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16.06.2008 … und raus bist du ? !

Das Förderzentrum für Lernen, Sprache und Verhalten
von Gunhild Ruhstrat
Förderzentrum Obervieland
Förderzentren für Lernen, Sprache und Verhalten (FÖZ LSV) haben grundsätzlich das Problem, dass über ihre Schülerschaft kaum gesprochen wird und dass sie bei bildungspolitischen Planungen in der Vergangenheit regelmäßig vergessen wurden. Und das, obwohl die Anzahl dieser Schülerschaft prozentual ständig gestiegen ist.
Behördenrechnungen gehen von einem wesentlich geringeren Anteil von sonderpä-dagogisch zu fördernden Kindern aus, so dass im FÖZ LSV mit einem ständigen Mi-nus an Stunden gearbeitet werden muss und an eine präventive Arbeit überhaupt nicht zu denken ist (vgl. Statistik).

Seitenabschnitte:
Was tun?

 Und_raus_bist_du.pdf
 Vollständiger Artikel
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Was sind das nun eigentlich für SchülerInnen, die in den Förderzentren für Lernen, Sprache und Verhalten landen?
Fast alle kommen aus Familien, die auf Grund von Armut, Ausgrenzung und zuneh-mender Verwahrlosung nur begrenzt oder überhaupt nicht in der Lage sind, ihre Kinder in angemessener Form zu versorgen, geschweige denn zu fördern und zu erziehen. Dies sind keine Elternhäuser, die lauthals bessere schulische Bedingungen für ihre Kinder fordern und eine entsprechende Öffentlichkeit herstellen können. Diese Kinder und Jugendlichen sind darauf angewiesen, dass der Staat ihnen hinrei-chend Fürsorge und Förderung bereitstellt und damit Verantwortung für sie über-nimmt.
Aber gerade an ihnen und ihren Familien wurde in der Vergangenheit fahrlässig ge-spart, da es innerhalb der Gesellschaft und in der Politik keine Lobby für sie gibt.

  • Harz –IV -Kinder warten noch immer auf einen bedarfsgerechten Regelsatz und die diskutierte Kindergelderhöhung wird bei diesen Kindern höchstens in Form von Flachbildschirmen ankommen
  • Im Amt für soziale Dienste fehlen die Kapazitäten, aber auch die Instrumentarien, um Familien in sozialen Notlagen angemessen zu unterstützen oder auch zu kontrollieren.
  • In den Kindergärten sind die Stunden für Kinder mir erhöhtem Förderbedarf in den letzten Jahren in unverantwortlicher Weise gekürzt worden.

Kommen diese Kinder in die Grundschule, so treffen sie dort auf ein System, dem in den letzten Jahren fast alle Förderstunden gestrichen wurden. Das heißt: Kindern mit Lern- und Verhaltensproblemen hat die Grundschule fast nichts mehr an zusätzlicher Förderung zu bieten. Gleichzeitig wurde die Vorklassenressource gestrichen und die Verweildauer in der Grundschule von 6 auf 5 Jahre reduziert. Frei nach dem Motto: Wer schon nicht gefördert wird, soll den Unterrichtstoff gefälligst in noch kür-zerer Zeit schaffen.
Alle diese in den letzten Jahren vollzogenen Sparmaßnahmen gingen fast aus-schließlich zu Lasten von SchülerInnen mit Lern-, Sprach- und Verhaltensproblemen und nicht nur das:
Dieses System produziert selbst zusätzlich und zunehmend Kinder mit Förder-bedarf und den entsprechenden Folgekosten.
Die einzige Förderung, die im Primarbereich im Wesentlichen übrig geblieben ist, erfolgt durch SonderschulpädagogInnen. In so genannten Schwerpunktklassen wird, wenn auch oft unter widrigen Bedingungen, erfolgreich gearbeitet und alle SchülerIn-nen werden gemeinsam unterrichtet.
Diese Form der integrativen Beschulung gilt es zu stärken und auszubauen.

Leider ist das Gegenteil eingetreten:

  • Es werden wieder isolierte Sonderschulklassen aufgemacht, die man -Reform durch Umbenennung- beschönigend Reintegrationsklassen nennt.
  • An einigen Standorten werden FörderschülerInnen -und das ist ein Skandal-, von 1 € -Kräften versorgt, da die Lehrerstunden fehlen.

Alle diese Maßnahmen sind nicht Ausdruck planmäßigen pädagogischen Handels, sondern einer reinen Sparpolitik geschuldet. Eine begonnene integrative Beschu-lung droht systematisch zerstört zu werden.
Und nach der Grundschulzeit sieht es nicht besser aus:
Die Schülerinnen und Schüler, die bisher erfolgreich in der Grundschule integriert werden konnten, aber weiterhin eine zusätzliche sonderpädagogische Förderung benötigen, finden sich geballt in den Oberstufen der Förderzentren LSV wieder. Nach Klasse 4 wird, von wenigen Standorten abgesehen, aussortiert und wenn schon über die Sekundarschulen Bremens gesagt wird, dass sich dort problemati-sche Schüler konzentrieren mit einem hohen Gefahrenpotential für die Gesellschaft, so kann man sich in etwa vorstellen, wie es z. T. in den Klassen 5 bis 10 von För-derzentren aussieht. Die Klassen quellen inzwischen zahlenmäßig über und ein ge-regelter Unterricht ist oft nicht mehr möglich.
Wer auch will sich mit dieser Schülerschaft belasten oder sie gar ernsthaft integrie-ren?
Die Zersplitterung des Schulsystems in Bremen und die frühe Aufteilung nach Klasse 4 hat dazu geführt, dass eine ständig wachsende Anzahl von SchülerInnen heute eine schlechtere Perspektive hat als je zuvor. Sie haben, einmal im Förderzentrum angekommen, für ihr weiteres Leben kaum Chancen auf eine berufliche Ausbildung und gesellschaftliche Teilhabe. Auf diese Weise werden Ausgrenzung und sozial un-erwünschtes Verhalten produziert und Armutslebenslagen chronifiziert.

Was tun?

  • Politik und Gesellschaft müssen sich endlich für alle SchülerInnen verantwortlich zeigen.
  • Bei allen jetzt anstehenden Planungen müssen SchülerInnen mit Förderbedarf nicht nur mitbedacht werden, sondern es müssen verbindliche Konzepte entwickelt und umgesetzt werden, die eine Aussonderung und Ausgrenzung verhindern
  • Gerade SchülerInnen der Förderzentren LSV brauchen eine gemeinsame oder inklusive Schule, in der sich alle Beteiligten für alle Schülerinnen verantwortlich füh-len. In einem jetzt favorisiertem Zwei- Säulen- Modell finden FÖZ- Schülerinnen nur einen Platz, wenn die nicht rein gymnasiale Säule ressourcenmäßig so gut ausgestattet wird, dass sie auch für leistungsstärkere SchülerInnen attraktiv wird und so einer weiteren sozialen Entmischung erfolgreich entgegen getreten werden kann. Wie dieser Prozess in den bereits schon jetzt sozial völlig entmischten Schulen rückgängig gemacht werden kann, darüber mögen sich die „Schulentwicklungsplaner“ den Kopf zerbrechen. Oder möchte gar die gymnasiale Säule sich der Aufgabe der Integration stellen?
  • Die Lehrerstunden der FÖZ LSV müssen den realen Schülerzahlen angepasst werden.
  • Besonders die Grundschulen in sozialen Brennpunkten müssen besser ausgestattet werden, damit eine frühzeitige Förderung stattfinden kann.
  • An allen Schulen in sozialen Brennpunkten, aber besonders in den Förderzentren der Klassen 5 -10, müssen –solange es sie gibt- SozialarbeiterInnen und Sozialpä-dagogInnen fest installiert werden.

Noch immer gilt:
Integration ist ein Menschenrecht und keine freiwillige Veranstaltung, die von der jeweiligen Lage der öffentlichen Haushalte abhängig gemacht werden darf.


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