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16.09.2007 Wenn zwei das gleiche wollen ...

von Caren Emmenecker
und Willi Derbogen
Die Aufforderung zur Kooperation, zur Vernetzung, zur Schaffung von Synergien von schulischer Bildung und außerschulischer Jugendbildungsarbeit hat seit geraumer Zeit Konjunktur in Deutschland und auch im Land Bremen. Doch was heißt das denn bitte schön? Sollen unterschiedliche Kompetenzen in Schule und Weiterbildung gebündelt werden, um jungen Menschen, die in einer globalisierten, individualisierten, sich immer mehr spezialisierenden Welt eine Chance zu eröffnen? Ihnen Autonomie, Selbstverantwortung, Selbstorganisation und auch – nicht nur aus gewerkschaftlicher Sicht – Solidarität und Respekt im Umgehen mit anderen als heute notwendige Überlebenstechniken zu vermitteln? Kennen wir, die die Profession Weiter-/Bildung betreiben, nicht alle die Mühen des ‚Networking’? Gute Ideen und Ansätze, die in oft zeitraubenden Konferenzen, Arbeitsgruppen und –treffen (zumeist ohne die Betroffenen, auf die sich unsere Anstrengungen beziehen sollen) im Nirwana des Mangels an Zeit und Arbeitskraft, an gegensätzlichen Strukturen und Konkurrenzen untergehen und die Jugendlichen gar nicht mehr erreichen.

Seitenabschnitte:
Win-Win-Situation statt Kostendruck?
Paradigmenwechsel in der bisherigen staatlichen Infrastrukturpolitik
Weiterbildung in Bremen

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Win-Win-Situation statt Kostendruck?

Heute steht hinter der politischen Debatte um Synergien in Bildung und Weiterbildung oft und gerade auch im Bundesland Bremen – eingedenk der Haushaltslage - der schlichte Sparzwang. Da kann es sinnvoll erscheinen, die bestehende Halbtagsschule durch Angebote der Jugendbildungs- und Jugendsozialarbeit zu einer gesellschaftlich notwendigen und richtigen Ganztagsschule ‚aufzuhübschen’, um die damit verbunden Aufstockung von Personal und Bildungsangebot möglichst haushaltsneutral zu gestalten. Allerdings kann selbst diese Rechnung nicht aufgehen, wenn gleichzeitig auf allen Ebenen, in der Kommune, dem Land und dem Bund, die Mittel für Weiterbildung und gerade auch die politische Jugend- und Erwachsenenbildung in der durchaus berechtigten Hoffnung gekürzt werden, dass der Aufschrei dort ausbleibt!

Die Träger politischer Jugendbildung im Land Bremen, Arbeit und Leben Bremen und Bremerhaven, die Jugendverbände sowie das Lidice-Haus Bremen bringen langjährige Erfahrung in der Konzeptentwicklung und auch der Umsetzung von modellhaften Ansätzen zu Selbstorganisation, Mitbestimmung und Gerechtigkeitsorientierung (soziale, geschlechterbezogene, ethnische Chancengleichheit) Jugendlicher mit. Schulische Bildung und außerschulische Jugendbildung können und müssen sich notwendigerweise ergänzen, wenn wir den Ergebnissen der PISA- und der Unicef-Studien Rechnung tragen wollen. Voneinander lernen und miteinander kooperieren bedeutet dann allerdings auch, Freiräume zu schaffen für Modelle der Zusammenarbeit, die auf beiden Seiten entsprechend personell und finanziell ausgestattet sein müssen. Eine solche Zusammenarbeit in gegenseitiger Wertschätzung und Respekt schafft eine ‚Win-Win’-Situation, die weniger von Kostendruck und Vereinnahmung gekennzeichnet ist und damit letztlich auch denen, um die es geht, den jungen Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen, zugute kommt.

Paradigmenwechsel in der bisherigen staatlichen Infrastrukturpolitik

Die Entwicklung im Politikbereich Weiterbildung und insbesondere der politischen Weiterbildung wird strukturell auf allen Ebenen von Verwaltung und Politik in der Bundesrepublik von zwei gegenläufigen Tendenzen geprägt:
Zum einen – auf Grundlage der Lissabon Strategie - der Forderung nach gezieltem Ausbau von Angeboten des ‚Lebenslangen Lernens’ (wir sagen positiv „lebensbegleitendes Lernen“) als sozio-ökonomische Infrastrukturmaßnahme. Gemeint ist hier die Fähigkeit der ArbeitnehmerInnen in der EU. mit der fortschreitenden technologischen Innovation und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen, mit Europäisierung und Globalisierung von Ökonomie und Politik mitzuhalten. Gekoppelt daran ist eine demokratische Entwicklung unter Beteiligung der Menschen im Gemeinwesen.
Die andere Tendenz weist auf die in der Bundesrepublik beständig knapper werdenden öffentlichen Haushalte. Diese hat, unter dem Primat der nationalstaatlichen (und in Bremen auch länderbezogenen) Wirtschaftsförderung zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei einer quasi neo-liberalistischen Wirtschaftspolitik, in den vergangenen Jahren fast zwanghaft zu einem Paradigmenwechsel in der bisherigen staatlichen Infrastrukturpolitik geführt. Bildung, insbesondere Weiterbildung, wird vor diesem Hintergrund weniger als notwendig alimentierte staatliche Infrastrukturmaßnahme für alle Menschen begriffen, sondern zunehmend (Stichwort ‚Fordern und Fördern’) in den Bereich der privaten Daseinsfürsorge verlagert.

Weiterbildung in Bremen

Auch im Bundesland Bremen ist die öffentlich geförderte Weiterbildung seit geraumer Zeit auf dem Prüfstand. Sei es durch signifikante Kürzung der Fördermittel, immer später gefasste Haushaltsbeschlüsse, die Planung und Verlässlichkeit im Angebot erheblich erschweren oder aber – last but not least – eine geplante Änderung des Bremischen Weiterbildungsgesetztes. Besonders betroffen davon wäre die Politische Bildung, auch wenn sie im Bremischen Weiterbildungs- und Bildungsurlaubsgesetz als prioritäres Ziel ausgewiesen ist. Die in 2005 als Perspektive formulierte Restrukturierung der Weiterbildung mit einer Konzentration der Förderung auf einige wenige (bis zu fünf) Einrichtungen ist auch in 2007 nicht vom Tisch, sondern scheint lediglich aufgeschoben. Mit dieser Restrukturierung wollen Politik und Verwaltung Synergieeffekte schaffen und Doppelangebote verhindern. Gleichsam bedeutet dies im Bereich der politischen Bildung die Abkehr vom Pluralitätsprinzip und einen Eingriff in die Möglichkeiten demokratischer Meinungsbildung, denn, wenn zwei das gleiche machen, kommt noch lange nicht dasselbe dabei heraus. ‚Staatsbürgerkundlichem Lernen’ wird so wieder Priorität gegenüber emanzipatorischen Bildungsprozessen eingeräumt und die Segmentierung der Gesellschaft, die die PISA-Studie unserem Bildungssystem allenthalben bescheinigt, wird damit auch in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung vorangetrieben.

Außerschulische Jugendbildung arbeitet zudem nicht nur mit jungen Menschen. Verankert in Einrichtungen wie Arbeit und Leben, werden die jungen Menschen zur Bildung ermuntert, indem auch Erwachsene Freude und Lust am Lernen und an Bildung erfahren. Zwar sind (noch) besondere Töpfe für die außerschulische Bildung vorhanden. Wenn aber Weiterbildung ausschließliches Instrument ökonomischer Interessenspolitik wird und die alleinige Aufgabe haben soll, Menschen „fit für den Markt“ zu machen, beträfe diese nicht nur Erwachsene, sondern alle potentiell Teilnehmenden. Damit verfehlt Politische Bildung ihren eigenen Sinn und geht an ihrer Aufgabe vorbei!
Politische Bildung kann keinesfalls Instrument reflexartiger staatlicher Politik sein, die, wenn sich antidemokratische Tendenzen und Strukturen wie z.B. in Mügeln aufs Brutalste ausdrücken, reagiert und Angebote strickt. Politische Weiterbildung für Jugendliche wie für Erwachsene hat das Ziel, Menschen zur Partizipation an gesamtgesellschaftlichen Prozessen zu stärken und zu befähigen. Sie hat, gerade in Zeiten ökonomischer und gesellschaftlicher Umbrüche die Aufgabe, möglichst viele Menschen, junge und alte einzubeziehen und gemeinsam Orientierungshilfen in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft zu entwickeln.
Partizipation am gesellschaftlichen Leben ist die Voraussetzungen für ein demokratisches Miteinander; sie ermöglicht, sich einzusetzen für eigene Interessen, für ein solidarisches Miteinander und eben auch, deutlich und laut NEIN sagen zu können.
Eine staatliche (Weiter-) Bildungspolitik, die sich von diesen Grundsätzen – aus finanzpolitischen Gründen – abwendet, muss sich nicht wundern, wenn sich die Menschen, gerade auch die Jungendlichen, von ihren Institutionen und den diese Politik tragenden Parteien abwenden.

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