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Denken, Sprechen, Bremer sein

16.02.2017 - Martina Hillmer

„Geflüchtete“ von der Erwachsenenschule berichten über ihre Heimat, Ziele und die Zeit des Ankommens

Um 7.45 Uhr betrete ich die Schule, nur wenige Schüler/innen sitzen mit einem dampfenden Tee oder Kaffee vor den Unterrichtsräumen. Ich kann nicht sagen, wer ist Flüchtling oder Bremer. Ist das überhaupt wichtig? Die Erwachsenenschule hat in den vergangenen Jahren bereits mehr als 100 Geflüchtete in Vorkursen unterrichtet.

Ich schaue mich um, alles ruhig und friedlich. Flüchtlingskrise? Keine Spur. Wir haben hier keine Krise. Ganz im Gegenteil. Von einigen Schüler/innen bekomme ich einen freundlichen Morgengruß – mit deutlichem Akzent. Aha, ein Geflüchteter, schießt es mir durch den Kopf. Mein Hirn korrigiert mich: Nein, ein Schüler aus unserer neuen Gruppe oder auch ein ‚Neubremer’.

Wörterwirrwarr
Flüchtling oder auch Geflüchteter, diese Wörter sind sperrig für mein Gehirn. Sie belasten mein Sprachzentrum. Wieso Geflüchteter? Diese Schüler sind doch jetzt bei uns angekommen, leben in Bremen, einige schon seit Jahren, kommen in die Schule, sind nicht mehr auf der Flucht. Ihre lange Reise hat jetzt einen Endpunkt erreicht: Bremen, Erwachsenenschule. Also keine Geflüchteten mehr, sie haben ihren Krisenweg überstanden. Also keine Flüchtlingskrise! Nein, diese Menschen arbeiten daran, ihre persönliche Krise zu verarbeiten. Und ich freue mich mit Ihnen, dass sie den Weg zu uns gefunden haben.

Seitdem ich mit dieser Gruppe arbeite, wähle ich meine Wörter sehr bewusst aus und fordere mich auf, die deutsche Sprache für den Fachunterricht so zu vereinfachen, dass die Schüler/innen mit eingeschränkten Kenntnissen dem Unterricht folgen können. Ist nicht immer einfach, gelingt auch nicht immer. Mir fehlen geeignete Unterrichtsmaterialien. Ich habe auch kein Curriculum zur Verfügung, geschweige ein didaktisches Konzept, das mir professionelle Orientierung gibt. Improvisation ist alles. Meine Schüler/innen lächeln mich freundlich in meinem Biologie-Unterricht an und erklären mir mit einem charmanten Lächeln, dass sie nicht viel verstanden haben. Dies ist nun meine persönliche Krise. Diesen Zustand will ich so schnell wie möglich überwinden.

Bremen als zweite Heimat
Dazu lade ich meine Neubremer Schüler in ein Café ein. Ich möchte wissen, wie sie sich das Leben und ihre Bildung in Deutschland vorstellen. Entspannte Atmosphäre, der Kaffee dampft vor uns hin. Auf meine Frage, was sie mit dem Begriff Heimat verbinden, kommt die Antwort von Abduwali: „Das ist nicht einfach. Wissen Sie, wie kann ein Land wie Afghanistan ein sicherer Aufenthaltsort für mich sein, wenn ich höre, dass in den letzten Monaten 8.000 Menschen in meiner Heimat getötet wurden? Ich kann nicht zurück. Meine Familie als mein Rückzugsort existiert nicht mehr, alle meine Familienmitglieder sind global verteilt.“ Ibrahim aus Syrien ergänzt: „Heimat bedeutet Freiheit, so leben wie man will“. Für sie ist klar, dass Bremen ihnen eine zweite, aussichtsreiche und zukünftige Heimat bietet. Abduwali und Ibrahim sind seit Jahren nicht mehr „Zuhause“ gewesen. „Die Schule hier ist mein Traum, endlich kann ich mich um meine Bildung kümmern“, sagt Abduwali glücklich. Awad sagt von Deutschland, es sei schön hier und ein tolles, sicheres Land. Lächeln. „Ja, aber Heimat ist das hier nicht für mich“ Die Gedanken an Syrien lassen ihn nicht los. Es bleibt unsicher, wann endlich der Frieden kommt. „Vielleicht muss man darüber auch gar nicht so lange nachdenken“. Sein Lebensmotto: „Einfach hier leben, Bildung einsammeln  und weitermachen“.

Jafar wird etwas kribbelig bei dem Gespräch. „Mich nervt das hier alles. Immer muss man einen Plan haben und immer Ziele haben“. Alle am Tisch schauen ihn erstaunt an. „Was stellst du dir denn vor?“ Er ringt nach Worten und erklärt: „Ich möchte gerne beruflich die Welt bereisen, mit Menschen zusammenkommen und Reportagen darüber machen, wie Menschen, wie ich jetzt, ohne Familie leben (können)“. Ist es die Suche nach gelungenen Lebenswegen bei anderen Menschen? Er kann es uns nicht so richtig beantworten, auf jeden Fall ist es eine Suche nach einem guten Leben mit einem interessanten Beruf.

„Ich will auf jeden Fall einen Fußabdruck in Bremen hinterlassen“, sagt Ibrahim mit einem strahlenden Gesichtsausdruck. Sein Weg ist klar: Deutschkenntnisse verbessern, ein hohes Niveau beim Schulabschluss erreichen, Abitur, wenn möglich Medizinstudium. „In Bildung sehe ich meine Zukunft, dafür kämpfe ich“. Ibrahim weiß, was er will, allerdings sagt er auch mit Bedauern: „Es dauert alles so lange Zeit; ich möchte bald meinen deutschen Pass haben!“

Bildung braucht Ressourcen
Allen vier Schülern ist klar, dass es noch ein weiter Weg zur Berufsausbildung ist. Ganz oben auf ihrer Wunschliste ist der Erwerb besserer Sprachkenntnisse, verbunden mit der Forderung an die Schule, geeignete Maßnahmen zur Unterstützung dieses Bildungsziels zu ergreifen. Gefragt sind passende Unterrichtsmaterialien, um die Deutschkenntnisse weiter entwickeln zu können. Die Schüler vermissen ein für sie zugeschnittenes spezifisches Sprachtraining. Wie sollen sie sonst die benoteten Leistungsnachweise in der Prüfungsphase schaffen? Die Ressourcen sind knapp. Die Schulrealität im finanzschwachen Bremen bekommen die Schüler zu spüren. Lehrwerke und Fachbücher werden nur leihweise an die Schüler/innen während des Unterrichts vergeben. Das blockiert das Lerntraining zuhause. Alle würden sich eine Schulbibliothek wünschen mit Sitzecken und Öffnungszeiten bis in den Nachmittag. Für die bevorstehende Berufsorientierung brauchen sie eine intensive und praxisorientierte Vorbereitung.

Im Sommer 2017 steht die Prüfung zur Erweiterten Berufsbildungsreife an. Es bleibt abzuwarten, wie die Prüfungsergebnisse ausfallen werden. Vielleicht hätte man rechtzeitig über alternative Prüfungsverfahren für diese Gruppe nachdenken sollen, bevor die Schüler/innen im Sommer in die Prüfung gehen?!

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