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Modellregion Bremerhaven, 15 Jahre später

16.10.2017 - Bernd Winkelmann

2002

Wir waren damals, 2002,  als Stadtverbandsvorstand sehr froh, auf so viel Einigkeit und Unterstützung im DGB Bremerhaven zu treffen. Einstimmig verabschiedet worden waren dort Überlegungen zu einer „Modellregion Bremerhaven“, mit denen eine Initialzündung für den Bildungsbereich unserer Stadt eingefordert wurde. Das Bundesland stand unter dem Eindruck der wenige Monate zuvor verabschiedeten Beschlüsse des Koalitionsausschusses, die eine Abschaffung der Orientierungsstufe, die Einrichtung durchgängiger Gymnasien, Zeugnisnoten ab Klasse 3, Abschlussprüfungen am Ende eines jeden Bildungsganges und die freie Schulanwahl nach Klasse 4 vorsahen.

Das DGB-Papier verstand sich als Gegenpol: Es gehe, so hebt der Text hervor, um die integrative Bildung, um eine Schule, in der sich Kinder und Jugendliche den ganzen Tag lang in deutlich verkleinerten Lerngruppen unter dem Dach renovierter Schulgebäude mit vielfältigen Angeboten in Ruhe entfalten können. Selbstverständlich sei, dass dies unter akzeptablen Arbeitsbedingungen aller dort Tätigen geschehe.

Im Lichte der vergangenen 15 Jahre hat dieser Beschluss weiterhin seinen Wert, gibt er doch Anknüpfungspunkte zur Einschätzung der heutigen Situation, auch wenn zu allererst festgehalten werden muss, dass die historische Chance der inneren Ausgestaltung eines „vollhorizontalisierten“ Systems in Bremerhaven - so wurde die Zeit ohne eigenständiges Gymnasium genannt - auf Grund ideologischer Enge der SPD-CDU-Koalitionen vertan wurde.

2009

Eine zweite Chance tat sich in der Zeit der letzten Novellierung des Bremischen Schulgesetzes auf. SPD, Grüne und Linke sprachen sich eindeutig für „Eine Schule für alle“ aus und erzielten bei den Bürgerschaftswahlen der Jahre 2007 und 2011 zusammen 61,6% bzw. 66,7%, mithin komfortable Mehrheiten. Trotz einer möglichen 2/3- Mehrheit im Parlament gelang die Überwindung eines auf verschiedenen Säulen beruhenden Schulsystems nicht endgültig und die senatorische Aussage einer strukturellen Unterfinanzierung blieb ohne hinreichende Konsequenzen. Es hört sich grotesk an, wenn in den folgenden Jahren wiederholt an die Haltung der Kolleg*innen appelliert wurde, die Schulreform trotz unzureichender Mittel doch umzusetzen. Haltung, im Sinne einer unmissverständlichen Entscheidung zu Gunsten der Schule für alle, hätten die Abgeordneten zeigen müssen. So erhielten die Gymnasien Bestandsschutz, auch das eine in Bremerhaven.

Eine wichtige Rolle in diesem Zeitraum spielt die Lehrer*innenausbildung. Schon vor der Änderung des Schulgesetzes wurde das System der Stufenlehrer*innen zu Gunsten traditioneller Lehrämter aufgehoben. Mittlerweile sind zwar Korrekturen vorgenommen worden, überdauert haben aber die unterschiedliche Bezahlung von Lehrkräften sowie die Auswirkungen des eingeschränkten Fächerangebots zum Lehramtsstudium an der Universität Bremen, die ihrem Auftrag, die Grundversorgung der Region mit Lehrkräften zu sichern, nicht nachkommt. Die Auswirkungen sind deutlich zu spüren, schneller in Bremerhaven als in Bremen - Randlage und Image sind keine Wettbewerbsvorteile.

2017

Seit einigen Jahren geben wir zu Schuljahresbeginn unsere „Informationen des Stadtverbandsvorstandes“ unter dem Titel „So sieht´s aus“ heraus. Auf der Grundlage einer Versammlung mit Betriebsgruppensprecher*innen und Schulleitungen bündeln wir dann Trends, welche die Situation an den Schulen beschreiben. Gerade in den letzten beiden Jahren stach die Nachricht hervor, dass 39 bzw. 35 Stellen für Lehrkräfte zu Schuljahresbeginn nicht besetzt werden konnten und dass jeder sechste unserer Kolleg*innen mittlerweile keine „bodenständige“ Lehramtsausbildung besitzt. Wir begrüßen zudem in unseren Kollegien vermehrt Studierende als Vertretungskräfte. So war ein intensiverer Praxiskontakt während des Studiums aber nicht gemeint.

Drei Aspekte sollen zur Verdeutlichung hervorgehoben werden:

  • Unsere Kolleg*innen aus anderen Berufen, gerade ohne große pädagogische Erfahrung, müssen eine echte Chance bekommen, ihre Arbeit auch bewältigen zu können;
  • unsere Kolleg*innen aus anderen Bundesländer brauchen weitere Gelegenheiten, um mit der Systematik und der Perspektive dieses Bildungssystems vertraut zu werden – denn es ist schon ziemlich einzig in der Bundesrepublik;
  • die Qualität muss gesichert werden; dabei geht es wie seit Langem schon nicht mehr nur um Sonderpädagogik und Naturwissenschaften – derzeit besteht der größte Mangel in den Grundschulen.

Und eines darf man nicht unterschlagen: Die Kommunalpolitik nimmt sich ihrer Schulen nicht an. Die gute Idee, dass jede/r Stadtverordnete auch gleichzeitig das Amt einer Schulpatin / eines Schulpaten wahrnimmt, wird zur Farce, wenn in den entscheidenden Haushaltsitzungen die Zuweisungen gekürzt werden, und zwar nicht um das Kleingeld, sondern um Hunderttausende von Euro. Dann gibt es eben keine investiven Ressourcen und weniger Lehr- und Lernmittel, der Landesverfassung zum Trotz.

Unsere tausendfachen Proteste bringen diese Notlage immer wieder zum Ausdruck und werden fortgesetzt.

Modellregion, 2. Anlauf

Bremerhaven hat eine besondere, in gewisser Weise einzigartige Schulgeschichte. Manch Leser*in wird bei dieser Aussage tief durchatmen. Und dennoch: Daraus ergeben sich Anknüpfungsmöglichkeiten – für eine neue Initialzündung.

Gemeint ist damit durchaus die integrative Grundphilosophie, deren Umsetzung in den Schulen die Stadt mehr zusammengehalten hat, als manche glauben wollten. Sie zeigt sich auch bei der Umsetzung des Inklusionsauftrages. Unterscheidet man in Bremen zwischen Inklusions- und anderen Klassen, so besteht in Bremerhaven diese Unterscheidung nicht. Gemeint sind auch die Schul- und Unterrichtsentwicklungen an den Schulen, die es reichhaltiger gibt als so einigen Kritiker aufgegangen ist, und die durchaus im bundesweiten Vergleich preisgekrönt sind.

Dies kann ein tragfähiger Ansatz sein für Studierende, Referendar*innen und Kolleg*innen aus anderen Regionen, denen die Ungerechtigkeiten hinsichtlich des Bildungserfolges von Kindern mit unterschiedlichen sozialen Lebenssituationen nicht egal sind, und zwar gerade in einer Zeit, in denen die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen in vielfacher Sicht an Schärfe zunehmen und menschenverachtende Positionen im öffentlichen Raum zu hören sind. Allein die bildungspolitische Perspektive wird jedoch nicht ausreichen. Drei weitere Schritte wären hilfreich:

  1. Ein entsprechender Aufruf „Werdet Lehrer*in in Bremerhaven“ wird nur dann erfolgreich sein, wenn die Arbeitsbedingungen für alle deutlich verbessert werden. Andere Länder mit ähnlichen Problemen wie Schottland und Kanada zeigen, dass durch weniger Arbeit und mehr Geld auch Fachkräfte zu gewinnen sind. Wenn man ausgebildete Lehrkräfte jetzt überzeugen will, muss man den Konkurrenzkampf annehmen. Da hilft auch eine mindestens solide Ausstattung, die einfach vorhanden ist und um welche die Kolleg*innen nicht kämpfen oder erst Anträge schreiben müssen, um den Grundbestand zu sichern.
  2. Eine Perspektive 2025: Das Land muss die Ausbildungskapazitäten an der Uni erhöhen, damit diese ihren regionalen Versorgungsauftrag erfüllt. Die Erhöhung der Referendarsplätze ist ein Erfolg, nun fehlen Bewerber*innen für die zweite Phase. Stellt man heute diese Weiche, wird sie allerdings frühestens in sieben Jahren wirksam.
  3. Mindestens in der „Zwischenphase“ 2017 bis 2015 wird die Stadt sich weiterhin um Seiten- und Quereinsteiger*innen bemühen müssen. Dies gelingt ebenfalls nur mit einer beruflichen Perspektive. Diese muss die Möglichkeit einer Qualifikation beinhalten, die zu einem mit dem zweiten Staatsexamen gleichwertigen Abschluss führt. Dafür benötigt diese Gruppe von Kolleg*innen und deren Mentor*innen spürbare Entlastungen.

Niemand wird bei einer Verbesserung der Schulsituation in Bremerhaven um die besondere Lage der Stadt umhin kommen. Jede Statistik zu vermeintlichen oder tatsächlichen Lernerfolgen ist bei hinteren Tabellenplätzen schlecht – und davon sind einige in Umlauf. Jede Sozialanalyse in Sachen Armut bewirkt das ihre. Und trotzdem: Es gibt auch einen Auftrag, den Menschen zu einem erfüllten Leben in einem demokratischen Kontext zu verhelfen. Ebenso gibt es Lehrkräfte, die diesen Auftrag umsetzen wollen. Aber die Arbeitsbedingungen dafür müssen stimmen, auch in Bremerhaven!.

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