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Die IQB - Grundschulstudie – der Demütigung nächster Teil

16.10.2017 - Christian Gloede

Auf mehreren hundert Seiten steht wieder beschrieben, was wir alle wussten: Bremen ist, mit steigendem Abstand, letzter; da tröstet es auch nur wenig, dass Baden-Württemberg in der Absenkungsquote ein noch höheres Minus aufweist…

 

Nun können wir zu Recht kritisieren, dass diese Studie unheimlich viele Schwächen hat, z.B. sehr unterschiedliche Befragungsgrößen (in Bremen ein Drittel aller Schüler*innen, in Flächenländern deutlich weniger) oder allein der Vergleich der Viertklässler 2016 mit denen in 2011, ein Vergleich von Äpfel mit Birnen liegt nahe… Auch ein Vergleich der Lernausgangslagen liegt nicht vor genauso wenig wie eine Auswertung nach sozialer Zusammensetzung, Ganztagsbeschulung, etc. Auch die Frage, woran’s liegt, wird kaum angerissen…

Aber nun ist diese Studie in der Welt und sie wird zu Debatten an Nebenschauplätzen führen: Qualitätsinstitut! „Besseres Qualitätsmanagement und gute Ausstattung“ – so war die Pressemitteilung der Senatorin überschrieben nur wenige Stunden nach interner Veröffentlichung der Studie (im Kreis der Bildungsminister*innen). „Bessere Ausstattung und mehr Entlastung“ wäre eine angemessene Überschrift angesichts der selbst von der Senatorin als „dramatisch“ bewerteten Studie gewesen.

In einem ersten Austausch der Senatorin mit dem Bündnis für Bildung hat die GEW auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Expertise der Kolleg*innen vor Ort zu nutzen, um notwendige Entlastungen und strukturelle Unterstützungen zu formulieren. Vieles ist bekannt, eine Begleitung externer Qualitätsentwickler kann dann sinnvoll sein, wenn eigene Hausaufgaben erfüllt sind.

Bereits auf einer großen Grundschul-PV im Frühjahr 2015 wurde auf die Überschreitung der Belastungsgrenzen im Primarbereich hingewiesen – an Entlastung ist nichts bis wenig erfolgt, die Personalsituation im Grundschulbereich hat sich eher noch extrem zugespitzt.

Und nun? „Wir werden die Fördermaßnahmen ändern, stärker steuern und das gesamte Qualitätsmanagement verbessern…" und "Wir stemmen aus dem Bremer Haushalt bereits sehr viel. Beispielsweise die Inklusion, den Ganztagsausbau und die Zuwanderung“. (aus der Pressemitteilung der Senatorin).

Frau Bogedan, Sie stemmen das eben nicht! Bildung ist desaströs unterfinanziert, seit Jahren. Die hohen geplanten Haushaltssteigerungen für 2018 und 2019 sind im Wesentlichen Investitionen in Bauten (Kitas und Schulen), ein geringer Teil fließt in pädagogische Prozesssteuerung. Inklusion, Zuwanderung, Ganztag sind keine „Sonderaufgaben“ von Bildung, sondern stellen eine Erweiterung und z.T. Neugestaltung von Aufgaben dar, wie sie sich aus der Veränderung der Welt ergeben und die auch am Ort Schule notwendige Konsequenzen erfordert. Mehr Kooperation, mehr professionsübergreifende Teamarbeit, mehr Zeit für Individualisierung von Lernangeboten („Förderdiagnostik“), Vernetzung unterschiedlicher Bildungsangebote im Ganztag, Digitalisierung, etc. sind Aufgaben, die heute an Schulen bewältigt werden müssen. Und das vor einem Hintergrund zunehmender Verarmungsrisiken besonders in unserem Bundesland (die Armutsgefährdungsquote liegt in Bremen mittlerweile bei 36,6% [+5]; in Deutschland bei 20% [+1,5]).

Dieser Armutsgefährdung und damit einhergehend bei vielen Menschen einer Zukunftsdepression, kann nicht allein durch Maßnahmen in Kitas und Schulen begegnet werden. Hier leitet sich eine hohe Verantwortung des Gesamtsenats ab, ggf. auch die Abwägung Fahrradbrücke und Platanenrodung oder Absenkung der Arbeitsverdichtung an Schulen…

Einig sein müssen wir uns darin, dass nicht Inklusion und Zuwanderung die Probleme verursachen, sondern dass auf veränderte Anforderungen nicht adäquat reagiert wurde. Dies ist veränderbar! Jeder andere Zungenschlag bedeutet das Schüren von Ressentiments und gießt Öl ins Feuer der Ausgrenzer*innen und Rassist*innen.

Auch in Zeiten von Fachkräftemangel kann nicht auf rigorose Absenkung der Unterrichtsverpflichtung und Arbeitsbelastung verzichtet werden. Zusätzliches Personal muss gewonnen werden durch attraktive Arbeitsbedingungen. Arbeitszeit, Aufgaben und Gehalt sind hier wesentliche Faktoren! Dies zu fordern hätte der IQB-Studie nicht bedurft, aber vielleicht hilft sie zumindest dabei, die Verbesserung von Lehr- und Lernbedingungen gerade der jüngeren Schulkinder auf den Weg zu bringen. Frau Bogedan, nutzen sie diese Chance!

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