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Arbeitskreis Internationales organisierte Fortbildungsreise nach Groningen

Niederländisches Vakcollege oder deutsche Gesamtschule?

16.04.2018 - Karl-Heinz Pitz

13 Bremer Kolleginnen und Kollegen verbrachten am 8. und 9.2.2018 auf Einladung der niederländischen Bildungsgewerkschaft AOb (Algemene Onderwijsbond) eine zweitägige Fortbildungsreise in Assen und Westerbork. Die Reise wurde organisiert vom Arbeitskreis Internationales der GEW Bremen, der sich vorgenommen hat, die internationale gewerkschaftliche Solidarität zu pflegen und durch viele Blicke über den bremischen und nationalen Tellerrand auch Ideen und Initiativen für die eigene Praxis zu gewinnen.

Die niederländischen Kolleginnen vom AOb hatten trotz intensiver Belastung durch die Vorbereitung eines eigenen nationalen Lehrerstreiks ein sehr informatives Tagesprogramm für uns vorbereitet. Nach einer herzlichen Begrüßung, erläuterten uns Marjan Dijkema, die die das ganze Programm für uns organisiert hatte, und Jeroen van Andel zunächst das niederländische Schulsystem und die Arbeit des AOb.

Auf eine 6 jährige Grundschule baut eine 4-jährige Sekundarschule auf, an die sich eine 2-4 jährige Oberstufe anschließt. Im Gegensatz zu der gerade in gewerkschaftlichen Kreisen in Deutschland geführten Gesamtschuldiskussion ist das niederländische Schulsystem nach der Primarstufe stark gegliedert  in eher handwerklich orientierte und eher studienbezogene Teile. Das sog. Vakcollege möchte durch das Prinzip "Learning by doing" eher praktisch veranlagten Schülerinnen und Schülern die verdienten Erfolgserlebnisse verschaffen.

Bei einem Rundgang durch die Werkstätten des sehr gut ausgestatteten Nassau Colleges erfuhren wir, dass sich die Schüler nach einem Test am Ende der 6. Klasse hier bereits für einen der berufsorientierenden Zweige, wie Pflege und Gesundheit, Bau und Design, Elektro- Holz- und Metallberufe oder Einzelhandel und Verwaltung entscheiden und dann bis zur Hälfte ihrer Wochenstundenzahl in gut ausgestatteten Werkstätten praktischen Unterricht haben.

Im Laufe des Vormittags erhielten wir nicht nur einen Einblick in die Arbeit des Drenthe Colleges in Assen, an dem 2000 Schülerinnen und Schüler von einer Belegschaft von insgesamt 700 Angestellten (Lehr- , Verwaltungs, Reinigungs, Sicherheits- und Küchenpersonal) versorgt wird. Wir erfuhren, dass die Lehrenden in kleinen Teams arbeiten, die sich gegenseitig in ihrer Arbeit unterstützen.

Auch gehen die niederländische Gewerkschaftskolleginnen und - kollegen in den Schulunterricht und in die Universitätsseminare von angehenden Lehrkräften und stellen dort in Workshops die Arbeit und die Bedeutung der Gewerkschaften in einer sich immer weiter individualisierenden und flexibilisierenden Gesellschaft vor. Sogar auf Elternabenden wird die Arbeit der Gewerkschaft vorgestellt. Davon könnte die GEW sich inspirieren lassen. Dazu ist es aber auch nötig, dass - wie in den Niederlanden üblich -  die GEW in Deutschland über mehr professionelle Kräfte verfügt und dass Gewerkschaftsarbeit nicht ausschließlich zum unentgeltlichen Ehrenamt verkommt.

Wir beschlossen den Tag mit einem Rundgang durch die Altstadt Groningens und einem Besuch in einer gemütlichen Kneipe. Hier merkten wir, dass die Zusammensetzung und Größe der Gruppe wirklich gelungen war: Wann haben sonst 13 junge z.T. noch studierende und ältere Kolleginnen und Kollegen schon die Möglichkeit sich bei einem Glas Bier auszutauschen.

Am nächsten Morgen fuhren wir zum Erinnerungszentrum des ehemaligen Judendurchgangslagers Westerbork, von dem aus ab 1942 über 100.000 Menschen in die Vernichtungslager Auschwitz, Sobibor, Theresienstadt und Bergen-Belsen transportiert wurden. Wir erhielten eine ausgezeichnete deutschsprachige Führung über das Gelände. Nach diesen erschütternden Eindrücken stellten sich viele von uns die alte Frage, wie man den Anfängen wehren kann.

Am Schluss waren sich alle einig, dass eine solche Exkursion sehr lohnend und anregend für die eigene Arbeit ist. Schulleitungen werden ausdrücklich aufgerufen, für die Teilnahme an solchen Fortbildungsreisen freizustellen. Wir planen einen Gegenbesuch der niederländische Kolleginnen und Kollegen im Herbst diesen Jahres. Im nächsten Jahr möchten wir einen Einblick in die dänische Schullandschaft vor Ort organisieren. Der Arbeitskreis Internationales, der sich einmal im Monat trifft (Termine sind in der GEW-Geschäftsstelle zu erfahren), freut sich auf weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter bei dieser interessanten und lustvollen Arbeit.

P.S. Der running Spruch während der Reise: "Der Sozi ist nicht grundsätzlich dumm, er hat nur sehr viel Pech beim Nachdenken."


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Politische Auseinandersetzung

Was folgt nun aus alledem? Zunächst hatte die zweite Konferenz im Dezember in Hamburg die Aufgabe, gemeinsame Prinzipien zur Verallgemeinerung der Ergebnisse zu finden. Dies ist mindestens in drei Punkten gelungen (Limit erreicht, „Verrechnung neuer Aufgaben“, Teilzeitarbeit). Die ebenfalls vorgeschlagene Einleitung juristischer Schritte wird vom Landesverband Niedersachsen derzeit geprüft. Mit Ergebnissen ist im Frühjahr 2017 zu rechnen.

Dessen ungeachtet bleibt der Aspekt der tatsächlichen Vergleichbarkeit bestehen. Die Teilnehmer*innen der o.g. Konferenz verwarfen die Idee, weitere landesspezifische Untersuchungen vorzuschlagen. Vielmehr möge die Vergleichbarkeit wissenschaftlich geprüft werden. Ein entsprechender Antrag an die GEW eigene Max-Träger-Stiftung soll im Februar zwischen den Landesvorsitzenden und – sprechern des Nordens abgestimmt werden. Ebenfalls vereinbart wurde eine gemeinsame Pressearbeit.

In Bremen bleibt die Aufforderung des Gewerkschaftstages an die Senatorin bestehen, „den Arbeitsplatz Schule so zu gestalten, dass die Arbeit unter gesund erhaltenden und unter attraktiven Bedingungen leistbar ist“ (Gewerkschaftstagsbeschluss 11/2016, ebenso 7/2015). Die Beweislast, auch das hat das Lüneburger Urteil ergeben, liegt beim Arbeitgeber. Er muss nachweisen, dass die Aufgaben in der vorgegebenen Arbeitszeit des Öffentlichen Dienstes leistbar sind. Das tut er allerdings nicht (und hat daran augenscheinlich auch kein Interesse).

Wie schon vor zwanzig Jahren so richtig festgestellt, unterliegt die Schularbeit Veränderungen, durch die sie anspruchsvoller und komplexer wird. Die zu erteilenden „Unterrichtsstunden“ bleiben dennoch weiterhin ein wichtiges Maß zur Bestimmung der Arbeitszeit und –belastung. Deren wöchentliche Anzahl muss so weit reduziert werden, dass für andere geforderte Tätigkeiten genügend Zeit vorhanden ist. Um das durchzusetzen, muss die Mitgliedschaft der GEW geschlossen und spürbar kampfbereit sein. Wie 1997, so auch heute.

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