|
Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Oktober 2007 16.10.2007 Zweigliedrigkeit - ein tragbares Kon... | ||||||
| 16.10.2007 Zweigliedrigkeit - ein tragbares Konzept für die Schulreform? | ||||||
| von Prof. Dr. Anne Ratzki | ||||||||||||||||||
| Auch in der Bildungspolitik gibt es so etwas wie Wiedergänger, Geisterschiffe, die immer mal wieder auftauchen, Hoffnung wecken und dann im Nebel verschwinden. Die zwei Säulen-Theorie oder das zweigliedrige Schulsystem scheint so ein Wiedergänger zu sein. |
| |||||||||||||||||
| Das erste Zwei-Wege-Modell 1991 | ||||||||||||||||||
| Das erste mir bekannt Konzept stammt vom Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann, der es als „Zwei-Wege-Modell“ 1991 in einem großen Aufsatz in der Zeit veröffentlichte. Hintergrund war die deutsche Vereinigung, die nach Meinung von Hurrelmann die Gefahr mit sich brachte, „dass die Gymnasien überlaufen und die anderen Schulformen verkümmern“ (Die Zeit, Nr. 45, 1.November 1991). Die neuen Länder hatten gerade ihre unterschiedlichen Schulgesetze beschlossen und Hurrelmann plädierte für ein einheitliches Schulsystem in ganz Deutschland, um „einheitliche Lebensverhältnisse“ zu sichern. Säule eins sollte das Gymnasium bilden, unverändert, als theoretisch-wissenschaftlich ausgerichtete Schule. Daneben sollte gleichberechtigt eine berufs- und praxisorientierte neue Oberschule entstehen, „für alle, die sich vom Gymnasium nicht angezogen fühlen“. Alle anderen Schulformen außer dem Gymnasium, auch die Gesamtschule, sollten in dieser Säule verschmelzen. Die pädagogischen Erfahrungen der Gesamtschule sollten dazu dienen, schwierige Schüler und Schülerinnen, die durchaus etwas leisten konnten, aufzufangen. Auch Behinderte sollten dort aufgenommen werden. Dafür sollte die neue Oberschule Sozialpädagogen bekommen und als Ganztagsschule geführt werden. Reformpädagogische Vorstellungen, ein umfassender pädagogischer Bildungsbegriff, ein „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ könnte hier zum Programm werden, schwärmte Hurrelmann. Selbstverständlich war die Oberschule auch als Schule gedacht, in die das Gymnasium „nicht geeignete“ oder schwierige Schüler abgeben konnte. Sie war gedacht als Schule für die Mühseligen und Beladenen, während das Gymnasium die Kinder unterrichten sollte, die keine Lernprobleme hatten. Allerdings sollte auch diese zweite Schulform eine Oberstufe bekommen, berufsorientiert, ähnlich der Kollegschule. Kinder und Eltern sollten die freie Wahl zwischen den beiden Schulformen haben. Sehr klar nahm die damalige Leiterin des Referates B in der GEW, Margarete Bernhard, zu der Zweigliedrigkeit Stellung. In einem offenen Brief an Hurrelmann vom 18.11.1991 schreibt sie: „Das von Ihnen propagierte zweigliedrige System….halten wir allerdings für falsch und unzeitgemäß. Es unterstellt zwei Begabungstypen, sozusagen als „Naturkonstanten“; eine Annahme, die in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen…widerlegt wurde. …Wenn Sie dennoch für zwei, an überkommenen Begabungstypen orientierte Schulformen votieren, dann halte ich dies – mit Verlaub- für blanken Opportunismus: Das Gymnasium mit dem Königsweg „Abitur“ erfreut sich hoher Wertschätzung, also lassen Sie es dabei und stellen daneben einen Schultyp für die Mehrheit, den neuen „Rest“.“ Auch die von der GEW NRW in Auftrag gegebenen Studie von Franz Lehner und Ulrich Widmaier, „Eine Schule für eine moderne Industriegesellschaft“ 1992 lehnt eine willkürliche Zusammenlegung auf drei oder zwei Schulformen ab und plädiert für eine Zusammenlegung aller Schulformen in ein „integriertes schulisches Ausbildungssystem“. Man könne die Liste ablehnender Stellungnahmen noch lange fortsetzen. Zwar wurde das Zwei-Wege-Modell von Hurrelmann/Behler nicht realisiert und verschwand bald in der Ablage für unbrauchbare Alternativmodelle zur Gesamtschule als gemeinsamer Schule für alle Kinder. Doch nun, 16 Jahre später, taucht es mit ganz ähnlichen Begründungen und Erwartungen an die „Zweitschule“ wieder auf. | ||||||||||||||||||
| „Zweigliedrigkeit“ in den Bundesländern | ||||||||||||||||||
| In den folgenden 15 Jahren bis heute lässt sich eine Tendenz zu zweisäuligen Systemen von Gymnasium einerseits und Zusammenlegungen von Hauptschulen und Realschulen andererseits in verschiedenen Bundesländern, vor allem im Osten, feststellen. Allerdings sind die Mittelschulen (Sachsen), Regelschulen (Thüringen), Regionalschulen (Rheinland-Pfalz) etc. nirgendwo eine „wirkliche Alternative zum Gymnasium“. Auch da, wo es keine Gesamtschulen gibt wie in Sachsen, blieben die „Zweitschulen“, Kombinationen der bisherigen Schulformen Hauptschule und Realschule, meist intern wieder getrennt oder durch Fachleistungsniveaus in sich selektiv. Nirgendwo sind die Lernbehinderten einbezogen. Die kombinierten Systeme enden nach dem 10. Schuljahr, ohne eigene Oberstufe. Die Abschlüsse orientieren sich an den bisherigen Schulformen. Nirgendwo in den Bundesländern mit zwei Schulformen wird heute jeder Schüler, der möchte, vom Gymnasium aufgenommen, dort gefördert und zu einem Abschluss geführt, nirgendwo werden auch Lernbehinderte grundsätzlich integrativ beschult. Nirgendwo sind die beiden Schulformen gleichwertig, gelten in beiden die gleichen Leistungsstandards, wird das Lernen individualisiert. Die Zusammenlegung der Schulformen Hauptschule und Realschule kann eine Notmaßnahme darstellen, und als solche ist sie im Rahmen des gegliederten Systems vernünftig, aber sie ist keine Bildungsreform. | ||||||||||||||||||
| Zwei Säulen als Ersatz für eine gemeinsame Schule für alle Kinder? | ||||||||||||||||||
| In Hamburg wird nun das Zweisäulen-Modell wieder aufgenommen und wieder werden der Stadtteilschule als „Zweitschule“ große Möglichkeiten und Erwartungen zugedacht. Nach der Hamburger Konzeption, die im Bericht der Hamburger Morgenpost vom 8.11.2006 vorgestellt wurde, sollen die Gymnasien „möglichst“ keine Kinder an die Stadtteilschulen abschieben können; diese könnten die Schüler, die sie haben, integriert oder nach Fachleistung unterrichten, Ganztagsschulen sein, interessante Lernangebote machen und Abitur nach 13 Jahren anbieten. Das alles können und machen die Gesamtschulen jetzt schon. Die Gymnasien werden mit Sicherheit in 5. und 6. Schuljahr heftig „sieben“ und auch später dem Brandenburgischen Weg folgen und die Eltern schwacher Schüler „beraten“. Als Lösung der Probleme und insbesondere der sozialen Selektivität unseres Schulsystems wurde bisher die Eine Schule für alle als Weiterentwicklung der Gesamtschule gesehen. Das würde jedoch die Einbeziehung des Gymnasiums bedeuten. Offenbar erwartet man sich von den zwei Säulen geringere Widerstände: Das Gymnasium bleibt erhalten – und für die Lösung der Probleme ist die zweite Säule zuständig. Genau aus diesem Grund wird sich aber das Gymnasium auch einer Veränderung verweigern, denn der Verzicht auf Abschulung wäre das Ende der gymnasialen Traditionen. Das Ansehen des Gymnasiums beruht vor allem auf seiner sozialen Selektivität. Würde sich das in einer Zweigliedrigkeit ändern? Die Prognose von Brigitte Späth zu dem Hurrelmann –Konzept von 1991 ist durchaus aktuell. Wen würden die Grundschulen in Zukunft auf das Gymnasium schicken, wen nicht? Sie würden den Kindern, die besondere Förderung brauchen, nicht das Gymnasium empfehlen. Die Stadtteilschulen werden zuständig sein für Kinder aus sozial schwachen Familien, Kinder mit Migrationhintergrund, schlechten Deutschkenntnissen, für die Integration von Lernbehinderten und Verhaltenschwierigen. Man kann davon ausgehen, dass die Stadtteilschule bald ähnliche Akzeptanzprobleme haben wird wie heute die Hauptschule. Das bedeutet, dass Eltern alles daran setzen werden, ihr Kind auf das Gymnasium zu schicken und damit den Niedergang der Stadtteilschule noch befördern werden. Pläne, den Zugang zum Gymnasium auf 30% zu begrenzen, würden vielleicht der Stadtteilschule nützen, aber zugleich die Selektivität des Gymnasiums und die soziale Trennung weiter verschärfen - wenn sie denn überhaupt realisierbar wären. An dieser Stelle kann man alle Verantwortlichen nur dringend auffordern, die Augen nicht vor der Realität zu verschließen und auf eine Lösung unter Einbeziehung aller Schulformen hinzuarbeiten. Mit vorsichtigem Optimismus könnte man die Gemeinschaftsschulen in Berlin und Schleswig-Holstein eher als erste Schritte zu einer solchen Lösung betrachten. PISA hat uns einmalige Chancen für eine große Reform eröffnet, die zahlreichen Hiobsbotschaften und Mahnungen der OECD an Deutschland sprechen eine deutliche Sprache: Wir können nicht so weitermachen. Wir müssen alle Kinder mitnehmen, keine mehr zurücklassen. Die Zahl der Unterstützer für eine große Lösung wächst. Umfragen in Berlin und Schleswig - Holstein ergaben eine klare Mehrheit (56%) für eine Gemeinschaftsschule, eine Schule, in der alle Kinder länger gemeinsam lernen, die Zweigliedrigkeit kam über ein knappes Drittel an Befürwortern nicht hinaus. 100 Schulleiter von Hauptschulen in Baden-Württemberg forderten im Mai 2007 in einem Brief an Kultusminister Rau eine gemeinsame Schule, die Wissenschaftler der Pädagogischen Hochschule Weingarten unterstützten sie einhellig. CDU-Gemeinden in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen planen eine gemeinsame Schule für alle Kinder ihrer Gemeinde. Der Initiative Länger gemeinsam lernen treten ständig weitere Organisationen und Verbände bei, so z.B. der Bundeselternrat, der die Eltern aller Schulformen bundesweit vertritt. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Wer heute das gegliederte System verteidigt, handelt gegen bessere Erkenntnis und internationale Ergebnisse. Wir haben alle guten Argumente für eine gemeinsame Schule – warum sollten wir sie nicht immer wieder in aller Öffentlichkeit deutlich machen? Die Zweigliedrigkeit zementiert das hierarchische gegliederte System. Das Gymnasium bleibt erhalten und die Gesamtschule, die die Vision einer Schule für alle Kinder wach hält, verschwindet. Wir brauchen den langen Atem für eine nachhaltige Bildungsreform, auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen, die eine bessere Schule verdient haben. | ||||||||||||||||||