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Von der Zeit und ihrem Verschwinden

16.02.2017 - Fenja Abendroth (ist Referendarin in Bremerhaven und Ausbildungspersonalrätin)

Die 18 Monate im Referendariat

 Wir können nie genug von ihr bekommen und trotzdem haben wir immer zu wenig davon: die Zeit. Sie ist kostbar und bleibt doch zu häufig unbeachtet. Man soll sie sich nehmen für schöne Dinge und dann ist sie verschwunden, wenn man sie am meisten benötigt.

Im Referendariat rinnt sie uns durch die Finger. Häufig schauen wir uns um und fragen uns, wo sie geblieben ist. Und besonders jetzt brauchen wir sie am dringendsten. In einer Phase, in der sich angehende Lehrkräfte ausprobieren sollen, in der ein angemessener Umgang mit allen neuen Eindrücken und Situationen gelernt und eine berufliche Identität gefunden werden muss, fehlt sie uns an allen Ecken und Enden. Diese verflixte Zeit! Ein stressiges Gefühl drängelt sich nach vorn. Dabei hatte es doch schon während des gesamten Studiums die Oberhand! Vorbei ist die Zeit der philosophischen Freigeist-Universitäten. Ein erfolgreiches Studium definiert sich heutzutage vor allem durch den Erwerb von Credit Points. Mit der Hoffnung auf Besserung starten viele Uni-Absolventen in das Referendariat. Endlich das Gelernte anwenden, endlich arbeiten, endlich eigenständig gestalten, eigenes Geld verdienen. Sie hoffen auf einen Neubeginn, auf das Ende in einem starren System, welches von Bulimie-Lernen, einem streng vorgefertigten Ablauf und der Abhängigkeit vom Gefallen der zuständigen Professoren geprägt war. Aber was einem im Referendariat erwartet, ist nicht weniger von Abhängigkeit bestimmt. Schon von Beginn an fegen hektische Gedanken ein vielleicht hoffnungsvolles, wohliges Zeitempfinden einfach so vom Tisch: Was muss ich tun, damit die Schulleitung mich wahrnimmt? Beteilige ich mich an den richtigen Projekten? Welche Theoretiker bevorzugen meine Seminarleiter? Klafki oder Hilbert Meyer? Welches unterrichtliche Vorgehen gefällt den Prüfern? Wie kann ich die verschiedenen Vorlieben zusammenbringen, damit alle zufrieden nicken? Wie schaffe ich eine Prüfung, die eine zügige Einstellung ermöglicht? Denn wer will schon nach dem Referendariat wieder beim Arbeitsamt anstehen oder seine Eltern anpumpen? Bei all diesem äußeren und inneren Stress, den man schon am ersten Tag spürt und der einen eineinhalb Jahre begleitet, bleibt leider wenig Zeit für freies Denken. Denkräume, die für die Entwicklung unserer moralischen und pädagogischen Vorstellungen eigentlich viel Platz brauchen und uns dazu verhelfen, eine Lehrkraft zu werden, die für etwas steht, die Vorbild und Begleiter für Schülerinnen und Schüler ist. Genau dafür brauchen wir viel Zeit: Zeit zum Beobachten und Nachdenken, Zeit zum Reflektieren, Zeit, um sich mit anderen auszutauschen, Zeit, um verschiedene pädagogische Ansätze und methodische Verfahren zu durchdringen, auszuprobieren und sich als Lehrerpersönlichkeit zu positionieren.

Im Rahmen der Ausbildung werden uns Angebote zum Erlernen eines guten Zeitmanagements gemacht. Aber viele kommen mit einem größeren Fragezeichen aus den Veranstaltungen, als sie hineingegangen sind, und aus Zeitmangel setzt man sich mit den Konzepten auch nicht weiter auseinander. Zeitmangel ist im Referendariat ein ständiger Begleiter. Die Zeit nimmt einen regelrecht in die Mangel und schnürt einem die Luft ab. Zeitmangel versetzt uns in Panik. Wir verlieren das Vertrauen zu uns und hektisch versuchen wir mit großem Zeitaufwand die Unterrichtsplanung für den nächsten Hospitationsbesuch zum wiederholten Male zu perfektionieren.

Aber neben der Zeit, die wir in der Schule, im LIS und am Schreibtisch verbringen, brauchen wir auch noch Zeit für unser privates Leben. Zeit für unsere Freunde, sozialen Kontakte, Partner, Kinder und Hobbies. Freie Zeit, die uns durch diese schwierige und anspruchsvolle Zeit des Referendariats trägt. Doch auch diese Zeit wird immer knapper und verschwindet manchmal sogar ganz.

Im Referendariat müsste der Tag ein paar Stunden und die Woche ein paar Tage mehr haben, damit die Zeit nicht gänzlich verschwindet. Francoise Sagan sagte einmal: „Mein liebster Zeitvertreib ist, die Zeit vergehen zu lassen.“ O, wie beneidenswert!

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