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Alltagsrassismus ist allgegenwärtig

Wo fängt Rassismus an? Wie erkennen wir alltägliche Diskriminierung und wie können wir darauf angemessen reagieren? Vor allem mit diesen Fragen beschäftigte sich der GEW-Fachtag »Vielfalt bildet! Diskriminierung erkennen und bearbeiten.« im Februar. Grundsätzlich ging es um eine Auseinandersetzung mit dem Problem Rassismus im Bildungsbereich: Wie können wir diejenigen, die von Rassismus betroffen sind, stärken, ob Lehrende oder Lernende? Wie können sich Institutionen und Interessierte stärker vernetzen, um gemeinsam Bildungsräume der Vielfalt, Anerkennung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu schaffen? Anlass für den Fachtag war ein Antrag auf dem Gewerkschaftstag 2013 auf den Ausschlussantrag von Martin Korol.

16.03.2015 - GEW-Fachtag »Vielfalt bildet« beleuchtete verschiedene Facetten von Diskriminierung im Bildungsbereich | Petra Lichtenberg

Die Veranstaltung war mit mehr als 40 Teilnehmern gut besucht, es mussten sogar Anmeldungen aus Kapazitätsgründen abgelehnt werden. Kompetente Vorträge und Moderationen in den Arbeitsgruppen sorgten für eine lebhafte Beteiligung und dafür, dass es im Verlauf der Veranstaltung kaum Fluktuation gab. Am Ende wurde die Veranstaltung von allen Beteiligten als sehr positiv bewertet und die Bitte nach weiteren GEW-Veranstaltungen zu diesem Themenschwerpunkt begrüßt.

 

Jafer Akhzarati, Koordinator der GEW-Arbeitsgruppe AGIL (Arbeitsgruppe Interkulturelles Lernen), startete mit einem Input zum Förderprojekt »FARQ«. Jafer berichtete über seine Erfahrungen mit Jugendlichen mit so genanntem Migrationshintergrund an der Schule. Er erläuterte die Entstehung des von ihm geleiteten Projekts zur Förderung von SchülerInnen mit Migrationshintergrund und bettete sie ein in seine Erfahrungen in Deutschland mit Rassismus: Gerade vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte, in der – bis heute – rassistische Anschläge oder rassistische Hetze Schlagzeilen machen, müssten sich die gesellschaftlichen Institutionen damit auseinandersetzen, welche ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede in einem Einwanderungsland wie unserem existieren. In der Schule sollte so agiert werden, dass diese Unterschiede nicht zur Diskriminierung und Ausgrenzung von SchülerInnen führen, so Jafer Akhzarati.

 

Maike Koschorrek, Doktorandin an der Uni Bremen, folgte mit einem spannenden Impulsvortrag: Sie berichtete aus ihrer empirischen Forschung an Schulen zum Thema Alltagsrassismus und zu institutioneller Diskriminierung im Bildungskontext. In dem Zusammenhang geht es ihr – zehn Jahre nach dem »PISASchock« – auch um die Frage, warum es im Gegensatz zu den meisten anderen OECD-Ländern gerade in Deutschland nicht gelingt, den Schulerfolg von der kulturellen und sozio-ökonomischen Herkunft zu entkoppeln und warum es Kinder mit Migrationshintergrund an dieser Stelle doppelt trifft.

Die Expertin zeigte anschaulich, dass die Ursachen in unserem Bildungssystem selbst, bzw. in den institutionellen Handlungsweisen der Bildungseinrichtungen liegen. Sie sieht hierbei zum einen das deutsche Schulsystem als Ursache, das Kinder selektiert, statt unterstützt: Kinder aus Migrationsfamilien haben weniger Unterstützung zu Hause, sie sind häufig psychisch durch ihre transkulturelle Lebenssituation schwer belastet, ihre unzureichenden Deutschkenntnisse
erschweren das Lernen und schwächen ihre Motivation – und sie werden viel häufiger in niedere
Schulformen überwiesen. Die Diskriminierung liegt hier schon im zweigliedrigen Bildungssystem.

 

In ihrem Vortrag legte sie den Fokus auf den »Entstehungsprozess des Andersmachens bzw. Nicht-Passen-Machens von Migranten« in Bildungseinrichtungen, auf den Alltagsrassismus: Es gibt einen indirekten Rassismus, der oftmals von den AkteurInnen nicht gewollt und selbst auch nicht wahrgenommen wird, der kein vornehmliches Problem der Vergangenheit und kein ausschließliches
Randgruppenproblem ist. Es ist vor allem keine Ausnahme, von der sich »normale«, gebildete
Menschen, die sich als liberal, tolerant und weltoffen verstehen, leicht distanzieren können. Ihre These: »Es ist kein Thema, über das ich alles oder genug weiß, weshalb es mir nicht passieren wird, rassistisch zu denken, zu sprechen, zu handeln.« Für diese Form des Alltagsrassismus, die sehr subtil und allgegenwärtig ist, berichtete über ein Erlebnis als anschauliches Beispiel: Eine Lehrerin entscheidet bei der Rollenbesetzung, dass in einem Krippenspiel ausgerechnet die einzigen vier Migrantenkinder die Hirtenrollen übernehmen sollen, während die Könige, Maria, Joseph und Jesus von den weißen Kindern gespielt werden. Obwohl sie den Umgang der Lehrerin mit den Kindern als zugewandt beschrieb, werden die Kinder – hochwahrscheinlich nicht beabsichtigt – real abgewertet.

Koschorrek machte an sich selbst deutlich, dass es notwendig ist, sich mit der eigenen Rolle differenziert auseinander zu setzen. Sie ist der statistische Prototyp des deutschen Schulerfolges: weiß, weiblich, ohne Migrationshintergrund und aus der Mittelschicht: »Das Nichtsehen der eigenen (priviligierten) Positioniertheit gilt es sehen zu lernen«. Weiß sein ist die Norm – die Norm ist ein Privileg.

 

Ihr Fazit lautete: Intention und offen-rassistisches Verhalten stehen nicht als einzige entscheidende Indizien für Rassismus, sondern der Alltagsrassismus ist allgegenwärtig – auch bei jedem von uns, die wir ihn bewusst ablehnen. Ihre Schlüsse für die Bildungspraxis: Lehrkräfte und PädagogInnen müssten – schon in ihren Ausbildungen – dafür sensibilisiert werden, ihn zu erkennen. Sensibilisierung bedeutet, die verschiedenen indirekten und nicht intentionierten Formen von Rassismus emotional erfahrbar zu machen, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen. Damit ist aber auch ein Hinterfragen schulischer Strukturen inbegriffen: Was bedeutet es in der Schule, alle gleich zu behandeln, was bedeutet gleich?

In der sich daran anschließenden Diskussion wurde noch einmal die Notwendigkeit betont, dass die GEW sich für eine systemische Veränderung einsetzen muss, denn die Schule für alle ist eine der Grundvoraussetzungen, strukturelle Diskriminierung zu überwinden. Zum anderen wurde deutlich, wie wichtig Zusammenarbeit dabei ist, eigene »blinde« Flecken zu sehen.

 

In den anschließenden drei Arbeitsgruppen wurde sich intensiv praxisnah mit der Thematik auseinandergesetzt: Dardo Balko und Mira Levinson vermittelten sehr lebendig die Geschichte der Sinti und Roma, warum, welche Vorurteile im Zusammenenhang mit ihrer Geschichte seit hunderten von Jahren bestehen und sich bis heute so zäh halten. Es wurde deutlich, wieviel Nichtwissen bei den Beteiligten besteht und welch ein hoher Aufklärungsbedarf besteht, um vor allem mit Roma-Kindern und ihren Familien mit eigenen Vorbehalten, Verständnisproblemen und Unsicherheiten umgehen zu können. Regina Piontek und Nermin Sali vertieften in der AG »Vernetzung gegen strukturelle Diskriminierung in Bildungseinrichtung « anhand verschiedener Beispiele für direkte und indirekte Diskriminierungen das Thema des Alltagsrassismus und erarbeiteten mit den Teilnehmern praktische Strategien, wie diesem Problem entgegen zu wirken ist. Auch die Notwendigkeit die verschiedenen Möglichkeiten der Vernetzung in Bildungseinrichtungen waren ein zentrales Thema.

Dr. Ali Fathi thematisierte im Worksphop »Sprache – Macht – Rassismus« anhand eigener Dominanzerfahrungen der TeilnehmerInnen die Mechanismen, die zu negativer Verstärkung – also auch Ausgrenzung – von Menschen führen. Erarbeitet wurde, durch welche Instrumente und Methoden Wertschätzung, Anerkennung und Gleichberechtigung gefördert werden können.

Das Eingangsreferat und die Workshops waren hervorragend aufeinander abgestimmt. In den  Arbeitsgruppen hat sich genau das praktisch wiedergefunden, was Maike Koschorrek gefordert hat: eine Sensibilisierung der Akteure in Bildungseinrichtungen über verschiedene Themenschwerpunkte. Das Thema der Veranstaltung war hervorragend ausgefüllt – dank Mira Levinson.

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