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32. Pädagogische Woche in Bremerhaven

16.06.2017 - Bernd Winkelmann

Eröffnungsrede vom 27. März von Bernd Winkelmann | Landesvorstandssprecher der GEW

Wir eröffnen heute die 32. Pädagogische Woche und setzen damit die Überlegungen unserer vorangegangenen beiden Pädagogischen Wochen fort. Unter verschiedenen Aspekten warfen wir die Frage auf: „Was heißt demokratische Schule?“

Wenn wir die Titel der letzten vier Jahre aufeinander beziehen:

  • 2013: Demokratische Pädagogik; 2015: Gemeinsam. Verschieden. Eine ganz normale Stadt  2017: Heraufordernde Vielfalt – vielfältige Herausforderungen

dann könnten wir als Kerngedanken ableiten:

Der Kampf um eine demokratische Pädagogik in einer normalen Stadt bleibt vielfältig und herausfordernd. Das allerdings ist mehr als eine Wortspielerei.

Bei den Planungen zu unseren Pädagogischen Wochen befassen wir uns mit Erfahrungen aus dem Alltag. Einige Aussagen, die uns nachdenklich gemacht haben, lauten:

  • Zur Demo am 1. Mai kann ich nicht gehen, ich bin noch nicht auf Lebenszeit verbeamtet;
  • Ich kann mich nicht um Politik oder um Gewerkschaft kümmern, ich habe in der Schule so viel zu tun;
  • Opponieren ist so mühsam, es ändert sich sowieso nichts ...

Was haben die Kolleg*innen, so fragen wir uns, erlebt, um zu solchen Einschätzungen zu kommen?

  • Sie steigen oft in die Berufsausbildung in ein eng geführtes Studium ein: Creditpoints statt Nachdenken;
  • Sie erhalten als Referendar*in eine neue Prüfungsordnung, mit der die Durchführung ihrer Vorführstunden von deren Reflexion getrennt wird, auch hinsichtlich der Notengebung; die Leistung Theorie und Praxis voneinander zu separieren, ist ein Maßstab der Bewertung;

ergänzende Anmerkung: Der größte Hohn der neuen Ausbildungsordnung von Lehrkräften besteht darin, dass sie sich der Salutogenese („gesund durchs Berufsleben“) verpflichtet sieht;

  • Und sie nehmen auch einen Schulausschuss wahr, der nach der Halbierung der Kürzungen bei den schulischen Sachmitteln sagt, mehr können wir nicht machen, wir wissen auch nicht weiter.

Wir müssen aber weiter, der morgige Tag bricht an und die Kinder kommen zur Schule. Wir sind davon überzeugt, dass ein Nachdenken über Bildung hilft. Den Maßstab hat Horst von Hassel einmal formuliert: „Schulreform ist Freiheitskampf“.

Daraus folgt:

1. Bildung heißt Kritik an Herrschaft 2. Erziehung bedeutet Aufklärung über gesellschaftliche Strukturen

3. Schulbildung hat einen hohen Einfluss auf die Menschen. Es kommt darauf an, gegen die Ideologie der Ungleichwertigkeit aktiv einzutreten.

Dabei ist die Landesverfassung auf unserer Seite; Artikel 26 thematisiert soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Frieden, Schutz vor Ausbeutung, ein menschenwürdiges Dasein und die Verpflichtung, dem Gemeinwohl zu dienen.

Worin liegt also der Wert Pädagogischer Wochen?

  • Wir müssen uns auseinandersetzen mit dem Wunsch nach einfachen Lösungen, die es nicht gibt. Die Welt ist in jeder Klasse, daran geht kein Weg vorbei.
  • Wir müssen in aller Bescheidenheit Horizonte öffnen: Es geht nicht nur um Schulen, sondern um die Entwicklung der gesamten Stadt hin zu einem integralen Konzept.
  • Wir müssen dazu beitragen, dass wir selber befähigt sind, an der Veränderung praktisch mitzuwirken; wir wollen mehr als eine formal ausgerichtete Demokratie.
  • Wir müssen uns dafür einsetzen, dass nicht nur, aber auch die Schulkinder einen ungehinderten Zugang zu Bildung erhalten. Demokratie klappt nur durch die Selbsttätigkeit ihrer Mitglieder in gesellschaftlich-historischer Verantwortung. Mit „Bildung für alle“ fängt diese Perspektive an.
  • Wir müssen das Nachdenken über die Verhältnisse systematisch ausbilden, Änderungsmöglichkeiten erarbeiten und sie Realität werden lassen.

Kommen wir abschließend zurück auf unseren Kerngedanken (Der Kampf um eine demokratische Pädagogik in einer normalen Stadt bleibt vielfältig und herausfordernd), so ist zu bedenken:

Die Sprengkraft von Bildung ist längst erkannt. Nicht zufällig werden enge Kontrollmechanismen in das Bildungssystem eingezogen. Nicht zufällig gibt es eine massive Debatte um ökonomisch nutzlose Gruppen von Menschen. Nicht zufällig wird „Bildung“ verunglimpft zu Gunsten eines Lernverständnisses als Anpassung an die Marktgegebenheiten.

Wenn Bildung aber einen aufklärenden Auftrag hat und dieser zur Geltung kommen soll, dann brauchen wir  - neben Zusammenhalt – gute Argumente. Vor vier Jahren sind wir auseinandergegangen mit dem Hinweis von Frau Prof. Borst, das Individuum überlebe nur als Kraftzentrum des Widerstandes. Vor zwei Jahren sagte unser Dezernent Michael Frost: „Inklusion wendet sich gegen die Barrieren in den Köpfen“. Wir freuen uns auf sein Grußwort, das er gleich halten wird.

Heute wird Herr Mecheril unter dem Gesichtspunkt migrationspädagogischer Überlegungen uns „solidarische Bildung“ erläutern. Wir sind gespannt! Ich wünsche uns erfolgreiche Tage.

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