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"Die türkischen Nationalisten sind genauso schlimm wie Pegida und Co"

16.04.2017 - Werner Pfau

Ein Gespräch mit Rahmi Tuncer vom Anatolischen Bildungsverein in Hemelingen

Er arbeitet hauptamtlich bei Pro Asyl und berät Menschen in einer Sache, die er selbst erlebt hat: Der Flucht nach Deutschland. Tuncer kam nach dem Militärputsch von 1980 aus der Türkei. Geboren am Schwarzen Meer, lebte er lange in Istanbul.  Mittlerweile hat er in Oldenburg Sozialwissenschaften studiert. Der Verein unterstützt offen die Nein-Kampagne zum Referendum über das Präsidialsystem.

Blz: Beschreibe bitte die Arbeit des Vereins.

Der Verein hat offiziell 30 bis 40 Mitglieder, erreicht aber über familiäre Kontakte bis zu 400 Menschen, wobei wir darauf achten, dass eine Balance zwischen den verschiedenen Familien herrscht. Wir bieten Raum für offenen Austausch und Bildungsarbeit, machen Filmabende und Ausflüge. Wir geben beispielsweise Schwimmkurse, weil wir wollen, dass unsere Mitglieder, vor allem die Jugendlichen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Wir ermuntern Eltern, ihre Kinder auf Klassenfahrten zu schicken.

Blz: Nun mischt ihr euch auch in die Diskussion um das Referendum in der Türkei ein.

Ja. Erdoğan will die Türkei im Sinne eines ethnischen und islamischen Nationalismus umgestalten.  Sein Motto: Ein Volk, eine Fahne, eine Sprache. Dabei leben in der Türkei 27 Volksgruppen, die ethnisch oder religiös differenzierbar sind. Als größte Gruppe die Kurden mit 15 Millionen Menschen. Dazu kommen Lasen, Armenier, Tscherkessen u.a.. Eigenständigkeit bekommen die Gruppen nicht, es sei denn, sie unterwerfen sich Erdoğans religiöser und nationalistischer Ideologie. Auch Türken leiden darunter, wenn sie für Bürgerrechte eintreten, wie die Gezi-Park Bewegung. Unsere Kritik daran haben wir im Verein diskutiert und dazu ein Flugblatt geschrieben. Das gibt es auch in Kurzfassung auf Deutsch, eine professionelle Übersetzung konnten wir uns leider nicht leisten. Wir richten auch einen Fahrdienst ein, damit unsere Mitglieder nach Hannover zur Stimmabgabe fahren können. Große Transporter haben wir nicht - wir kratzen unsere kleinen Autos zusammen...

Blz: Gehört nicht Mut dazu, offen für das Nein zu werben?

Tatsächlich gibt es großen Druck, etwa von Seiten der Moscheeverbände. Sowohl Ditib als auch Millî Görüş agieren als verlängerter Arm der Regierung, selbst wenn sie untereinander Differenzen haben. Natürlich nicht offen, hinter vorgehaltener Hand. Vieles, was sie auf Deutsch nicht sagen, sagen sie auf Türkisch. Aber wir möchten deutlich machen: Nicht alle Türkeistämmigen lassen sich instrumentalisieren. Schlimm genug, dass der deutsche Staat den Verbänden das Feld überlässt.

Blz: Wie schätzt du die Arbeit der Moscheeverbände ein?

Ich möchte vorausschicken, dass ich nicht die einzelnen Gläubigen kritisiere, die in die Moschee gehen, um zu beten. Meine Kritik richtet sich an die Funktionäre.

Ditib und ähnliche Verbände geben sich religiös, sind in Wahrheit jedoch Organisationen eines politischen Islam. In den letzten Jahren haben sie sich mit Nachhilfe und Sozialarbeit eine seriös wirkende Fassade aufgebaut. Damit versuchen sie letztendlich die Gläubigen für ihren konservativen und politisierten Islam zu gewinnen. Alles was außerhalb ihres sunnitischen Verständnisses liegt, wird abgelehnt, das bekommen z.B. die Aleviten zu spüren. Jugendliche, die lieber ihr Deutsch oder Türkisch verbessern sollten, werden verleitet, den Koran auf Arabisch auswendig zu lernen...

Auch die Geschichte von Ditib zeigt dies: Obwohl die Ideologie der Turko-Islam-Synthese lange von den kemalistischen Eliten bekämpft wurde, kam sie nach dem Militärputsch 1980 zum Zuge. Religionsunterricht wurde wieder eingeführt, als Waffe gegen linke Ideen. In dieser Zeit kamen Erdoğan und Gülen ins Spiel. Auch Ditib wurde in diesem Kontext gegründet. Wenn ich jetzt von den Bespitzelungen höre, muss ich lachen; schon in den Achtzigern verrieten türkische Spitzel die Namen von Oppositionellen. Das merkten wir, wenn unsere Freunde bei der Einreise an der türkischen Grenze verhaftet wurden.

Blz:  Kommen wirklich die meisten Imame aus der Türkei?

Mir sind in Bremen nur ganz wenige bekannt, die nicht daher kämen. Das gilt auch für Millî Görüş. Es wird Zeit, dass Lehrstühle in Deutschland entstehen, die kritischer an die religiöse Tradition herangehen.

Blz: Wo siehst du eigentlich die Unterschiede zwischen Erdoǧan und seinem alten Kampfgefährten Gülen?

Beide haben eng zusammengearbeitet und sich am Ende zerstritten über der Frage, wer mehr von der errungenen Macht profitieren kann. Ideologisch betont Gülen stärker den Pantürkismus, etwa im Sinne der faschistischen Parole, das anzustrebende türkische Großreich erstrecke sich von der Adria (Kroatien) bis zur chinesischen Mauer. Erdoğan betont eher das islamistische Element, die Türkei als Vormacht der islamischen Gläubigen, in Fortsetzung des osmanischen Kalifats. Ein Streit unter Imperialisten. Weißt du, was mich ärgert? Die deutsche Öffentlichkeit sieht immer nur Pegida und AfD - dass die türkischen Nationalisten genauso schlimm sind, wird ignoriert oder mit "interkultureller"' Brille verharmlost.

Blz: Wie sollte die Schule mit den Konflikten in den Türkeistämmigen Communities umgehen?

Diese Themen dürfen nicht totgeschwiegen werden. Wir im Verein arbeiten viel mit Filmen und haben mittlerweile eine ganze Auswahl in unserer Bibliothek. Auf der Grundlage diskutieren wir, setzen auf Argumente - es gibt keine Alternative zur Aufklärung. In Zusammenarbeit mit der Amadeu-Antonio-Stiftung haben wir Besuche in KZ-Gedenkstätten wie Bergen-Belsen organisiert. In einem zweiten Schritt haben wir über die Vernichtungsaktionen gegenüber den Armeniern aufgeklärt. Einige ältere Vereinsmitglieder sind ausgetreten - aber einige jüngere arbeiten seitdem aktiv mit!

Blz: Oft reagieren die Betroffenen mit Abwehr, reden von Rassismus oder Muslimfeindlichkeit...

Davon darf man sich nicht beeindrucken lassen, das ist eine Taktik, um Kritik mundtot zu machen. Trotzdem, darin liegt natürlich die Chance von Vereinen wie unserem: Wir kommen aus demselben Kulturkreis. Man traut uns eher, allerdings werden wir dann eben als Verräter beschimpft. Ich arbeite jedenfalls mit Fakten, mit wissenschaftlicher Literatur, und fordere mein Gegenüber auf, ebenfalls Beweise zu bringen.

Blz: Wie stehst du zu den Diskussionen um das Kopftuchverbot?

Auch in unserem Verein gibt es Frauen, die aus Gründen der Tradition Kopftuch tragen. Sie haben aber mit dem politischen Islam nichts am Hut. Das bleibt natürlich eine freie Entscheidung. Trotzdem herrscht bei manchen deutschen Freundinnen und Freunden diesbezüglich eine gewisse Naivität; das Kopftuch ist oftmals ein politisches Statement. In der Flüchtlingsarbeit gab es den Fall eines vollverschleierten Mädchens. Sie konnte kaum durch den Schleier gucken. Ich habe recherchiert und herausgefunden, dass die Eltern mit der islamistischen Gruppe von Metin Kaplan zu tun hatten. Die Gesellschaft sollte tolerant sein, aber sie sollte junge Mädchen auch ermuntern, sich aus patriarchalischen Traditionen zu befreien. Keine Gebetsräume in Schulen - wer wirklich beten will, kann das problemlos am Nachmittag in der Moschee machen.

Blz: Inwieweit ist diese Re-Islamisierung schon in den Alltag Türkeistämmiger Jugendlicher eingedrungen?

Sie schreitet voran, leider. Meine Tochter beispielsweise, als sie aufs Gymnasium ging, kam jedes Jahr zur Ramadan-Zeit weinend nachhause. Ich musste sie trösten, sie war gemobbt  worden, weil sie sich angeblich nicht ausreichend am Fasten beteiligt hatte. Wo blieb die Toleranz gegenüber meiner Tochter? Sie musste sich von diesen "armen" Muslimen drangsalieren lassen, und sich anhören, ihr Vater sei sowieso ein Volksverräter. Nachdem ich meiner Tochter am Wochenende erlaubt hatte, in die Disco zu gehen, wurde ich von manchen in der Nachbarschaft als "Hurensohn" bezeichnet. In Hemelingen gab es einen Imam, der den jungen Muslimen geraten hatte, nicht bei Deutschen zu essen. Irgendwo könnten ja noch die Reste von Schweinefleisch sein. Was für ein Wahnsinn! Der Mann ist zum Glück verschwunden, vor zwei Jahren.

Anstatt mich mit solchen Spinnern herumzuschlagen, möchte ich meine Zeit investieren, um mit den unorganisierten, modern denkenden Muslimen Strukturen aufzubauen und diesen eine Stimme zu geben. Auch das Land Bremen sollte eher mit solchen Kreisen den Kontakt suchen.

Die Redaktion bedankt sich bei Rahmi Tuncer. Kontakt:  rahmi-tuncer [at]welthaus-barnstorf [dot] de

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