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Kritik der Exzellenz

16.04.2017 - Torsten Bultmann (BdWi)

Was der politisch inszenierte Wettbewerb der Hochschulen anrichtet

Die Uni Bremen wurde 1971 bekanntlich als Reformuniversität gegründet. Im Jahre 2012 erwarb sie sich aufgrund ihrer erfolgreichen Antragstellung in der Exzellenzinitiative den Titel einer »Eliteuniversität«, welcher eher auf das Gegenteil der ursprünglichen Grundgedanken der Hochschulreform in den 70ern verweist: soziale Öffnung des Studiums, Bildung für alle!  Immerhin bescherte ihr dieser Sieg erhebliche (befristete) Zusatzfinanzen, auch wenn diese sich in ganz wenigen Bereichen sog. Spitzenforschung konzentrieren und die chronische Unterfinanzierung für die gesetzlichen Aufgaben in der Breite des Lehrbetriebes nicht ausgleichen können. Im  Jahrbuch der Uni Bremen für 2012 bestätigt sich dies im Vorwort des damals neuen Rektors Scholz-Reiter. Dieser erwähnt stolz, dass die Uni aufgrund ihrer Erfolge in der Exzellenzinitiative als »Exzellenzuniversität« (so die offizielle Bezeichnung, für die sich in den Medien allerdings der Begriff »Eliteuniversität« unausrottbar durchgesetzt hat) zur »Spitze der deutschen Forschungslandschaft« gehöre »und das trotz ihrer mangelhaften Grundfinanzierung«. Im Text heißt es dann weiter: »Unsere Universität hat jedoch auch Probleme. Wegen der unzureichenden Grundausstattung vom Land sind einige Bereiche mangelhaft ausgestattet. Raumnot und überfüllte Hörsäle bestimmen bei ihnen den Uni-Alltag…« Erwähnt werden hier zwei Phänomene – erfolgreiche Einwerbung von Exzellenzmitteln hier, Unterfinanzierung dort -, die offenbar mehr oder weniger zufällig gleichzeitig nebeneinander existieren. Der Gedanke, dass das eine die logische Kehrseite des anderen ist, kann so nicht aufkommen.

Stillschweigender Paragigmenwechsel in der Hochschupolitik

Der renommierte Kasseler Hochschulforscher Ulrich Teichler (em.) vertritt in der Zeitschrift des bayrischen Staatsinstituts für Hochschulforschung 4/2007 hingegen die mir plausibel erscheinende These, dass es nach der Jahrtausendwende offenbar einen »stillschweigenden Paradigmenwechsel« in der Hochschulpolitik gegeben hätte, Qualitätsunterschiede zwischen den Hochschulen durch eine zunehmend ungleiche Verteilung von Finanzen zu fördern. Das wäre dann gleichbedeutend mit der Absicht, finanzielle Zuwächse, die über ›Wettbewerbe‹ verteilt werde, nur noch an ganz wenigen Standorten zu konzentrieren und den seit mehr als zwei Jahrzehnten unterfinanzierten Regelbetrieb mehr oder weniger sich selbst zu überlassen. Zumindest ist dieser Effekt der Exzellenzinitiative – ob beabsichtigt oder nicht – bisher eingetreten. Folglich ist es weder logisch noch politisch konsequent, Exzellenzerfolge zu bejubeln und gleichzeitig die Unterfinanzierung des Regelbetriebes zu beklagen.

Verteilungspolitik

Die Exzellenzinitiative entstammt einer Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern aus dem Jahre 2005. Rein technisch betrachtet ist sie ein wettbewerbliches Antragsverfahren für befristete Forschungsprojekte, in dem sich die Universitäten bisher für drei Förderlinien bewerben konnten: erstens für Graduiertenschulen der Doktorandenausbildung, zweitens für sog. Exzellenzcluster, d.h. Forschungsverbünde auch unter Einbeziehung der hochschulfreien Forschung, drittens für (auf die gesamte Hochschule bezogene) Zukunftskonzepte zum Ausbau der Spitzenforschung. Diese dritte Förderlinie ist nicht nur die finanziell lukrativste, sondern auch der eigentliche Ritterschlag der Exzellenzinitiative: Wer hier siegt, gehört zum erlauchten Kreis der derzeit elf »Eliteuniversitäten«.  Für das gesamte Programm insgesamt wurden seit seinem Start (2006) insgesamt 4,6 Mrd. Euro staatliche Gelder ausgegeben. Das ist angesichts der allgemeinen Finanznot der Hochschulen nicht wenig. Dies erhärtet zudem den Verdacht, dass die Exzellenzinitiative vor allem eine verteilungspolitische Weichenstellung ist – und nicht in erster Linie ein fairer wissenschaftlicher Leistungsvergleich.

Dieser Verdacht wird durch eine Analyse der Verteilungsstruktur der Exzellenzfinanzen, die weitgehend der Drittmittelkonzentration der jüngeren Vergangenheit folgt, bestätigt. 2012 bestanden 28 Prozent des Gesamtbudgets der Hochschulen (1998: 16 Prozent) aus Drittmitteln im Gesamtumfang 6,8 Mrd. Euro. Diese befristeten Zusatzfinanzen für Forschungsprojekte verteilen sich allerdings nicht gleichmäßig über das System. Über 60 Prozent davon konzentrieren sich auf eine in ihrer Zusammensetzung relativ stabile Spitzengruppe von 20 Universitäten bei einer Gesamtzahl von 110. Diese Top-20-Liga teilte auch in den ersten beiden Förderrunden 80 Prozent der Exzellenzfinanzen unter sich auf. Die ersten vier Hochschulen an der Spitze des Förderrankings der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2009 – die beiden Münchener Universitäten, die RWTH Aachen und die Universität Heidelberg – erhielten alleine mit 650 Mill. Euro ein Drittel des damaligen gesamten Exzellenzbudgets (1,9 Mrd. Euro). Dass alle vier in der dritten Förderlinie auch zu »Eliteuniversitäten« in beiden bisherigen Programmphasen erhoben wurden, liegt in der Logik des Vorganges einer offenbar bewusst in Kauf genommenen Verteilung nach dem Matthäus-Effekt.

Ideologische Zirkel

Dieser Effekt ist in der internationalen kritischen Wissenschaftsforschung bekannt. Gemeint damit ist, dass Versprechen auf künftige Leistungen etwa in Forschungsförderanträgen auch immer im Lichte des Umfangs vergangener Förderungen der Antragsteller bewertet werden. Damit verbunden ist ein - tatsächlich leistungsindifferenter – Mengeneffekt, ein Selbstverstärkermechanismus (self fullfilling prophecy), der eine zunehmend ungleiche Finanzmittelkonzentration in nationalen Hochschulsystemen bewirkt. Bisher galt dies vor allen Dingen für die angelsächsischen Länder. Man sollte sich also keine von den jeweiligen materiellen wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen losgelöste wolkige Diskussion über ›ungleiches‹ Können unterschiedlicher ForscherInnen und Forschungsgruppen aufzwingen lassen, womit sich die Verfechter der Exzellenzinitiative gerne rechtfertigen: Leistungen seien nun einmal ungleich. Die durch die ›exzellenten‹ Zusatzfinanzen ermöglichte (messbare) Mehrleistung im Verhältnis zu den unterfinanzierten ›restlichen‹ Universitätseinrichtungen rechtfertigt im Nachhinein wiederum die ursprüngliche Förderentscheidung. Wir befinden uns in einem ideologischen Zirkel. 

Konstruktion eines Zwei-Klassen-Universitätssystem

›Theoretisch‹ hätte man mit den Exzellenzfinanzen auch das Budget der DFG, der größten Drittmittelförderorganisation, erhöhen können. Offenbar war das nicht gewollt. Warum wohl? Antragberechtigt in traditionellen Drittmittelverfahren sind einzelne WissenschaftlerInnen. Forschungserfolge steigern vor allem deren individuelle akademische Reputation. Antragsberechtigt in der Exzellenzinitiative sind ausschließlich ganze Universitäten vertreten durch ihre Leitung (Governance). Die Konsequenz daraus: Erfolge und der Erwerb der Prädikate »Exzellenz« und »Elite« sollen daher auch die komplette Einrichtung prestigemäßig aufwerten – und die Konstruktion eines zweiwertigen bzw. Zwei-Klassen-Universitätssystem symbolisch begleiten.

Mit Recht forderte daher die GEW angesichts der letztjährigen Verlängerung der Exzellenzinitiative auf unbestimmte Zeit eine »grundsätzliche Wende in der Hochschulfinanzierung« zugunsten der Grundausstattung für Forschung und Lehre. Das lässt sich auch wissenschaftspolitisch begründen. Schließlich gibt es aus internationalen Vergleichen genügend Hinweise darauf, dass eine große Zahl gut ausgestatteter Hochschulen für wissenschaftliche Erkenntnisfortschritte und gesellschaftlichen Nutzen produktiver ist als eine kleine Zahl übermäßig ausgestatteter neben einem unterfinanziertem Restsystem, in welchem die dort tätigen Forscherinnen und Forscher ihr Leistungsvermögen schon aufgrund der fehlenden materiellen Arbeitsbedingungen gar nicht ausschöpfen können. Einfacher gesagt: Wenn möglichst viele unter guten Bedingungen arbeiten, ist der gesamtgesellschaftliche Nutzen allemal größer.

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