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Kolonialismus im Unterricht Aufgeschobene Befreiung

Ein Rückblick auf die Apartheid in Südafrika und den Widerstand dagegen. Erster Teil.

16.11.2021 - Werner Pfau

Business as usual?

Bald sind es dreißig Jahre, dass die Apartheid in Südafrika abgeschafft wurde. Was zweifellos einen großen Fortschritt in sich darstellt – die Befreiung der Mehrheitsbevölkerung von ebenso grausamen wie demütigenden Gesetzen -, beseitigte allerdings nicht jenen eklatanten Gegensatz zwischen Arm und Reich, den der Afrikanische Nationalkongress (ANC) ursprünglich durch Landreform, Umverteilung, partielle Vergesellschaftung bekämpfen hatte wollen. Noch heute gibt es  Wohnviertel, in denen Stromleitungen illegal angezapft werden, weil Energie zu teuer für die nach wie vor Pauperisierten ist, die darin leben. Einem durchaus aufgestiegenen schwarzen Mittelstand stehen abgehängte Schichten gegenüber. Einstmals führende Mitglieder des Widerstands gegen die Apartheid sind in die politische und ökonomische Elite aufgerückt und etliche unter ihnen sehen sich Vorwürfen der Korruption ausgesetzt. Etwa der ehemalige Präsident Jacob Zuma, der deswegen vor Gericht steht.

Emanzipation zum Neoliberalismus

Der frühere Gewerkschafter und jetzige Staatschef Cyril Ramaphosa hatte zwischenzeitlich die Seiten gewechselt und war im Vorstand einer Minengesellschaft tätig. Sein Privatvermögen wird auf 450 Millionen Dollar geschätzt. In den Neunzigern galt er als  prominenter Verfechter eines wirtschaftsliberalen Kurses – die vormalige, moderat sozialistische Ausrichtung der Bewegung durfte zwar noch auf Feierlichkeiten unter den 'Comrades' beschworen, sollte aber aus der realen Wirtschaftspolitik herausgehalten werden, um auswärtiges Kapital nicht zu verschrecken. Dabei hätte gerade das an seltenen Bodenschätzen reiche und industriell fortgeschrittene Land sich sozialreformerische 'Experimente' vermutlich eher leisten können als eine Karibikinsel wie Kuba, die aus der Abhängigkeit von sowjetischen Produkten nie herauskam.

Angesichts der satten Wahlerfolge des ANC verhallten die Korruptionsvorwürfe der kleinen Oppositionsparteien ungehört. Eine späte Frucht solcher Verhältnisse sind die gigantischen Kohlekraftwerke in Mpumalange, gegen die Greenpeace Afrika verzweifelt protestiert. Die Anlage Medupi im Norden wurde erst in den letzten Jahren gebaut, man munkelt von intensiver Lobbyarbeit der japanischen Hitachi Power gegenüber den Verantwortlichen, die fast ausschließlich dem ANC angehören. Neben persönlicher Bereicherung geht es wohl auch um die Versorgung der eigenen Gewerkschaftsklientel mit Arbeitsplätzen, um welchen ökologischen Preis auch immer.

Rassismus und Ökonomie

Die Beseitigung rassistischer Strukturen setzt eben keineswegs automatisch andere politische und ökonomische Machtverhältnisse außer Kraft: Eine traurige Wahrheit, die im Zeitalter der Wokeness etwas in Vergessenheit gerät. So mancher Genosse und manche Genossin von früher verwandelten sich nach der Wende in 'Charaktermasken' von Wachstumszwang und Standortpolitik, sei es dank neuerworbener Pfründe, sei es aus dem Gedanken der Alternativlosigkeit. Dabei war in den theoretischen Zirkeln des ANC und verwandter Gruppen seit den Sechziger Jahren verstärkt darüber diskutiert worden, inwieweit die Apartheid nicht als Form eines rassistisch konstituierten Kapitalismus zu verstehen sei, ihre Abschaffung also auch antikapitalistische Elemente enthalten müsse.Werfen wir daher zunächst einen Blick auf ihre Entstehungsgeschichte.

Fanatismus der Segregation

Geschichtsbücher verzeichnen das Jahr 1948, in dem die burische Nationale Partei einen überraschenden Wahlsieg einfuhr und ihn zielstrebig dafür nutzte, das bislang herrschende britische Establishment und dessen burische Verbündete politisch still zu stellen. Mittels der errungenen Machtposition macht sich die Partei, vorher eher als radikale Randgruppe verschrien, an die Verwirklichung jenes Konzeptes, das in ihren Reihen entwickelt worden war und die Errichtung einer totalen räumlichen, politischen und sozialen Segregation der 'Rassen' beinhaltete.

Doch schon diese Datierung wird in der Literatur zum Teil heftig bestritten. Eine Gegenposition lässt die Geschichte der Apartheid mit dem Eindringen erster burischer Siedler 1652 beginnen. Zu recht wird darauf verwiesen, dass auch die  britischen Eliten von tiefem Kolonialrassismus erfüllt und an der Erhaltung ihrer Herrschaft über die Kolonisierten interessiert waren. Schon vor 1948 hatten Gesetze die schwarze Bevölkerungsmehrheit sowie farbige und indische Minderheiten vom Wahlrecht ferngehalten, ihnen den Zugang zu bestimmten Gebieten und Berufen verwehrt und politische Betätigung nur in engen Grenzen zugelassen. Ganz zu schweigen von der großen Landnahme und Enteignung, die im 19. Jahrhundert und davor stattgefunden hatte und überwiegend Weißen das Eigentum an großen Farmen zueignete.War also überhaupt etwas neu an dem, was 1948 geschaffen wurde? Ja und Nein. Der Schlüssel für das Verständnis der Apartheid liegt in der Lage der burischen Weißen innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft.

Der Nationalismus der 'Afrikaner'

Burischer Siedlerkolonialismus hatte zwar Teile des Landes bereits Jahrhunderte vor der britischen Armee okkupiert, war von dieser aber im Laufe des 19. Jahrhunderts sowohl geografisch zurückgedrängt als auch militärisch in mehreren Kriegen besiegt worden. Die europäische Herkunft der ursprünglich niederländischen Buren stimmte das siegreiche Empire keineswegs milde – Hautfarbe spielt in der Kolonialpolitik meistens eher die Rolle der Legitimation als die der wirklichen Begründung. Die Härte der britischen Militärstrategie gegenüber den Buren manifestierte sich im Bau von 'Concentration Camps' zur Umsiedlung und Kontrolle der Besiegten. Zehntausende von Menschen starben darin, darunter viele Frauen und Kinder. In der 1909 gegründeten Südafrikanischen Union hatten die verbliebenen Buren sich der britischen Vorherrschaft unterzuordnen, profitierten gleichwohl, zumindest was die Angehörigen der  Oberschicht betraf, von kolonialen Privilegien gegenüber anderen ethnischen oder rassistisch definierten Gruppen, vor allem der depravierten afrikanischen Mehrheit. Einflussreiche burische Honoratioren setzten daher auf eine Politik der Versöhnung mit Großbritannien und waren bereit, dafür einige Kröten zu schlucken, darunter die sprachpolitische Dominanz des Englischen.

Aggressive Mischung

Eine Minderheit hegte angesichts des britischen Sieges revanchistische Affekte und sah in der Verständigungspolitik mit den neuen Herren Verrat. So entstand eine aggressive Mischung aus calvinistischem Überlegenheitsdünkel und völkischer Blut- und Boden-Mystik: Jahrhundertelang hatte Gott den Buren Siege über die 'unzivilisierten' afrikanischen Stämme geschenkt und sie hatten im Schweiße ihres Angesichts Land urbar gemacht. Durch britische Ranküne waren sie um ihren rechtmäßigen Herrschaftsanspruch betrogen worden.

Industrialisierung, Urbanisierung und völkische Paranoia

Dieses völkisch nationalistische Milieu wird es sein, in dem das Konzept der Apartheid entsteht.
Auftrieb erhielt es in den Zwanziger und Dreißiger Jahren durch den sozialökonomischen Prozess verstärkter Urbanisierung im Rahmen eines sich schnell entwickelnden Industriekapitalismus. Denn während die Kommandohöhen der entstehenden Industrien in britischer Hand waren, zog die Nachfrage nach Arbeitskraft nicht nur ärmere Buren in die Städte sondern auch Farbige und Schwarze. Die damit verbundenen Friktionen erreichen in der Großen Depression von 1929 ihren Höhepunkt. Bei den sogenannten Poor Whites, die zum größten Teil burischer Herkunft waren, befeuerte ein realer oder gefühlter Statusverlust doppelte Ressentiments, nationalistische gegenüber der britischen Elite, rassistische gegenüber den Schwarzen, die mit ökonomischem Aufstieg zur Konkurrenz werden und auch politische Rechte fordern konnten. Sexuelle Libertinage zwischen den 'Rassen' würde die 'Blutreinheit' der Buren unterminieren. Verschwörungstheorien fantasierten von einem schwarzen Griff nach der Macht, womöglich im Dienst der Briten, mit dem Ziel, die Buren in ihrer völkischen Identität vollständig auszulöschen. Nur ein grundsätzlicher Bruch mit der ganzen Entwicklung könne das 'Überleben' des tapferen Volkes – womit nichts anderes als dessen Herrschaftsanspruch gemeint war - sichern. Ideologen wie DF Malan lieferten die Argumente, freimaurerische Männerbünde wie der 'Afrikanse Broederbond' schafften das Netzwerk,  geschichtspolitische Inszenierungen wie das hundertjährige Jubiläum des Großen Trecks von 1838 entfalteten signifikante propagandistische Wirkung.

Der Weg zum Wahlsieg

Überdeckte die Teilnahme Südafrikas am Zweiten Weltkrieg noch die ideologischen Konflikte innerhalb der politischen Klasse, so flammten diese anlässlich der Wahl von 1948 wieder auf. Die Kriegsteilnahme hatte das Selbstbewusstsein vieler Schwarzer gestärkt. Indien war unabhängig geworden. Auch in anderen Teilen der Welt regten sich antikoloniale Bewegungen. Wirtschaftsnahe Stimmen propagierten eine vorsichtige, kontrollierte Ausweitung der Rechte von Schwarzen, die man als zukünftiges Reservoir von Arbeitskräften einplante, zunehmend auch für qualifiziertere Tätigkeiten. Das schloss auch eine liberalere Haltung gegenüber dem Zuzug Schwarzer in die Städte zum Behufe ihrer Verwertung ein. Für die Nationale Partei als Repräsentantin des völkischen burischen Nationalismus war das ein Schreckensszenario. Sie malte im Wahlkampf nach bewährtem Muster die 'schwarze Gefahr' an die Wand – und gewann. Bis 1994 blieb sie an der Macht; da das von ihr installierte System der Segregation auch britischen Weißen koloniale Privilegien sicherte, identifizierten viele aus ihren Reihen sich damit und zementierten die Alleinherrschaft der Partei.

Das System der Apartheid

Durch die Passgesetze von 1950 wurde gewissermaßen das Fundament einer durchgängigen, alle Lebensbereiche erfassenden Segregation der Bevölkerungsgruppen gelegt. Jeder Person wurde qua willkürlicher staatlicher Setzung eine 'Rassenzugehörigkeit' zugewiesen. Unnötig zu sagen, dass Hautfarbe Tausende von Schattierungen aufweist. Der pseudowissenschaftliche Überbau, dem zufolge jede Gruppe ihrer eigenen 'Kultur' gemäß leben und dafür von den anderen getrennt werden musste, war das eine. Das dahinterliegende Motiv war, die Kolonisierten systematisch auseinander zu dividieren. Deshalb wurde die größte Gruppe der Schwarzen auch nicht als solche eingestuft, sondern entlang ihrer Stammeszugehörigkeiten. Im Grunde war die Mehrheit damit politisch fragmentiert, zerfiel sie doch in Stämme wie die Zulu, Xhosa und andere, die alle gemäß staatlich dekretiertem Tribalismus 'unter sich' bleiben sollten.

Räumliche Segregation

Den Gruppen wurden Wohngebiete zugeteilt, wobei urbane und fruchtbare Landesteile selbstverständlich unter weißer Kontrolle blieben. Der Zuzug schwarzer Familien in die Städte sollte gestoppt werden. Wo sie trotzdem gebraucht wurden, sollte jeweils ein Elternteil für begrenzte Zeit in einem weißen Areal arbeiten dürfen, freilich unter der Maßgabe, dass der Rest der Familie im Homeland bleiben musste. Dadurch sollte die Rückkehr der Arbeitenden, anfangs üblicherweise Männer, sichergestellt werden. Als dann noch die Homelands zu völkerrechtlich eigenständigen Gebilden erklärt wurden, war die staatlich inszenierte, anhand rassistischer Kriterien organisierte Arbeitsmigration perfekt. Zumindest auf dem Papier war damit das koloniale Bedürfnis des Machterhalts durch Segregation mit dem kapitalistischen Bedürfnis nach flexibel zu befriedigender Arbeitsnachfrage versöhnt. Praktisch konnte der politische Anspruch sich nie völlig gegenüber dem 'stummen Zwang' der kapitalistischen Verhältnisse durchsetzen: Schwarze Familien, die in ihren Homelands keine Existenzgrundlage hatten, migrierten zu tausenden illegal in die Städte. Townships wie Soweto sprossen aus dem Boden und wurden zu Zentren des Widerstands. 

Fortsetzung im zweiten Teil des Artikels in der nächsten Ausgabe des bildungsmagaz!ns.