubehör gekauft. Diese Geldmittel hatten wir aus Deutschland mitgenommen und für den Kauf eines Computers eingelöst. Dort sollten die Kolleginnen und Kollegen aus zwölf Dorfschulen der Region „Elegez“ für die neuen Anforderungen qualifiziert werden in den muttersprachlichen Unterricht Kurdisch mit lateinischen Buchstaben und in den Umgang mit den neuen Materialien eingeführt werden.

Die Republik Armenien:

Die Republik Armenien erhielt am am 21. September 1991 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Sie umfasst 29.800 km² Landfläche. Von den 3,5 Mio Einwohnern sind etwa 43.000 Kurden, die sich wiederum in etwa 300 Personen muslimischer und 42.700 jezidischer Herkunft aufgliedern. Ihre Vorfahren waren zwischen 1812 und 1918 vor den religiösen Verfolgungen aus dem Osmanischen Reich nach Armenien geflüchtet.

Bei unserem dreiwöchigen Aufenthalt hatten wir Gelegenheit, die Republik Armenien ein wenig kennen zu lernen. Dabei war für uns Kurden ehemlas türkischer Herkunft von besonderem Interesse, dass alle Volksgruppen Armeniens, die mehr als 3000 Personen umfassen, ein gesetzlich verbrieftes Recht auf muttersprachlichen Unterricht an öffentlichen Schulen haben. Da die Kinder kein Schulgeld bezahlen müssen, ist der Staat der alleinige Kostenträger. Ebenso sind Fernseh- und Radiosendungen sowie Zeitungspublikationen in der jeweiligen Sprache selbstverständlich. Jede dieser Volksgruppen hat Anspruch auf die freie Wahl eines Präsidenten, bzw. einer Präsidentin, genannt “Präsident/Präsidentin des Rates des Volkes”, der/die jeweils als VizepräsidentIn der Republik fungiert und als Ansprechpartner für alle Angelegenheiten der betreffenden Volksgruppe gilt.

Muttersprachunterricht Kurdisch in der Republik Armenien

Muttersprachunterricht Kurdisch wird seit dem Schuljahr 1930-31 ununterbrochen in den Schulen der Republik Armenien angeboten. Bis zum Schuljahr 2009-10 waren nur die SchulerInnen der Klassen 2-9 zum Muttersprachunterricht Kurdisch zugelassen. Seit Anfang dieses Schuljahres soll es angeblich auch für die Erstklässler möglich sein, am Unterricht teilzunehmen.

Das Dorf Elegez:

Das Dorf Elegez, in dem durchgängig seit 1730 Menschen jezidischer Herkunft lebten, hat für jezidische Kurden eine besondere identitätsstiftende Bedeutung. Zu einer Zeit, in der die jezidischen Kurden der Türkei wegen der rigiden religiösen Unterdruckung nicht in die Städte zu gehen vermochten, geschweige denn studieren konnten, stand den jezidischen Kurden von Elegez (seit 1929) das Recht zu, in ihrer Muttersprache in den staatlichen Schulen unterrichtet zu werden, sich bei ihren besonderen religionstypischen oder ethnokulturellen Aktivitäten, z.B. Musik und Theater, zu betätigen, und problemlos ein Studium zu beginnen. Bis heute gnießen einige erfolgreiche Absolventen der Schule Elegez als Akademiker einen besonderen Ruf, wie. Prof. Dr. Şekroyê Xudo, Prof. Dr. Gîorgiyê Xudo, Prof. Dr. Rostemê Casim, Prof. Dr. Reşîdê Casim , Prof. Dr. Şerefê Eşîr, der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Mexsîmê Xemo, der Schriftsteller Emerîkê Serdar und der Schriftsteller Dr. Eskerê Boyîk

Fortbildung:

Am 17. Juli starteten wir in der Mittelschule des Dorfes, in der Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wurde, eine 14tägige Fortbildung armenischer Lehrerinnen und Lehrer mit den Schwerpunkten: lateinisch- kurdisches Alphabet, Grammatik, Rechtschreibung, Rhetorik, Didaktik, Jahresplanung, Herstellung und Verwendung der Unterrichtsmaterialien und Arbeiten am PC.
Die Fortbildung fand in den Sommerferien statt, einer Jahreszeit, in der üblicherweise die armenischer Lehrer (mit einem Durchschnittsgehalt von 80-100 $) Wintervorräte für ihr Vieh einbringen müssen, ohne dessen Haltung sie wirtschaftlich nicht auskämen; d.h. konkret: sie müssen Heu einbringen. Aus diesem Grund vermochten die Kollegen maximal nicht mehr als 3 Stunden an der Fortbildung teilzunehmen. Trotzdem gelang es, den Großteil unseres Fortbildungsprogramms zu verwirklichen.

Situation der LehrerInnen:

Da nur wenige in lateinischer Schrift gedruckte Unerrichtsmaterialien vorlagen, benutzte ein Großteil der Kolleginnen und Kollegen zerfledderte kurdische Bücher aus den 70-er Jahren. Sie benötigen, um sich didaktisch und methodisch für den Kurdischunterricht mit modernen Materialien, d.h. auch mit Texten in lateinischen Buchstaben, zu qualifizieren, noch weitere Fortbildung.

Unterrichtsmaterialien:

Allen fehlt das Geld für die bei uns bereits ganz normale Austattung mit PC, Drucker, Schreibmaschine, Fax usw.
Neben den wenigen o.g. schriftlichen Materialien bleiben vor allem Tafel und Kreide.
Um ihnen behilflich zu sein, hat der Verein der Kurdischen Lehrer in Europa e.V. seine beschränkten Möglichkeiten genutzt und folgende Materialien im Wert von 8000,00 Euro über eine Spedition nach Armenien transportieren lassen
• 800 Ex. von 11 verschiedenen Unterrichtsbüchern (davon konnten einige mit Unterstützung des Bildungs- und Förderungswerkes der GEW gedruckt werden)
• 9 Ordner mit Kopiervorlagen
• 7 Kinderbücher
• 14 Pakete mit deutschen Lernspielen
• 44 Sätze verschiedener selbst erstellter Domino-Lernspiele
• 44 Sätze verschiedener selbst erstelter Memory-Lernspiele
• 11 Pakete mit kurdischen Buchstaben und dazu passenden Bildern auf Karton A4
• von einigen Schulen in Bremen, Hannover und Dortmund gespendete 24-er LÜK Kästen und 120 kurdische LÜK-Heftte
• 1 Fotoapparat

Probleme, die normalerweise bei den Zollgebühren als beachtliche zusätzliche finanzielle Belastung kalkuliert werden müssen, wurden mit Unterstützung der zuständigen armenischen Behörden gelöst: Zollbefreiung, bzw. -ermäßigung wegen der Kooperation mit den armenischen Lehrerinnen und Lehrern.

Erfahrungen mit Behörden und ihren Vertretern:

Am 20. Juni 2010 fand eine von dem Präsidenten des Rates des kurdischen Volkes, Kinyasê Hemîd, einberufene Veranstaltug mit uns und folgenden Vertretern der armenischen Bildungsebehörden/-einrichtungen statt:

  • die für alle Schularten zuständige Staatssekretärin im Erziehungsministerium, Narine Hovanisyan
  • der stellvertretende Rektor der Universität der Nationalen Wissenschaft in Yerevan, Vartan Xandilya
  • der Dozent der Universität der Nationalen Wissenschaft in Yerevan, Sahak Hovsipya
  • der für alle Bildings- und Erziehungseinrichtungen der Region „Aragatsotn“ zuständiger Hovik Badelyan
  • ein Vertreter der Bildungs- und Erziehungsbehörde der Region „Aragatsotn“, Surik Sarkisyan

Anwesend waren ebenfalls, die VertreterInnen aller kurdischen Institutionen in der Republik Armenien, die in den Dorfschulen der Region „Aragatsotn“ muttersprachlichen Unterricht Kurdisch erteilenden Lehrerinnen und Lehrer, Schuldirektoren und einige Dorfvorsteher. Wir informierten über unsere Hilfsaktion, was bislang erreicht worden war und was noch geleistet werden kann.
Die Dorfvorsteher, Schuldirektoren und LehrerInnen ihrerseits schilderten ihre Probleme ganz offen vor den anwesenden offiziellen Vertretern.
Wir sind überzeugt, dass sowohl das Bildungsministerium als auch andere Bildungsinstitutionen den Muttersprachuntericht für alle Vollksgrupen in der Republik Armenien, besonders den für Kurden, ernst nehmen und dass die Schüler und Schülerinnen der Klassen 1-12 in den kommenden Schuljahren ihre Muttersprache im Unterricht der entsprechenden Schulen den Umständen entsprechend vermittelt bekommen.
Jedoch - das Bildungsministerium ist nicht bereit oder (finanziell) dazu in der Lage, für den normalen muttersprachlichen Kurdischunterricht Bücher u.a. im Ausland zu erwerben. Um die erforderlichen Unterrichtsmittel einsetzen zu können, müssen nun die kurdischen Institutionen und LehrerInnen im eigenen Land Materialien entwickeln. Die von uns eingeführten Hefte, Bücher, Spiele etc. werden also im wahrsten Sinne des Wortes zu Hilfsmitteln und hoffentlich fruchtbar für die Zukunft der kurdischen Menschen in Armenien.

Die Autoren:

  • Emin Akbas ist Vorstandsmitglied des Vereins der Kurdischen Lehrer in Europa e.V., in der GEW-Bremen und als kurdischer Lehrer in Bremen tätig,
  • Mahmut Aydin ist Vorstandsmitglied des Vereins der Kurdischen Lehrer in Europa e.V., in der GEW-NRW und als kurdischer und türkischer Lehrer in NRW tätig,
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