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Antisemitische VerschwörungstheorienAutoritärer Charakter in der Maske des Clowns

Kleıne Fallstudie zum Antisemitismus in Zeiten der Quarantäne anhand des Beispiels Dieudonné M'Bala M'Bala.

16.05.2020 - Werner Pfau

Der französische Komiker Dieudonné entwickelte sich seit den Neunzigern vom Antizionisten zum unverhohlenen Antisemiten. Er übersetzt Judenhass in die Sprache der Popkultur und hat sich damit seine eigene Querfront von Verbündeten geschaffen.Trotz starken Gegenwinds durch den französischen Staat in Form von straf- und steuerrechtlichen Sanktionen erreicht er eine geschrumpfte, aber treue Fangemeinde.

Ungehemmte Ausbreitung

Millionen Menschen, in häuslicher Quarantäne vor dem Monitor sitzend, werden momentan von einer vielsprachigen Flut an Verschwörungstheorien überschwemmt, die häufig - kaum überraschend – antisemitischer Couleur sind. Jetzt schon zum makabren 'Klassiker' geworden sein dürfte die Variante, wonach das Virus eine jüdische respektive israelische Erfindung sei. Neben anderen ventilierte der iranische Religionsführer Khamenei sie im Rahmen einer selbst für seine Verhältnisse bizarren Rede zu Beginn des persischen Neujahrsfestes. Demnach hätten fremde Geheimdienste, insbesondere Israels und der USA, die Krankheit unter Zuhilfenahme dämonischer Geister – Dschins – kreiert. In Deutschland haben Verschwörungsexperten vom Schlage eines Xavier Naidoo vermutlich auch ihre speziellen Ansichten dazu. In Frankreich geriet Agnes Buzyn, Politikerin der Parti Socialiste, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ins Visier. Der ehemaligen Gesundheitsministerin wurden finstere Machenschaften im Zusammenhang mit Corona angedichtet: In einer Karikatur vergiftet sie einen Brunnen, in einer anderen wurde ihr Kopf auf den Körper einer symbolischen, Wucher betreibenden Kaufmannsfigur montiert. Im Phantasma des jüdischen Biolabors tauchen mittelalterliche Stereotype wieder auf und werden fürs digitale Zeitalter in Stellung gebracht. Die generierten Clicks gehen in die Hunderttausende.

Bilderwelt des Antisemitismus

Der Antisemitismus der sozialen Medien hat ein Repertoire an Kurzformen entwickelt, einen Kosmos von Anspielungen, Codewörtern, Bildsymbolen. Dies dient nicht nur der Umgehung rechtlicher Schranken sondern auch zur Provokation der politischen Gegenseite und damit zur Versorgung der eigenen Community mit täglichen Dosen an Selbstbestätigung und des Gefühls von 'Haben wir es Ihnen mal wieder gezeigt!'. Notorisch ist etwa die Methode, den amerikanischen Investor George Soros vorzuschieben, wenn eigentlich das Bild des „jüdischen Spekulanten“ heraufbeschworen werden soll. Höcke, der im Unterschied zu dem Begriff „Flügel“ nicht aus der AfD verschwinden wird, sprach vom „volkszerstörenden und als pervers zu bezeichnenden Ungeist eines George Soros" – die Verbindung zu dessen jüdischen Wurzeln herzustellen überlässt der furchtbare Studienrat seiner Gefolgschaft als geistige Eigenleistung.

Lehrjahre eines Clowns

Einer, der solche Methoden ebenfalls recht effektiv handhabt, ist der französische Komiker Dieudonné M'Bala M'Bala. Sein Werdegang bietet ebenso bitteres wie lehrreiches Anschauungsmaterial für die Codierung judenfeindlicher Ressentiments in der Sprache von „Comedy“ und Popkultur. Der Sohn einer Französin und eines kamerunischen Vaters, geboren 1966, begann mit seinen ersten Auftritten in den Neunziger Jahren und wurde als erfolgversprechendes Nachwuchstalent gehandelt. Damals führte der Stand-Up-Comedian sich noch der linken Szene zugehörig, nahm aufgrund von Herkunft und Hautfarbe einen „Sprechort“ in Anspruch, der im zeitgenössischen postkolonialen Jargon unter der Rubrik Person of Colour firmieren würde. Er agierte im Kontext eines linken „Antizionismus“, in dem für eine differenzierte Betrachtung des Nahen Ostens kein Raum blieb; Israel galt als Kolonialmacht und als sonst nichts. Bald begann Dieudonné über Gedenkveranstaltungen zur Shoa zu spotten. Er reklamierte Aufmerksamkeit als Sprecher der Afrikanischstämmigen, denen er wegen ihrer Herkunft einen Status als kollektive Opfer des europäischen Kolonialismus zuwies, und spielte sie gegen die Überlebenden der Shoa aus, in deren Schatten sie stünden. Gedenkveranstaltungen zum nazistischen Grauen wurden ihm mehr und mehr zu „Erinnerungspornografie“, lanciert von zionistischen „Lobbies“ zwecks Propaganda für die Sache Israels. So überschritt er selbst in den Augen der linken Mitkämpfenden die Grenze zum Antisemitismus, weshalb diese sich in der ersten Hälfte der Zweitausenderjahre von ihm trennten.

Verachtung für die Opfer

Ab 2004 glänzte Dieudonné, wie die Süddeutsche berichtet, mit Äußerungen folgender Art: "Der Genozid an den Indianern, das war das Schlimmste. Daneben war die Sache in Polen während des Krieges wie ein Urlaub im Club Méditerranée." Verachtung gegenüber den ermordeten Juden wird zur giftigen Pointe, ihr Leiden aufgerechnet wie zum Alibi mit dem Schicksal der amerikanischen Indigenen. Nachdem der Journalist Patrick Cohen es gewagt hatte, ihn zu kritisieren, offenbarte er folgende Fantasie: "Sollte sich der Wind drehen, bin ich nicht sicher, ob er genug Zeit haben wird, seine Koffer zu packen. Wenn ich ihn reden höre, denke ich, die Gaskammern – schade." 2014 verfasste er ein Lied mit dem Titel „ShoAnanas“, in dem der Holocaust banalisiert wird. Derartige Äußerungen brachten ihm Auftrittsverbote, Klagen und Geldstrafen ein, zu öffentlich-rechtlichen Sendern hat er keinen Zugang mehr, was ihm die Möglichkeit gab, den unverstandenen Ironiker zu mimen und sich zum Opfer einer von klandestinen zionistischen Kreisen gesteuerten Zensur zu stilisieren. Ein Hut in Form einer Ananas,womit er sich gelegentlich zeigt, hält die Erinnerung an das skandalisierte Lied wach und demonstriert nebenbei, dass auch hinter einer Clownsmaske der autoritäre Charakter stecken kann. Wie gut Dieudonné ansonsten das Spiel mit dem Subversiven beherrscht, offenbart sich an einer emblematischen Handbewegung, die, von ihm geprägt, zum szenetypischen Erkennungszeichen geworden ist.

Der Quenelle-Gruß

Im Zuge eines Auftritts 2005 praktizierte er die Geste zum ersten Mal: Ein Arm wird gestreckt, so als ob er im nächsten Moment nach oben schnellen soll,  dabei jedoch vom anderen Arm aufgehalten. Inspiriert ist die Idee möglicherweise durch den reflexhaft unterdrückten Hitler-Gruß einer Figur aus dem Film „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ von 1964. Machte sich Regisseur Kubrick über den Opportunismus demokratisch gewendeter Altnazis lustig, so füllt Dieudonné die Geste mit neuem Inhalt: Als Protest gegen das „System“ will er sie verstanden wissen, sich dabei als Rebell jenseits „künstlicher“ Kategorisierungen wie Rechts und Links inszenierend. Verbreitet hat sich der von seinem Urheber „Quenelle“ getaufte Gruß indes nicht ohne Grund in rechten Kreisen, wo sein Subtext sofort verstanden wurde: Unangenehme „Wahrheiten“ über die Macht von Judentum/Zionismus auszusprechen, führe zur sofortigen Diskreditierung durch finstere Drahtzieher. Als Fußballer Nicolas Anelka die „Quenelle“ bei einem Ligaspiel ausführte, hagelte es Proteste jüdischer Verbände. Der Skandal reizt in einschlägigen Kreisen erst recht dazu, die Geste vor provozierendem Hintergrund im Selfie zu arrangieren. Die schweizerische Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) schreibt: „Die Polemik um die Quenelle hat dazu geführt, dass sie tausendfach kopiert und ins Internet gestellt wurde. Auf seiner Website versammelt Dieudonné die Lieblingsbilder seiner Fans – an erster Stelle ein Foto, auf dem zwei bewaffnete Gebirgsjäger in Uniform die Quenelle vor einer Synagoge zeigen.“

Antisemitischer Brückenbauer

Sein Talent für eingängige Symbolik und seine jugendliche Fangemeinde haben dem Komiker zunehmend Anschluss an die Prominenz des klassischen faschistoiden Milieus verschafft. Front-National-Begründer Jean-Marie Le Pen wurde 2013 Pate seiner Kinder, der erzkonservative katholische Piusbruder Philippe Laguérie schwenkte bei der Taufe das Weihwasserfass. Selbst christlich erzogen, sucht Dieudonné gleichwohl den Schulterschluss mit den arabisch- und afrikanischstämmigen, überwiegend muslimischen Bevölkerungsteilen in Frankreich. Bei einer Reise in den Iran durfte er beim damaligen Präsidenten Ahmadinedschad antichambrieren, der seine Sympathien für den „Künstler“ aus Frankreich per Twitter zum Besten gab. Im iranischen Fernsehen warb der Geehrte für seine Art des interreligiösen Dialogs. Laut dem Journalisten Danny Leder elaborierte er die These, „dass die Juden jeweils gegen die Propheten des Islams und des Christentums Komplotte angezettelt hätten, und es nunmehr an der Zeit wäre, dass sich die beiden Weltreligionen gegen das Judentum vereinigten.“ Mit Judenhass lassen sich also Brücken bauen, zwischen den Konfessionen ebenso wie zwischen den „Kulturen“. Immerhin ging der französische Staat massiv gegen Dieudonné vor, schreckte vor Auftrittsverboten und Gefängnisstrafen nicht zurück.
Gewiss kann rechtliche Verfolgung Bildungsarbeit nicht ersetzen, aber sie kann die Unbelehrbaren aus dem Verkehr ziehen. Einen ähnlichen Furor vermisst man in Deutschland gegenüber Lichtgestalten wie Kollegah oder Naidoo. Schon ihre Entfernung aus einschlägigen Jurys schmerzbefreiter Castingshows scheint unter nur unter unendlichen Skrupeln möglich und wird dann noch von grenzdebilen Shitstorms umtost.