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DarwinismusAlle reden von Evolution. Wir nicht.

Populäre Vorstellungen über die Evolutionstheorie bilden Anknüpfungspunkte für rechte Ideologien. Eine Kritik in sieben Andeutungen.

 

16.01.2019 - Werner Pfau

„Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.“

Marx/ Engels: Die deutsche Ideologie

1.

Die Vorstellung, menschliche Gesellschaften seien ebenso der Evolution unterworfen wie andere Lebewesen, erfreut sich großer Popularität, auch in unpolitischen Kontexten und in solchen, die sich als ökologisch oder anderweitig fortschrittlich verstehen. Er dürfte sich zumindest teilweise aus der Furcht speisen, eine Verneinung dieser Aussage leite in trübe Gewässer: Etwa zu religiös-metaphysischen Konzepten einer gänzlich der Natur enthobenen menschlichen Spiritualität. Oder zur vulgärmaterialistischen Haltung, die Natur sei beliebig zu verbrauchendes Objekt. Demgegenüber schwingt beim Beharren auf der evolutionären Verankerung des Menschen eine Erinnerung an die biologische Grundlage der eigenen Existenz mit sowie die Ermahnung, pfleglich mit dieser umzugehen. Zudem scheut der aufklärungswillige Mensch – subjektiv zu recht – davor zurück, hinter einen vermeintlich naturwissenschaftlich gesicherten Wissensstand zurückfallen.

2.

Und so viel stimmt: Ein 'Heraustreten' aus der Biologie im absoluten Sinne ist nicht denkbar. Auch moderne Gesellschaften würden keinen Tag überleben ohne den ständigen 'Stoffwechsel mit der Natur' (Marx). Der Begriff der Evolution ist jedoch enger gefasst. Er basiert bekanntlich auf der Beobachtung, dass biologische Arten in der Konkurrenz um Ressourcen stehen und dabei diejenigen im Vorteil sind, die aufgrund von Körperbau oder physiologischer Organisation besser an ihre jeweiligen Umweltbedingungen angepasst sind. Der Zufall – genetische Mutationen – fördert die einen und benachteiligt die anderen, was zu relativen Vor- bzw. Nachteilen in der Fortpflanzung, d.h. zur Verbreitung der eigenen Gene im Genpool führt. Auf sehr lange Sicht sterben die einen aus und die anderen überleben. Von hier aus ist es nur ein kleiner, aber falscher Schritt zur Ideologisierung der Evolutionstheorie. Er beginnt mit der Bewunderung der vorgeblichen Funktionalität in der Entwicklung der Arten: Dass gleichsam ein der Natur einbeschriebenes Prinzip für ständige Perfektionierung sorge. Jedoch abstrahiert die Vorstellung einer über die Zeit gesteigerten Funktionalität davon, dass Mutation ebenso zu besserer wie auch zu schlechterer Angepasstheit an die Umwelt führt und die Frage, was sich evolutionär 'verbessert' hat, immer nur mit Bezug auf die einzelne Art, nie für die Natur als solche beantwortet werden kann, die zu jedem Zeitpunkt nur aus einer gleichgültigen Ansammlung aufstrebender wie absterbender Arten besteht, sieht man einmal von menschlichem Eingriff ab.

3.

Des Weiteren setzt sich kein einzelnes Exemplar einer 'Spezies' so etwas wie 'Arterhalt' zum Ziel, zumal seine Fortpflanzung überwiegend durch Instinkt geregelt ist und allenfalls die eigene Vermehrung anstrebt. Die Ideologie der Evolution gesteht dies zu, sieht freilich im Instinkt nur eine Art Werkzeug der biologischen Vorsehung, mit welchem eine 'Höherentwicklung des Ganzen' bewerkstelligt würde. Doch das hieße, den Zufall gedanklich in einen Zweck zu verwandeln. Letzterer setzt nämlich ein zweckmäßig handelndes Wesen voraus, welches 'Intentionalität', damit auch Bewusstsein besäße. Die Deutung von Naturvorgängen als Verwirklichungsform einer höheren Zweckmäßigkeit bezeichnet man philosophisch als Teleologie – und sie stellt, logisch gesprochen einen Kategorienfehler dar: Die Kategorie der Intention ist nur auf den Bereich der bewussten Wesen anwendbar. Sätze wie 'Die Natur will eben...' zeugen von einer Subjektivierung des Biologischen. Aus der bewusstlosen Gesamtheit der physikalischen und biologischen Gesetze wird ein höherer Wille und im Hintergrund lauert die ideologische Überhöhung der Evolution zur Ersatzreligion.

4.

Und diesem Glauben wurde seit dem Aufkommen des Darwinismus ausgiebig gehuldigt. Dass die weise Göttin Natur ihre Geschöpfe gegeneinander antreten lasse, der einzelne Organismus nur Mittel zum Arterhalt sei, sein Opfer der Veredlung des 'Ganzen' diene, solche und andere Derivate sozialdarwinistischen Denkens korrespondierten passgenau mit den ideologischen Erfordernissen der entwickelten kapitalistischen Nationen im Übergang zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hatte das Bürgertum in seiner revolutionären Phase, gegen Fürstenwillkür und ständische Privilegien, noch die Fahne des Individualismus hochgehalten, so war dies, mit dem Aufkommen sozialistischer Bestrebungen, der Angst gewichen, zuviel Demokratie könne nur dem Klassenkampf nützen. Der Prozess der Nationenbildung hatte die Konkurrenz um Märkte und Einfluss zur Frage von Kriegen werden lassen, zu denen die 'Völker', überwiegend der lohnabhängigen Klasse angehörig, motiviert sein wollten. Das Großmachtstreben der fortgeschrittensten Staaten warf sich auf die ganze Welt, die Hierarchie zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Hautfarben musste also auch mit einer neuen, pseudowissenschaftlichen Legitimation versehen werden, welche die bewährten religiösen Vorwände zwar nicht verdrängte, aber in scheinbarer Modernität ergänzte. Hierarchie und Kampf zwischen Menschen wurde so zu etwas Natürlichem, Sinnvollen, in das sich einzufügen höchstes Glück des Individuums zu sein hatte.

5.

Das wirkliche Verhältnis des Menschen zu seiner evolutionären Vergangenheit lässt sich mithilfe des eingangs zitierten Gedankens von Marx und Engels entschlüsseln. Denn tierische oder pflanzliche Organismen verfügen zwar über instinktiv vermittelte Methoden zur Nahrungsgewinnung, haben aber wenig bis keinen Einfluss auf das räumliche und zeitliche Vorkommen ihrer Ressourcen oder auf deren Qualität und Quantität. Eisbären können Fische jagen, sind aber auf die in ihren Gewässern vorkommende Menge angewiesen, Wanderungen beseitigen das Problem nicht, bringen nur neue Chancen oder Verluste. In dem Moment, da Menschen anfangen, ihre 'Lebensmittel selbst zu produzieren', machen sie sich sukzessive unabhängig von den vorhandenen Ressourcen, indem sie diese vermehren oder neue schaffen. Der Schritt scheint unscheinbar, doch seine Auswirkungen sind kaum zu ermessen. Nicht, weil die Gattung aus der Natur herausträte, sondern weil sie Naturkräfte für sich wirken lässt, anfangs sporadisch und begriffslos, später immer systematischer. Handgreiflich wird dies beispielsweise an der Technik des Aussäens von Getreide, das bislang ungeahnte neue Nahrungsgrundlagen hervorbringt. Natürlich nur, wenn die Anlagen dazu biologisch gegeben sind, etwa fruchtbarer Boden. Tiere indessen können auch mit vorhandenem fruchtbaren Boden nichts anfangen, da ihnen die Fähigkeit zur freien Naturbearbeitung fehlt. Das Sesshaftwerden menschlicher Stammesgesellschaften, die Herausbildung der Stadt nimmt hier ihren Ausgang.

6.

Die Bearbeitung der Umwelt bei steigender Produktivität setzte zudem eine weitere Ressource frei, mittels derer historischer Fortschritt erst möglich wurde: Zeit. Auf der Basis gesellschaftlicher Arbeitsteilung konnte sich Wissenschaft und Philosophie entwickeln durch Menschen, die von der Fron der überlebensnotwendigen agrarischen Arbeit dank herrschaftlicher Privilegien befreit waren. So konnte Kultur sich entwickeln, mit Herrschaft und Ausbeutung als ihrer Kehrseite. Dementsprechend wollen Marx und Engels keineswegs bestreiten, dass Denken, Religion u. ä. Merkmale menschlicher Existenz sind, nur sind sie nicht vom Himmel gefallen. Bewusste und zielstrebig erweiterte Naturbearbeitung erlaubte es der Gattung, die Fesseln der Evolution zu sprengen, womit sie sich selbst umgewälzt und überhaupt erst in ein historisches Wesen transformiert hat. Der Prozess wirkt über Jahrtausende, aber Quantität schlägt am Ende in Qualität um. Die in der Anthropologie erforschten Entwicklungsschritte, vom aufrechten Gang, der Universalisierung der Hand, der Entdeckung des Feuers, über die Verwandlung von Bronze und Eisen, bis zum Ackerbau, der Erfindung von Symbolen, all diese und viele andere Stationen der Menschwerdung können zugleich als Übergang zur 'Produktion des eigenen materiellen Lebens' (Marx) gelesen werden.

7.

Inwieweit unterliegen menschliche Gesellschaften also noch den von Darwin und anderen. entdeckten Gesetzmäßigkeiten? Die Umweltbedingungen wirken weiter, obgleich ihre Wirksamkeit in einem signifikanten Ausmaß menschlicher Abwehr, Kontrolle, Umformung, Nutzbarmachung unterliegt. Der menschliche Körper erleidet den biologischen Verfall, seine Krankheitsrisiken sind genetisch mehr oder weniger festgeschrieben. Das Klima bringt immer noch gute oder schlechte Ernten. Erdbeben und Tsunamis verlangen ihren Tribut.  Doch all dies ist zugleich gesellschaftlich überformt: Die rechtzeitige Behandlung im Krankheitsfall hängt eher an medizinischer Versorgung als an der natürlichen körperlichen Ausstattung. Das Klima ist mit durch die industrielle Produktion bestimmt und unter den Auswirkungen leiden Arme eher als Reiche. Naturkatastrophen lassen sich nicht verhindern, in ihren Folgen jedoch begrenzen – wenn die Opfer ostasiatischer Tsunamis vor dem finanziellen Ruin stehen, ist nicht der Sturm daran schuld. An die Stelle natürlicher treten gesellschaftliche „Katastrophen“ wie etwa zwei Weltkriege, bei denen es nicht um Nahrungsquellen ging, auch wenn die Ideologie des Lebensraums sich dieser naturalisierenden Metapher bediente. Mangel an produzierbarer Nahrung ist nicht der Grund für den Hunger, wo Schweinehälften und Weizensäcke an Börsen gehandelt werden.

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