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SchwerpunktAlle Menschen sind relevant

Ein unscharfer Begriff, viele offene Fragen und ausstehende Aufgaben

16.07.2021 - Wilfried Meyer

Ein ziemlich unscharfer Begriff, weshalb ihn unterschiedliche Gruppen auch jeweils in ihrem Sinn interpretieren können. Oder aber eine Definition wird nicht geleistet. In welchem „System“ befinde ich mich? Wer ist dann in diesem System relevant? Und was bedeutet „relevant“, denn was für die einen relevant ist, muss dies für die anderen noch lange nicht sein. Und der Begriff hat in pandemischen Zeiten sicher eine andere Bedeutung als sonst. Die beklatschten Pflegekräfte, die sich ja aus gewerkschaftlicher Sicht für diese Anerkennung nichts kaufen können, gehören dazu. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen würden verhindern, dass viele ihren Job aufgeben wollen. Diese Welle der Anerkennung scheint zumindest bei Politikern und teilweise Trägern von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen schon vergessen. Gut, Wahlen stehen an. Da gibt es leichte Verbesserungsversprechungen. Paketzusteller, Essenbringdienste, Corona-Teststellen, Lastkraftwagenfahrer und Schweinezerleger - systemrelevant. Und wir wollen die Spargelstecher, Erdbeerenpflücker, freundlich Erntehelfer genannt, nicht vergessen. Diese machen sich sogar die Mühe aus Bulgarien und Rumänien anzureisen - systemrelevant. Der Frisurladen - geöffnet. Schon vergessen, die Bankenkrise. Banken wurden gerettet, systemrelevant? Heute Lufthansa, Tui…systemrelevant?!

Bauen wertvoller als Lernen?

Kitas, Schulen, Restaurants, Theater, Museen und Musikveranstaltungen, Sport und Fitness … - verboten bzw. geschlossen. Baumärkte geöffnet, Bauen ist wertvoller als Lernen? Zahlen und Statistiken zu Ansteckungs- und Erkrankungspotenzialen in all diesen Bereichen - weitgehend Fehlanzeige. Nicht geschlossen wurden Lebensmittelgeschäfte und Drogeriemärkte. Ich hatte oft den Eindruck, ich hätte lieber draußen im Restaurant gesessen als beim Einkaufen im Supermarkt bedrängt zu werden. Schulen als Hotspots, ja und nein, überwiegend nein. Für die Kinder systemrelevanter Eltern, für Jugendliche und Beschäftigte in Kitas und Schulen gab es oft nur Notbetreuung. Unsere Forderungen nach Halbgruppen, durchgehend bis Sommer, wurden nicht erhört. Als Folge sind nun Psychologen, Psychotherapeuten, Beratungsstellen sehr systemrelevant.

Große Gehaltsunterschiede

Die Fakten der Arbeitnehmerkammer: „Insgesamt arbeiten im Land Bremen knapp 115.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in systemrelevanten Berufen. 54 Prozent von ihnen sind Frauen. Obwohl das Einkommen in den Berufen der Human- und Zahnmedizin fast 3.000 Euro über dem Mittelwert aller Berufe liegt, sind die Entgelte in vielen systemrelevanten Berufen gering: Fast 31.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte beziehen ein mittleres Bruttomonatsentgelt, das über dem Mittelwert von 3.474 Euro liegt, aber mehr als doppelt so viele – nämlich fast 84.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – verdienen (zum Teil deutlich) weniger. Am geringsten sind die Einkommen der Arbeitnehmer*innen, die im Verkauf von Lebensmitteln arbeiten.“ Und hochinteressant, dass die Bezahlung in der Erziehungs- und Sozialarbeit mit 3404 Euro brutto noch unter dem mittleren Monatsgehalt in Bremen von 3474 Euro liegt, ein in der Sparte Redaktion und Journalismus tätiger Mensch erhält 4835 Euro. Am Ende der Statistik liegt die Verkäuferin (Verkauf von Lebensmitteln) mit 1968 Euro. (https://www.arbeitnehmerkammer.de/politik/wirtschaft-infrastruktur/systemrelevante-berufe.html) Über das Ranking ließe sich trefflich streiten, dazu wollen wir mit dieser Ausgabe beitragen. Damit das „System“ funktioniert hat, wer auch immer, eine Liste erstellt, die Berufe auflistet, welche eben zum Funktionieren beitragen. Allerdings haben wir lange gesucht, um z.B. die Fußballprofis zu finden, die ja offenbar als relevant eingestuft wurden, denn sie durften ihrem Beruf nachgehen. Brot und Spiele? Aber warum nicht das Theater, die gesamte Kulturbranche?

Nationaler Blick reicht nicht

Es bleiben viele Fragen offen, die unbedingt aufgearbeitet werden müssen. Die Pandemie nur in Deutschland zu betrachten wäre dabei auch zu kurz gegriffen. Schweden zum Beispiel ließ die Schulen geöffnet. Der Sprecher des Zentralelternbeirats (ZEB) in Bremen forderte, „dass wer systemrelevant sein wolle, eine Schippe drauflegen müsse“ und meinte die Lehrkräfte. Ja, geht es noch? Warum gibt es nach 18 Monaten immer noch keine Lüftungsanlagen in allen Schulen? Warum hinkt Bremen immer anderen Bundesländern hinterher, wenn es um Personal und Ausstattung sowie Räume geht? Das wären doch Felder, die unter dem Stichwort „systemrelevant“ zu beackern wären.

Welches „System“ will die GEW?

Und es muss dringend diskutiert werden, welches „System“ auch wir als GEW-Gewerkschaft haben wollen. Jetzt sah es eher aus wie eine „marktkonforme Pandemie“. Nicht einmal wie eine „marktkonforme Demokratie“.  Was wir brauchen ist eine echte Demokratie, in der jede und jeder, als relevant betrachtet wird. Denn jeder Mensch ist wichtig, da macht doch die Pandemie keine Ausnahme. Und das Gesundheitssystem, nach den Worten der Politiker immer im Vordergrund, müsste dann in unserer Gesellschaft wieder eine andere Bedeutung erlangen und nicht der Dividende untergeordnet sein. Hier schließt das eine das andere aus. Die Privatisierung kann es nicht leisten, denn warum verlassen Tausende Arbeitskräfte diesen Sektor? Warum gibt es keine Lehrkräfteschwemme? Unser Ziel muss sein, Politik zu drängen, die Bedürfnisse der Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft ernst zu nehmen und sich für sie als relevant einzusetzen. Dafür muss viel Geld in die Hand genommen werden. Es ist auf jeden Fall da, aber sehr ungleich verteilt.