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SchulbiographieAbbrüche – positive Facetten einer Defizitkultur

Ist es der Mangel an individueller Reife oder doch die Kraft der persönlichen Entscheidung?

16.03.2020 - Von Swantje Hüsken

Der Abbruch

Laut Duden ein maskulines Substantiv, dessen Bedeutung in erster Linie der Baubranche auf Grund seiner baulich-vernichtenden Bedeutung zugeordnet werden kann. In der Redewendung steht der Abbruch für das Beendigen einer Beziehung oder das Erleiden eine Beeinträchtigung. Er ist demzufolge häufig unerwartet (insbesondere für die Außenwelt). Grundsätzlich gelten Abbrüche als negative Erfahrungen und stören erheblich die Biografie betroffener junger Menschen. Sie werden im sozialen Kontext als problematische Ereignisse gesehen, als Krisen, denen erheblicher Misserfolg zugeschrieben wird und wonach sich junge Menschen dauerhaft aus dem (beruflichen) Bildungssystem zurückziehen. Gründe für Abbrüche von (Aus-) Bildungs- und Studiengängen sind bei genauerer Betrachtung immer vielfältig. In der öffentlichen Diskussion werden als zentrale Gründe vor allem individuelle Probleme und Defizite der jungen Menschen genannt. Der Begriff der Ausbildungs- und Studierreife steht damit plötzlich und dauerhaft im Mittelpunkt. 

Auf dem Weg zum Studium

In der Regel führt der Besuch der gymnasialen Oberstufe mit dem erfolgreichen Abschluss des Abiturs unmittelbar in ein Studium. Schülerinnen und Schüler im Land Bremen erwerben ihr Abitur zu 56% an einer gymnasialen Oberstufe bzw. einem Schulzentrum im Sek II-Bereich und zu 44 % an einem Gymnasium. Insgesamt erreichen junge Menschen stetig höhere, allgemeinbildende Schulabschlüsse und vier von zehn Schulentlassenen erwerben die Hochschulzugangsberechtigung. Diese Entwicklung entspricht auch den Erwartungen der Arbeitgeber und der stetigen Akademisierung des gesamten Arbeitsmarktes. Das Interesse an einem (Dualen) Studium lässt sich an der Studienanfängerquote (Summe der Anfänger*innen im Vergleich zu gleichaltrigen Geburtsjahrgängen insgesamt) ablesen, die seit 2010 jährlich bei über 55% liegt. Gemessen an den individuellen Plänen, bspw. den Studienbeginn auf einen späteren Zeitraum zu verzögern, erachten sogar mehr als 70% eines Abiturjahrgangs den Weg an eine Hochschule für den ersten Plan, um einen Berufsabschluss mittels Studiums zu erwerben. Gemessen an den 8,8% der Abiturientinnen und Abiturienten, die 2009/2010 direkt nach dem Abitur in Bremen eine Berufsausbildung begannen, ist der Erwerb des höchsten, allgemeinbildenden Schulabschlusses mit der Aufnahme eines Studiums weiterhin eng verknüpft.

Wie steht es um diejenigen, die die Oberstufe vorzeitig abbrechen?*

Nicht um alle muss man sich Sorgen machen, denn sie verfügen über einen Schulabschluss (anders als Schulabbrecher*innen im Sek I-Bereich), der für die Aufnahme einer dualen oder vollzeitschulischen Ausbildung berechtigt. Damit erfüllen sie ihre bestehende Schulpflicht – auch, wenn sie ihren Weg im berufsbildenden, schulischen Übergangssystem fortsetzen. Allerdings gestaltet sich dieser Übergang häufig nicht von allein. Denn wer sich auf der Zielgeraden unsicher über deren erfolgreichen Abschluss ist, stellt sich nebenbei auch die Frage nach der persönlichen Eignung und sucht nach den vermeintlich letzten Potenzialen. Für diesen Prozess gibt es Unterstützung. Ein derzeit an den Gymnasialen Oberstufen und Beruflichen Gymnasien verankertes Projekt (BO-GyO) zur Weiterentwicklung der Beruflichen Orientierung soll die Berufswahlkompetenzen junger Menschen erfassen und (schulische) Maßnahmen untersuchen. Ziel ist es, junge Menschen mittels einer früh eingesetzten Potenzialanalyse hinsichtlich ihres Studierwunsches und der fachlichen Eignung für diese Interessen zu überprüfen. Immer unter dem Aspekt, dass es gelingen kann (oder auch muss), Schülerinnen und Schüler rechtzeitig auf Alternativen der individuellen, akademischen Bildungswegeplanung, bspw. die einer dualen Ausbildungsmöglichkeit, zuweisen zu können. Ein Abbruch der schulischen Laufbahn ist damit die positive Folge einer Umorientierung oder auch Um-Beratung.

 

*Anmerkung der Redaktion: die Daten zur Schulabbrecherquote (Schulabbruch ohne Schulabschluss) für das Land Bremen schwanken je nach statistischer Quelle zwischen 4,8% und 6,8% (zurückzuführen auf nicht vorhandene, öffentliche Berechnungsgrundlagen). Eine eigene Abbruchquote für die Einführungs- und Qualifikationsphasen wird zudem nicht ausgewiesen. Die Wiederholerquote an Gymnasialen Oberstufen liegt bei 4,2% (im Vergleich zum Bundesdurchschnitt: 2,8%). Allerdings wird durch die Erfahrungen der an Schule Tätigen deutlich, dass der Bedarf an Beratung zur Beruflichen Orientierung und beruflichen Anschlussperspektive zugenommen hat.  

 

Ausbildung vs. Studium

Die Vor- und Nachteile des jeweiligen Berufseinstiegs liegen nicht immer auf der Hand und das Erkunden dieser wird häufig von jungen Menschen erst als Arbeitsauftrag an sich selbst verstanden, wenn der Schulabschluss vor der Tür steht. Der Zeitraum bis dahin ist gespickt mit vielfältigen praktischen, beruflichen Erfahrungen. Und dennoch hängt die Entscheidung von weiteren Faktoren ab, wie bspw. von den Intentionen des Elternhauses und des sozialen Umfeldes. Im Zuge eines branchenübergreifenden Fachkräftemangels, der sich bereits jetzt als Kräfte-Mangel auszeichnet, gewinnt eine duale Ausbildung (wieder) an Wertigkeit – auch wenn das Image nach wie vor bei jungen Menschen leidet. Vielleicht auch deswegen, weil bei über 300 Ausbildungsberufen die Wahl automatisch schwerfallen kann. Was spricht für eine Ausbildung? Der direkte Berufseinstieg, die Ausbildungsvergütung, die beruflichen Anschluss- sowie Qualifikationsmöglichkeiten. Was spricht für ein Studium? Die Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten, die perspektivisch besseren Verdienstmöglichkeiten, die Möglichkeiten für Auslandserfahrungen und der größere Freiraum zur Vorbereitung auf die Karriere. Bei bundesweit über 8.700 grundständigen Studiengängen ist auch hier die Wahl auf Anhieb hinsichtlich des persönlich angestrebten Berufsabschlusses nicht immer leicht.

 

Studienabbruch und das Leben danach  

Die Anzahl der Studierenden an den Hochschulen im Land Bremen lag im Wintersemester 2018/2019 bei ca. 35.500 – eine Zahl, die seit Jahren angestiegen ist. Die Erfolgsquote (Abschluss des gewählten Studiums) liegt in einigen Studiengängen, insbesondere bei denen mit einem hohen Praxisbezug, bei nahezu 100%, in anderen gibt es nachweislich eine Abbruchquote von 30% (Studienwechsler/innen werden hier nicht erfasst). Besonders in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern übersteigt diese Quote gerade zu Beginn die 50%-Marke unter den Studienanfängerinnen und Anfängern. Laut dem Bildungsbericht der Bundesregierung 2016 bricht jede/r vierte/r Studierende das Bachelorstudium ab. Das Hochschul-Informationssystem ermittelt 2017 dagegen sogar, dass jede/r dritte Hochschüler/in das Studium frühzeitig beendet. Rund die Hälfte beginnt in Folge dessen eine Ausbildung und ein weiterer Teil wird (zunächst) erwerbstätig. Welche Ursachen hat ein Abbruch? Die falsche Fächerwahl, das Scheitern an den studienbedingten Prüfungsleistungen, verlagerte Interessen und mitunter die Erkenntnis, dass ein Studium zu einem späteren Zeitpunkt im Leben auch begonnen werden kann. In der Regel führen mehrere Motive zur Abbruchentscheidung und sind das Ergebnis eines mitunter längeren Reflexionsprozesses, bei dem Beratungsstellen unterstützen können. Ein Studienabbruch stellt aber keine nennenswerte Niederlage im individuellen Lebensweg mehr dar. Ganz im Gegenteil: Betriebe und ganze Branchen arbeiten permanent an innovativen Karriereprogrammen, um ihrer Suche nach und dem Mangel an kompetenten und künftigen Führungskräften gerecht zu werden. Die Zielgruppe der ehemaligen Studierenden gerät dabei seit Jahren positiv in den Mittelpunkt. Auch Studienzweifler/innen werden in den verschiedenen Beratungsstellen mit Hinweisen auf eine passgenaue Besetzung in offene Ausbildungsstellen versorgt. Abbrecherinnen und Abbrecher sind betriebliches Zukunftspotenzial. Bei der Überwindung des möglichen Wechselschocks vom freien Studieren in den weisungsorientieren Betrieb helfen inzwischen zahlreiche Projekte an den Hochschulen und die etablierten Beratungsstellen, wie bspw. der Agentur für Arbeit.  

 

Quellen:

Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/

Bundesinstitut für Berufsbildung, https://www.bibb.de/de/699.php

Statistisches Landesamt Bremen, https://www.statistik.bremen.de/

Senatorin für Kinder und Bildung, https://www.bildung.bremen.de/statistik_und_monitoring-3420

 

Beratungsangebote für Studienabbrecher/innen in Bremen

Zentrale Studienberatung Universität Bremen, https://www.uni-bremen.de/zsb.html

Zentrale Studienberatung Hochschule Bremen, https://www.hs-bremen.de/internet/de/studium/angebot/beratungen/weitere/

Studienberatung der Hochschule Bremerhaven, https://www.hs-bremerhaven.de/organisation/servicestellen/studienberatung/beratung/

Berufsberatung der Agentur für Arbeit in der Jugendberufsagentur, www.jugendberufsagentur-bremen.de

ECS Unternehmens- und Personalberatung, https://www.studienabbrecher.com (Online-Portal)

Bundesministerium für Bildung und Forschung: https://www.studienabbruch-und-dann.de/

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