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Die netten Imame von nebenan

16.04.2017 - Werner Pfau

In seinen Freitagspredigten agitiert der Moscheeverband Ditib für religiösen Dogmatismus und türkischen Nationalismus

Die „Türkisch islamische Union der Anstalt für Religion“, unter deren Leitung 900 Moscheen in Deutschland betrieben werden, ist wegen Spitzeldiensten ins Gerede gekommen. Einige Landesregierungen geben sich demonstrativ enttäuscht, lassen die Zusammenarbeit ruhen, doch deutet sich bereits eine Lösung des Zerwürfnisses an: Ditib denkt darüber nach, künftig auf das Geld aus Ankara zu verzichten. Mit neuen Finanzierungswegen, so ist zu vermuten, haben sich bald alle wieder lieb. Sowieso harmonischer liegen die Dinge in Bremen, wo vor einigen Jahren auch Rot-Grün einen Staatsvertrag mit Ditib schloss; der Senat ist mit dem status quo zufrieden. Schulen arbeiten gern mit dem Verband zusammen. Nicht ändern wird sich die Ideologie, für die Ditib steht. Ein Blick in die Freitagspredigten, die auf der Website der Organisation in Deutsch veröffentlicht werden, lässt daran keinen Zweifel. Für Ditib ist Religion Transportmittel politischer Einflussnahme.

Dogmatisches Religionsverständnis

Dass Ditib im theologischen Sinne konservativ ist, muss nicht eigentlich bewiesen werden, niemand behauptet allen Ernstes das Gegenteil. In den Freitagspredigten finden sich alle Schönheiten, die fundamentalistischen Formen des abrahamitischen Glaubens zueigen sind: Eine radikale Regelfixiertheit im Hinblick auf „unzüchtige“ Verhaltensweisen wie Sex ohne Trauschein, unter Gleichgeschlechtlichen oder in allen anderen Formen, die nicht von Pfarrer bzw. Imam erlaubt wurden. („Unsere Religion hat die Grenzen für das legale ‎Intimleben festgelegt. Sie legt großen Wert auch ‎Präventivmaßnahmen zu ergreifen, damit man ‎keine Sünde begeht und damit zugleich die Wege ‎zur Unzucht verhindert werden.“ Freitagspredigt v. 27.02.16)

Auch die omnipräsente Drohung mit dem Höllenfeuer ist zu vernehmen, in Bibel und Koran mit beachtlicher Variationsbreite, Farbigkeit und Liebe zum Detail ausgebreitet. („Und unser Prophet (s) warnt in seinem Hadis, dass die suizidbegehende Person ein Bewohner der Hölle sein wird.“ 26.08.16)

Die häufige Verwendung des Begriffes Toleranz fällt auf, verknüpft mit einer Vielzahl von Verboten, bei deren Missachtung der Gläubige die Toleranz Gottes in oben genannten pyrotechnischen Anlagen zu spüren bekommt. (Es „sollte größte Acht darauf gegeben werden, dass vor der Eheschließung keine Situationen entstehen, womit Allah nicht zufrieden ist.“ Die Verlobten dürfen nicht unbewacht bleiben, sonst drohen fleischliche Verirrungen, mit „unendlicher Reue und Schmerzen“ als Folge. 22.04.2016)

Die Tendenz, moderne, freiere Interpretationen der heiligen Schriften scharf zurückzuweisen. („An die Engel nicht zu glauben bedeutet, indirekt die Offenbarung, den Propheten, das vom Propheten überbrachte Buch und die von ihm verkündete Religion zu leugnen.“ 27.02.15)

Sein Religionsverständnis drückt Ditib in der zigfach verwendeten Redeweise aus: „Unsere Religion sagt“ oder „der Islam meint“; es gibt nur einen Islam und der wird von Ditib mit der Würde einer staatlichen „Anstalt“ amtlich verkündet. Noch interessanter sind jedoch die unmittelbar politischen Äußerungen.

Die Predigt zum Putsch

Der Putschversuch im Sommer letzten Jahres wurde in den Freitagspredigten explizit behandelt: „So hat unser Volk in der Nacht des 15. Juli 2016 eine ernste Prüfungsnacht erlebt. Wir sind Zeuge davon geworden, dass durch die Hand von internen und externen Bösen sowie einer unseligen Struktur ein Putschversuch gegen die Unabhängigkeit unseres Volkes und der Demokratie unseres Landes unternommen wurde.“ (22.07.16)

Da die Gülen-Bewegung über Jahre mit der AKP zusammen an der Re-Islamisierung der Türkei gearbeitet hatte, ging es offenbar darum, die Deutschtürken hinter der AKP-Regierung zu versammeln und die in Ungnade gefallenen Gülenisten zu isolieren. Aus dem Hut gezaubert wurde eine religiöse Deutung der Ereignisse. Der Putsch ist demnach nicht etwa gescheitert, weil er dilletantisch eingefädelt war, sondern durch Hilfe von ganz oben: „Gott sei Dank, haben wir mit der Hilfe unseres erhabenen Herren Allah, der Besonnenheit und Weitsicht unseres Volkes,(...) entsprechend der Aussagen im Koran die Geschwisterlichkeit, Einheit und Eintracht festigen und aus dem Feuerring entfliehen können, in die wir als Volk hineingestoßen wurden.“ (22.07.16)

Der Sieg der Regierung wird zum heilsgeschichtlichen Datum stilisiert. Die Berufung auf göttlichen Willen gehört zum Standardrepertoire konservativer politischer Rhetorik, auch der von Ditib. Dennoch handelt es sich um mehr als eine Floskel: Das Eingreifen Allahs in den Putsch verleiht Erdoĝans Plänen zur Umgestaltung der Türkei Legitimation von allerhöchster Stelle.

Türkisch-islamischer Nationalismus

Die oben zitierte Freitagspredigt ist kein Einzelfall. Bei anderer Gelegenheit wird der Gläubige an seine vermeintlichen nationalen Wurzeln erinnert: „Ohne Heimat kann es kein Volk, ohne Volk keine Heimat geben. Das Leben mit Ehre und Würde in Freiheit sowie die Ausführung der religiösen Aufgaben ist nur durch das das Eintreten für eine unabhängige Heimat möglich. Aus diesem Grund wird in unserer Religion die Heimatliebe als Teil des Glaubens betrachtet.“ (18.03.16)

Nun kommt der Begriff „Heimatliebe“ im Koran nicht vor, und ebenso wenig ist dort von „Volk“ im modernen Sinne die Rede. In der Predigt folgt daher der bemühte Versuch, Mohammeds Rückkehr nach Mekka, seinen Geburtsort, als Beweis heranzuziehen. Gemeint ist in Wirklichkeit jedoch die ethnische Herkunft: „Mit Hilfe des erhabenen Allahs haben unsere Vorfahren Anatolien zur Heimat für unser Volk und dieses Land entgegen ihres Besitzes sowie um Kopf und Kragen verteidigt, Zivilisationen und tausende Werke auf ihr gegründet und uns anvertraut.“ (18.03.16) Deshalb ist „Heimat“ auch nicht derjenige Ort, zu dem eine persönliche Bindung besteht, das wäre schließlich bei vielen Türkeistämmigen der zweiten oder dritten Generation eine Gegend in Deutschland. Aufgrund ihrer Abstammung wird diesen vielmehr nahegelegt, sich grundsätzlich mit Anatolien zu identifizieren. Angeblich habe dort „ein Volk“ die spätere Türkei gegründet – eine Geschichtsfälschung, die mit der multiethnischen und multikulturellen Wirklichkeit der Osmanischen Reiches gar nichts zu tun hat. Sie liegt dafür bestens auf der Linie von Erdoǧans Ideologie, wonach die Türkei als Nachfahre der Osmanen ausersehen ist, islamische Vormacht im Nahen Osten zu sein.

Völkische Agitation

Nicht nur sollen sich die in den Moscheen von Ditib vereinigten Gläubigen mit dem türkischen Staat identifizieren, sie werden auch zu nationaler Einigkeit ermahnt: „Es darf nicht vergessen werden, dass Völker, die vergangen sind, nicht deshalb verloren gegangen sind, weil ihre Feinde stark waren, sondern weil sie ihre nationalen und geistigen Werte verloren haben. Sondern unnötiges Gezerre, (....) der völlige Schwund des gegenseitigen Vertrauens unter den Menschen, das Verlieren des Selbstvertrauens und Nachahmung von Anderen sowie gebrechlich zu werden und zu verfallen sind die eigentlichen Gründe.“ (18.03.16)

Völker im Kampf mit anderen, die verweichlichen und deshalb verschwinden – die ganze Gedankenwelt entstammt dem sozialdarwinistischen Wörterbuch rechter Kulturkritik. Im Unterschied zu Spengler ist es zwar nicht das christliche Abend-, sondern das muslimische Morgenland, was untergeht, sofern es nicht durch Einigkeit und nationale Stärke reüssiert. Doch die Botschaft ist klar: Das „Volk“ hat sich hinter die Führung zu scharen, Kritik ist Verrat. Da darf das Abfeiern der „Märtyrer“ nicht fehlen: „Während ich meine Predigt beende, wünsche ich Allahs Güte für die Märtyrer, die im jungen Alter für ihre Heimat, ihr Volk, ihre Fahne und gesegnete Werte ihr Leben verloren haben (...)“ (11.03.16)

Der religiös-politische Doppelsinn ist beabsichtigt: Wer für die türkische Fahne stirbt, ist auch ein Märtyrer Allahs, denn Allah hat ja die Türkei zu seiner offiziellen Vertretung auf Erden berufen. Ein Narr, wer dabei an Islamismus denkt. Es handelt sich um einen Fall von „Diversität“. Sonst würde Ditib von der deutschen Politik ja wohl nicht in Projekte der Salafismus-Prävention mit eingebunden. Ihre Expertise können die Herren und Damen dabei sicherlich einbringen. Und beim Fastenbrechen mit Gästen von SPD, Grünen und CDU gibt man sich sowas von aufgeschlossen! Solange der Bundestag nicht die falschen Resolutionen erlässt, steht der Harmonie nichts im Wege.

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