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Politische Bildung und das ungute Gefühl

16.09.2017 - Dr. Jens Winter

Rede anlässlich der Verleihung des Hilde-Adolf-Preises an das Schülerzeitungsprojekt „heimatlos“ des Gymnasiums Links der Weser

Wir sind alle, die das Projekt „heimatlos“ gemacht haben, ungemein erfreut und auch stolz darüber, den Hilde-Adolf-Preis der Bürgerstiftung Bremen erhalten zu haben. Es ist eine der größtmöglichen Auszeichnungen, die ein Schulprojekt erhalten kann - und die Schüler und Schülerinnen haben es ohne jeden Zweifel verdient.

Kehrseite der Medaille

Ich möchte den Raum nutzen, um einige, auch mahnende Worte an uns alle zu richten. Denn tatsächlich begleitet mich, trotz des Lobes, ein ungutes Gefühl. Tatsächlich gibt es in Bremen ungemein viele tolle Projekte von Schulen und anderen Institutionen oder Initiativen – die Wettbewerbe „Dem Hass keine Chance“, „Demokratisch Handeln“ sowie „Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage“ und auch die „Bremer Nacht der Jugend“ zeugen nachdrücklich davon. Und „heimatlos“ selbst steht hier nur stellvertretend für all dieses Engagement. Das ungute Gefühl rührt daher, dass all diese Projekte, den tatsächlichen Zustand Politischer Bildung in Bremen, insbesondere in den Schulen, nur kaschieren und vernebeln. Das ist die Kehrseite der Medaille. Oft heißt es, schaut die Projekte, es läuft doch gut. Nein, es läuft gar nicht gut. Seit mittlerweile Jahrzehnten wird bundesweit, aber auch im Lande Bremen, ganz bewusst gesellschaftswissenschaftlicher Unterricht gekürzt. In Gymnasien wird in der Regel in den jungen Jahrgängen eine Stunde Politik und eine Stunde Geschichte unterrichtet – eine Stunde, wissen Sie, welchen Stellenwert eine Unterrichtsstunde pro Woche hat? Im Zuge verdichteter Schulausbildung und auch Arbeitsbelastung der Lehrenden bleibt kaum Raum für Arbeitsgruppen oder freiwilliges Engagement. Es grenzt an ein Wunder, dass es so viele tolle Projekte gibt – es gibt sie nicht wegen, sondern trotz dieser Rahmenbedingungen. Und jüngere Kollegen für derartiges zu motivieren, ist ungemein schwer – ich kann es ihnen beim besten Willen nicht übel nehmen. Ich habe allergrößte Hochachtung vor all denen, die sich ihre Nischen für Projekte erhalten. Insgesamt fürchte ich aber um die Zukunft der tollen Projekte – in ganz Bremen und darüber hinaus. Aber nicht nur um deren Zukunft fürchte ich mich. Ich bin überzeugt, dass alle hier Anwesenden Zukunftsorientierung für sich als bildungspolitisches Ziel beanspruchen.

Rotstift falsch platziert

Aber was heißt dies eigentlich? Lässt sich Zukunftsorientierung auf die funktionalen Anforderungen für den Standort reduzieren, wie es Pisa oder Studien zur so genannten Neuen Sozialen Marktwirtschaft nahe legen? Geht es ausschließlich um das Wachstumspotenzial in einer globalisierten Konkurrenz? Genügt es wirklich, diesem Denken hinterher zu hecheln? Stichwort Digitalisierung: Sie ist ohne Frage von zentraler Zukunftsbedeutung – aber auch sie ist nur ein Medium, ein Mittel und nicht alles – vor allem hat sie von sich keinen Inhalt. Was dabei auf der Strecke bleibt ist eine andere Zukunftsorientierung, eine, die Zusammenhänge erfasst, die erörtert, Fragen stellt, kritisch, und die damit auch gesellschaftliche Spaltungs- und Desintegrationsprozesse und deren Auswirkungen wahrnimmt: Hierzulande, in Europa und weltweit – am Beispiel Reichtumsverteilung, Kinderarmut, prekärer Arbeitsverhältnisse und Rentenentwicklung, anhand von Jugendarbeitslosigkeit und sozialer Spaltung in Griechenland und anderswo in Europa, anhand der Flüchtenden aus Syrien, aber auch im Mittelmeer und in der Sahara, entsprechend der Internierten in Libyen, der wachsenden absoluten Armut im subsaharischen Afrika und der europäischen Verantwortung dafür – die Liste ist offen. Dass eine solche Orientierung in Schule kaum noch eine Rolle spielt im nationalen, besser nationalistischen Wettrennen, ist bedauerlich. Hurra, wir sind Exportweltmeister – wie beschränkt ist dieser Blick auf das eigentliche Problem, als wäre die Welt ein Fußballplatz. Die Quittung erreicht uns direkt. Demokratie, so unvollkommen sie selbst hierzulande sein mag, ist keine Selbstverständlichkeit - eigentlich sollten gerade wir, in diesem Land, das wissen. Wo glauben Sie, kann ein junger Mensch vor rechtspopulistischen Parolen gefeit werden? Etwa in einer Stunde Politik und Geschichte? Der Rotstift ist hier gefährlich falsch platziert.

Monetäre Menschen

Die erste Ausgabe der „heimatlos“ endete mit einem Zitat von Herrmann Scheer aus dem Jahr 2008: „Wenn wir so weiter machen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten, (…) zwischen Religionen, zwischen berechtigten und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen. Dann wird der monetäre Wert des Menschen in den Vordergrund geschoben. Und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“ Zitat Ende. Beinahe zehn Jahre später scheint sich Vieles davon erschreckend deutlich zu bewahrheiten. Die Konditionalität in Scheers Mahnung ist klar: Es geht darum, so nicht weiter zu machen! Schule wäre dafür nicht der schlechteste Ansatzpunkt.

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