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„Die Lehrkräfte werden hier geduzt“

16.06.2017 - Burkhard Sievers

Dänische Schülerinnen und Schüler sind sehr selbstbewusst

Dänemark hat keine Schul-, sondern nur eine Unterrichtspflicht, aber in der Praxis gehen alle Kinder wenigstens zehn Jahre zur Schule, nämlich von der so gut wie obligatorischen Vorschulklasse bis zur 9. Klasse. Diese "Folkeskole" ist eine voll integrierte Gesamtschule, die mit landesweiten zentralen Prüfungen abgeschlossen wird. Ein weiteres 10. Volksschuljahr ist freiwillig und wird häufig für die in Dänemark sehr populären Nachschulen genutzt. Das sind für fast alle erschwingliche Internatsschulen, die oft ein bestimmtes fachliches Profil aufweisen, wie zum Beispiel Sport, Theater, Musik.

Danach setzen fast alle Schüler ihre Ausbildung mit einer sogenannten Jugendausbildung fort, die dann entweder zu einem gymnasialen oder einem beruflichen Abschluss führen soll. 74 % der dänischen Jugendlichen wählen eine der fünf gymnasialen Ausbildungen, von denen das allgemeine Gymnasium am populärsten ist. Daneben gibt es das wirtschaftliche, das technische und das erst vor Kurzem eingeführte berufliche Gymnasium sowie ein zweijähriges Fachabitur, das am besten mit der Fachhochschulreife verglichen werden kann.

Im Moment ist die dänische Bildungspolitik sehr auf die sogenannte "Restgruppen"-Problematik fokussiert. Bis zu 20 % der dänischen Jugendlichen schaffen keine dieser Ausbildungen im ersten Anlauf – für diese Gruppe werden spezielle Förderprogramme angeboten. Die Folkeskole ist der Kern des dänischen Schulsystems, auch wenn derzeit eine massive Flucht von diesen kommunal betriebenen Gesamtschulen zu verzeichnen ist – sowohl von Seiten der Schüler als auch der Lehrer.

Vor fünf Jahren hätte ich einen Artikel geschrieben, der alle Lehrer in Bremen vor Neid hätte erblassen lassen. Die Kunst besteht nun darin, die aktuellen Frustrationen in das Gesamtbild zu integrieren, ohne die Proportionen aus den Augen zu verlieren. Vieles am dänischen Schulsystem ist vorbildlich. Grundsätzlich gehen dänische Kinder gern in die Schule, sie lernen etwas und schneiden international hervorragend ab, wenn es um politisches Verständnis und Demokratie geht. Dänische Schüler sind selbstbewusst, und der Umgang mit den Lehrern, die alle geduzt werden, ist locker, freundlich und von einem hohen Arbeitsethos geprägt.

Die Folkeskole ist eine Gesamtschule ohne organisatorische/äußere Leistungsdifferenzierung. Alle Schüler lernen in der gleichen Klasse den gleichen Stoff, auch wenn natürlich die Resultate unterschiedlich ausfallen. Aber es herrscht ein Konsens in der Gesellschaft, dass leistungsstärkere Kinder in den allgemeinen Schulen ein notwendiges Rollenmodell sind und fachlich sich gut entwickeln können, wenn sie im Schulalltag schwächeren Schülern zur Seite stehen müssen, zum Beispiel durch die in der Unterrichtspraxis weit verbreitete Gruppen- oder Projektarbeit.

Die Lehrer-Schüler-Relation ist gegenüber deutschen Verhältnissen immer noch vorbildlich. Im Landesdurchschnitt beträgt die Klassengröße 21,8 - auch wenn zuletzt im Bildungssektor viel eingespart wurde. Die Ausstattung ist großzügig, allerdings mit lokalen Unterschieden. Alle Schulen sind technisch auf hohem Stand, architektonisch ambitioniert, und vielerorts wird jedem Schüler ein Computer zur Verfügung gestellt. Die pädagogischen Herausforderungen in diesem Zusammenhang werden heftig und breit diskutiert, aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass die digitale Entwicklung gestoppt oder gar zurückgedreht wird.

Bis 2013 gab es klare tarifliche Vereinbarungen über die Arbeitszeit der Lehrer, die zwischen der Gewerkschaft und den kommunalen Arbeitgebern alle zwei oder drei Jahre neu ausgehandelt wurde. Alle Lehrer in DK sind Angestellte. Trotz kleinerer Unterschiede zwischen den einzelnen Kommunen war jedem Lehrer die gleiche Vorbereitungszeit wie Unterrichtszeit garantiert. Außerdem wurde Zeit für die übrigen schulischen Aktivitäten, zum Beispiel die Elternzusammenarbeit, zusätzlich gewährt. 100 Unterrichtsstunden wurden mit zwischen 215 und 220 Arbeitsstunden berechnet.

2013 führte die Regierung eine Volksschulreform durch, die den Schulalltag der dänischen Schüler markant verlängerte. Diese zusätzlichen Schulstunden wollte man jedoch nicht bezahlen. Die kommunalen Arbeitgeber forderten daher eine völlige Aufhebung aller detaillierten Arbeitszeitvereinbarungen. Die Lehrer sollten um 8 Uhr an die Schule kommen und um 16 Uhr wieder gehen. Ihre Arbeitsaufgaben legt der Schulleiter fest. Dieser mit der Regierung abgestimmte Plan wurde durchgesetzt, indem man zunächst alle Lehrer in einem einzigartigen Tarifkonflikt für 4 Wochen aussperrte, wonach die Regierung die Forderung der Arbeitgeber in einem Gesetz festschrieb, das dann diesen Arbeitskonflikt beendete.

Seitdem lecken die Lehrer ihre Wunden, und trotz einer Reduzierung der Lehrerzahl um mehr als 10 % kämpfen die kommunalen Schulen nun mit einem akuten Lehrermangel. Die Privatschulen, die nicht von diesen Regelungen betroffen sind, erleben einen riesigen Zuwachs an Schülern und Lehrern. Meine Frau unterrichtet seit einem Jahr ebenfalls an einer Privatschule. Privatschulen in Dänemark haben aber einen anderen Charakter als in Deutschland, oft sind es freie, reformpädagogisch orientierte Schulen.

Langsam gewinnen die Lehrer jedoch verlorengegangenes Terrain zurück. In zwei von drei Kommunen gibt es jetzt wieder Arbeitszeitvereinbarungen zwischen Lehrergewerkschaft und Arbeitgeber.

Faktenbox:

Anzahl Schulen: 1.800 (1.300 kommunal, 500 privat)
Anzahl Schüler: 660.000, davon 110.000 in Privatschulen, Tendenz leicht abnehmend
Anzahl Lehrer: gut 60.000 – fast alle in der Lehrergewerkschaft DLF organisiert
Klassengröße: 21,8 pro Klasse, (2012: 20,3)
Finanzierung: kommunal, ungefähr 8.500 Euro pro Schüler
Anzahl Gymnasien: 150
Anzahl Schüler: 150.000, davon 90.000 im allgemeinen Gymnasium
Anzahl Lehrer: 14.500 – fast alle in der Gymnasiallehrergewerkschaft GL organisiert
Klassengröße: 26 pro Klasse
Finanzierung: staatlich, ungefähr 9.000 Euro pro Schüler

Über den Autor:
Burkhard Sievers lebt seit mehr als 30 Jahren in Dänemark. Er arbeitet an einem Gymnasium und ist aktiver Gewerkschafter.

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