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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Oktober 2009 16.10.2009 Wirtschaft in die Schule?! | ||||||
| 16.10.2009 Wirtschaft in die Schule?! | ||||||
| Ökonomische Bildung als politisches Projekt von Prof. Reinhold Hedtke | ||||||||||||||||||||
| „Wirtschaft in die Schule!“ genannt „Ökonomische Bildung“ ist ein dezidiert politisches Projekt. Seit einem Jahrzehnt führen Wirtschaftsverbände sowie konservative Stiftungen und Initiativen eine Kampagne für die Verankerung ökonomischer Bildung an allgemein bildenden Schulen... Als politische Parallelbildung behandelt diese „ökonomische Bildung“ Kern-themen der politischen Bildung, um mittels ökonomischer Analysemethoden überlegene Empfehlungen für die Politik zu geben. Zu den Themenfeldern gehören etwa Staats- und Demokratietheorie, Gesellschafts-, Rechts- und Wirtschaftsordnung, Sozial- und Rechtsstaat, Europa und Globalisierung oder Wirtschafts- und Sozialpolitik. ...Nichts spricht dagegen, dass Lernende sich eine dominant volkswirtschaftliche Perspektive aneignen, wenn sie komple-mentär auch andere Denkansätze über Wirtschaft und Politik erlernen. Selbst-verständlich sollen sie den wichtigen Denkansatz der Ökonomik kennen und anwenden, auch und gerade jenseits des Bereichs der Wirtschaft. Ebenso selbstverständlich sollen sie umgekehrt politische, gesellschaftliche und kultu-relle Denkschemata auf den Kernbereich der Wirtschaft anwenden. Doch die-se Multiperspektivität fehlt in den Konzepten der Kampagne; das fördert – fak-tisch oder intendiert – ökonomischen Imperialismus und Denkverbote. |
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| Wirtschaft in die Schule? Sie ist schon dort! | ||||||||||||||||||||
| Das politische Projekt dieser „ökonomische Bildung“ ist erfolgreich. Die von Anfang an strategisch durchgeplante Kampagne war und ist bestens mit fi-nanziellen, personellen, organisatorischen und politischen Ressourcen aus-gestattet. Die hinter ihr stehende ökonomische und politische Macht und der direkte Zugang zur Politik garantieren dieser „ökonomischen Bildung“ einen Wettbewerbsvorteil. ... Darüber hinaus kontrollieren die im Netzwerk verbundenen Interessenverbän-de und Stiftungen bereits jetzt das Angebot frei verfügbarer, kostenloser Un-terrichtsmaterialien und steuern damit indirekt wesentliche Inhalte des ökono-mischen Lernens in öffentlichen Schulen. Einige Beispiele: Die Materialien der Sparkassen durchdringen seit Jahrzehnten alle Klassenzimmer. Konrad-Adenauer- und Ludwig-Erhard-Stiftung fördern Material zur sozialen Markt-wirtschaft, das eindeutig den Standpunkt der Initiative Neue Soziale Marktwirt-schaft (INSM) präferiert, die Bertelsmann-Stiftung finanziert eine Unterrichts-reihe zum Urheberrecht – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Sponsert der Bankenverband die Entwicklung eines Curriculums, belohnen ihn die Autoren mit der Privilegierung affirmativer finanzieller Allgemeinbildung. „SchulBank“ vom Bankenverband bietet viel Informationsmaterial für Lehrer Schüler – und verliert kein Wort über die Finanzkrise oder gar die bankeigene Anlagebera-tung, die Ratsuchende systematisch zugunsten des Bankprofits berät. Die INSM stellt Schülern der 8.-10. Klasse die Frage, „Warum freuen sich andere Länder über unsere hohe Abgabenlast?“; ähnlich suggestiv heißt die ganze Unterrichtsreihe „Schlanker Staat: Braucht der Staat mehr Geld?“. Schulen werden von Unternehmen und Wirtschaftsverbänden nicht nur mit Material überflutet. „Die Wirtschaft“, genauer: das Unternehmertum, erfreut sich auch eines privilegierten direkten Zugangs zu öffentlichen Schulen: Part-nerschaften, Praktika, Projekte, Expertengespräche, Bewerbungstraining, Sponsoring, neuerdings auch Werbung, sind nur einige Beispiele für „Wirt-schaft in der Schule“, organisatorisch unterstützt von Kammern, Wirtschafts-verbänden und Arbeitskreisen Schule / Wirtschaft. Mit Ausnahme der christli-chen Kirchen können alle anderen gesellschaftlichen Gruppen von einer so massiven Präsenz in Schulen nur träumen. | ||||||||||||||||||||
| „Ökonomische Bildung“ als weltanschauliche Bildung | ||||||||||||||||||||
| Diese Kampagne macht ökonomische Bildung zur weltanschaulichen Bildung. ... Was die allgegenwärtigen Chefvolkswirte genannten Chefideologen von Großban-ken und unternehmernahen Forschungsinstituten in den Massenmedien seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholen, soll auch in den Schulen wirksam werden. Denn trotz aller Rechtfertigungsmühen hat dieser Diskurs im letzten Jahrzehnt insoweit an Über-zeugungskraft verloren, als kapitalistisch-marktwirtschaftliche Systeme für Phänome-ne wie z.B. Globalisierung, Reallohnverlust, Arbeitslosigkeit, Erwerbsarmut, Kinder-armut, Sozialabbau, Privatisierung, Rationalisierung, Arbeitsintensivierung, Beschäf-tigungsunsicherheit, Abstiegsangst, Arbeitsplatzvernichtung, Produktionsverlagerung, Steuerprivilegien, Managergier, Renditeexzesse, Korruption, usw. verantwortlich ge-macht werden. Die Kampagne „Wirtschaft in die Schule“ motiviert sich wesentlich daraus, der Legitimationskrise von Marktwirtschaft und Kapitalismus entgegenzutreten, indem man Kinder und Jugendliche zum Glauben an die grundsätzliche Überlegenheit von kapitalistischer Gesinnung, Privatunternehmen, Markt, und Wettbewerb erzieht. Deshalb steht die orthodoxe mainstream economics im Zentrum, ergänzt um außerwissenschaftliche Ziele wie ein positives Unter-nehmerbild oder Rückbau des Sozialstaats; wirtschaftswissenschaftliche Al-ternativen und andere Sozialwissenschaften bleiben weitgehend ausgeblendet. ... | ||||||||||||||||||||
| Der Etikettenschwindel mit der „ökonomischen Bildung“ | ||||||||||||||||||||
| Die Bezeichnung „ökonomische Bildung“ für diese Kampagne ist irreführend. ... Anders, als oft vermutet, enthält sie keine handlungsorientierte Verbraucher- oder Arbeitnehmerbildung... Denn sowohl Volkswirtschaftslehre als auch Betriebswirtschaftslehre bieten kein individuell handlungsrelevantes Wissen für Konsumenten, Arbeitnehmer oder private Anleger. Im Gegenteil, sie nehmen entweder eine von realen individuellen Handlungen ausdrücklich abstrahierende Systemperspektive ein, um letztlich Empfehlungen an wirtschaftspolitische Entscheidungsträger zu geben (VWL). Oder sie möchten unternehmerischen Entscheidungsträgern, etwa den Marketing- und Personalleitungen, Handlungsempfehlungen und Instrumente bereitstellen, u.a. damit sie Konsumenten und Arbeitnehmer im Unternehmensinteresse beeinflussen können (BWL). Wenn sich also überhaupt Handlungswissen für Konsumentinnen und Arbeitnehmerinnen aus VWL und BWL gewinnen lässt, dann in mühsamer fachdidaktischer Umfunktionierung gegen die expliziten Erkenntnisinteressen dieser Disziplinen. Andere Bezugsdisziplinen wären hier viel hilfreicher, für die Perspektive des Privathaushalts etwa die interdisziplinäre Haushaltswissenschaft oder Konsumforschung. Ohne basales kulturwissenschaftliches und neuerdings neurowissenschaftliches Wissen können Lernende auch nicht ansatzweise ihr eigenes Verhalten, ihre persönlichen Handlungsmöglichkeiten, die auf sie einwirkenden Anbieterstrategien sowie die Funktionsweise der modernen Konsumwelten verstehen. Aber nichts davon kommt in den Kampagnenkonzepten vor. ... |
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| Was kostet ein Mehr an ökonomischer Bildung? | ||||||||||||||||||||
| „Wirtschaft in die Schule“ interessiert sich auch nicht für die Realität der über-vollen Stundentafeln und Stoffpläne in den Schulen. Sollte das Knappheits-prinzip universal auch für die ökonomische Bildung gelten, muss man sagen können, welchem Fach oder welchen Fächern man dieses Fünfzehntel wegnehmen will (Religion? Sport? Politik? Geschichte? Musik?). Man muss die schlichte ökonomische Einsicht „nichts ist umsonst“ auch hier anwenden: Welche Bildungsverluste kostet ein Mehr an ökonomischer Bildung. Mit dem ökonomischen Opportunitätskostenprinzip muss man prüfen: Welche alternativen Fächer könnte man statt Wirtschaftslehre einführen? Wäre der Nutzen von mehr ökonomischer – für die Kampagne heißt das: mehr wirtschaftswissenschaftlicher Bildung – im Vergleich wirklich am größten und deshalb lohnend? Man könnte ja beispielsweise je eine Stunde mehr Deutsch und Mathematik erteilen. Als neue Fächer böten sich hauswirtschaftliche, technische, ökologische, gesundheitliche, interkulturelle, rechtliche oder philosophische Bildung von Klasse 1-12 an; auch hier handelt es sich zweifelsfrei um höchst relevante Allgemeinbildung. ... | ||||||||||||||||||||
| Versperrte Lernchancen | ||||||||||||||||||||
| In diesem Kontext ist auch zu diskutieren, ob ein Konzept angemessen ist, das den Lernenden, insbesondere der Primarstufe und der Sekundarstufe I, systematisch Lernchancen vorenthält. Erstens können Lernende in dieser Art von „ökonomischer Bildung“ nicht die Kompetenzen erwerben, die sie brauchen, um sich zu selbst bestimmten, reflektierten, kritischen und handlungswirksamen Konsumentinnen, Arbeitnehmerinnen, Anlegerinnen und Wirtschaftsbürgerinnen zu entwickeln, weil ihnen außer viel Volkswirtschaftslehre, ein bisschen Betriebswirtschaftslehre und sporadischem Praxiskontakt nichts geboten wird. Zweitens werden sie in dieser Konzeption von „ökonomischer Bildung“ vor allem mit kognitiven Konzepten aus dem Mainstream der Volkswirtschaftslehre und Legitimationsfiguren für die kapitalistische Marktwirtschaft versorgt, während ihnen alternative wirtschaftswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Zugänge zur ökonomischen (sowie gesellschaftlichen und politischen) Realität verschlossen bleiben. Eindimensional ökonomistisches Denken ist das erwartbare Resultat. Auch dies steht im Kontrast zur seriösen wissen-schaftlichen Wirtschaftsdidaktik. Drittens sieht diese Art „ökonomischer Bildung“ keinen einzigen systemati-schen Anschlusspunkt für andere Fächer und andere Wissensbestände vor, der den Lernenden hilft, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik im Zusammen-hang zu verstehen. Dieser Zusammenhang wird auf die spezielle Perspektive der volkswirtschaftlichen Denkrichtung der Ökonomik eingeschränkt und mit deren universalem Erklärungsanspruch verbunden. Das ist ökonomistischer Reduktionismus pur. Er steht im denkbar größten Gegensatz zum aufgeklärten Leitbild einer sozialwissenschaftlich gebildeten Persönlichkeit. Vermutlich sehen die Kampagnenführer aber gerade darin den wesentlichen Vorteil ihres Konzepts. | ||||||||||||||||||||
| Der Autor: | ||||||||||||||||||||
| Reinhold Hedtke ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld Der Abdruck (gekürzt) erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Gesellschaft – Wirtschaft – Politik (GWP) aus Heft 4/2008 | ||||||||||||||||||||