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15.03.2006 Wenn die Behandlung der Patienten zur Nebensache wird…..

Dr. Hans-Georg Güse
Arzt und Lehrbeauftragter für Public Health an der Univ. Bremen

Sie gestatten einen Blick zurück - nicht im Zorn, sondern zum besseren Verständnis:
Vor gut 30 Jahren diskutierten wir an den Universitäten (natürlich bei den Geisteswissenschaften!) u.a. über die Frage, ob sich mit dem offensichtlichen „wissenschaftlich-technischen Fortschritt“ auch das politische System verändert und wie weit Wissenschaft und Forschung in der Bundesrepublik von den ökonomischen Interessen der Industrie gelenkt werden (dürfen). (J.Hirsch, 1970).
Weiterhin überlegten wir, welche Konsequenzen dies für Universitäten und Schulen haben würde, für ihre Lehr- und Lerninhalte sowie für die Lehrenden und ihr Bewusstsein. Diese Fragen waren bekanntlich Teil einer grundlegenden Systemkritik und eine der Ursachen für die sozialen Spannungen an den Universitäten und anderswo.
Wir erinnern uns: es war die Gründungszeit der „roten Kaderschmiede“ in Bremen.
Mittlerweile ist diese Episode bis auf einige Vokabeln nahezu vergessen. Wir meinen heute, es besser zu wissen und/oder sehen es sehr viel gelassener: Der politische Systemkonflikt hat sich aufgelöst, der Wind gedreht und die Bremer Universität gehört zu den Einrichtungen, die sich überaus erfolgreich um Drittmittel bemühen.
Dennoch sei in einem etwas anderen Sinne an diese Zeit erinnert:
Selbst der neutrale Beobachter wird zugestehen, dass damals eine durchgreifende soziale Veränderung weitgehend richtig beschrieben wurde: Die Nachkriegsphase mit ihrer chaotischen Selbstorganisation wurde von einer durchgreifenden Ökonomisierung und Rationalisierung aller Teilbereiche abgelöst – nicht zuletzt angeheizt durch den Kalten Krieg. Wissenschaft und Forschung sollten gezielter eingesetzt werden als zuvor. Dies hatte in vielen Bereichen erhebliche Auswirkungen auf berufliche Perspektiven großer Gruppen von Wissenschaftlern und Studenten.
Untersucht wurde diese Entwicklung u.a. von G. Hortleder (Das Gesellschaftsbild des Ingenieurs, 1970), S. Mallet (Die neue Arbeiterklasse,1972) oder M. Schumann (Technischer Wandel und soziale Interessenlage, 1974). Sie standen dabei unter dem Eindruck der sozialen Auseinandersetzungen und Revolten in Frankreich (1968).
In Universitätsseminaren gingen wir damals den Fragen nach, wieweit unsere eigenen Berufsfelder ganz konkret von diesen Veränderungen beeinflusst werden. Gab es merkbare Veränderungen der Einkommens- und Abhängigkeitsverhältnisse, Veränderungen der Arbeitsinhalte, eine kulturelle Reaktion auf die gesellschaftlichen Konflikte oder gar ein neues Bewusstsein relevanter Gruppen, das sich z.B. in einem anderen Verhältnis der Akademiker zu den Gewerkschaften ausdrückte?
In diesem Zusammenhang versuchten wir uns auch mit einer Analyse des ärztlichen Berufsfeldes.

Es gab damals tatsächlich viele Indikatoren der Veränderung:

  • ·1972-75 wurde sehr aufgeregt über das Konzept der Medizinisch-Technischen Zentren (MTZ) diskutiert – ein Vorschlag des Deutschen Gewerkschaftsbundes, diagnostische Prozesse in industrialisierten Prozessen an Krankenhäusern zu zentralisieren und mit Hilfe der Datentechnik und –übermittlung effektiver zu gestalten.
  • Anfang der 70er versuchte die damalige Regierung erstmals, die Kostenanstiege des Gesundheitswesens mit sogenannten Reformgesetzen in den Griff zu bekommen. Die Tätigkeit der niedergelassenen Ärzte sollte transparenter werden und die Krankenhäuser bekamen prospektive Budgets. Kassenvertreter und Gesundheitsminister fragten sich zudem, wie man die ständig steigenden Arzneimittelkosten per Gesetz bremsen könnte.
    Holger Geisler, damals Sozialminister von Baden-Württemberg, schrieb mit glühenden Worten, dass in 30 Jahren mehr als 100 Prozent des Bruttosozialprodukts für das Gesundheitswesen ausgegeben würden, wenn wir es nicht radikal reformierten.
  • Immer wieder wurde (v.a. seitens der Gewerkschaften) versucht, die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die Selbstverwaltung der Kassenärzte, zur Disposition zu stellen, indem ihre Bremserfunktion bei allen Reformbestrebungen beschrieben wurde.
  • Gegen den heftigen Widerstand der Kassenärztlichen Vereinigungen formierte sich eine Bewegung von ÄrztInnen, die sich zu fachübergreifenden Gruppenpraxen zusammenschlossen und auch nichtärztliche Berufsgruppen einbezogen (Berlin, Frankfurt, Hamburg).
  • Die Krankenkassen diskutierten die Idee öffentlicher Ambulanzen als Kontrapunkt gegen die Strategie der KV und griffen damit Vorstellungen sozialdemokratischer ÄrztInnen auf.
  • In den Betrieben etablierte sich die Arbeitsmedizin – eine Forderung der Gewerkschaften, jedoch mit dem Janusgesicht: eine Tätigkeit zum Schutz der Beschäftigten unter der Regie der Arbeitgeber.
  • In Hessen wurde das „Demokratische Krankenhaus“ proklamiert und mit den „Halbgöttern in Weiß“ wurde das autokratische Gebaren von Chefärzten in Fernsehsendungen dargelegt.
  • Im Jan. 1972 trafen sich über 1000 Mediziner, Sozialwissenschaftler und Gewerkschafter zum Kongress „Medizin und gesellschaftlicher Fortschritt“ in Marburg – der Vorläufer der „Gesundheitstage“ (1980 Berlin, 1981 Hamburg, dann Göttingen und Bremen), auf denen das gesamte Spektrum der theoretischen und praktischen Medizin und ihrer Organisation zur Debatte stand.

Und dennoch: unsere Analyse zu Anfang der 70er kam zu dem Schluss, dass sich zwar einige Randbedingungen veränderten, die grundlegende soziale Einbettung des ärztlichen Berufs aber nicht gewandelt hatte und dies auch nicht zu erwarten war. Die bestimmenden Parameter : die soziale Herkunft der Studenten, ihre beruflichen Perspektiven (Angestelltendasein nur als Durchgangsphase, spätere Selbständigkeit und Arbeitgeberfunktion), das ärztliche Tätigkeitsprofil (große Definitionsmacht und Expertenstatus), hohes Sozialprestige und weitgehend sicheres, überdurchschnittliches Berufseinkommen, blieben von den Veränderungen weitgehend unberührt. Es war darüber hinaus auch nicht zu erwarten, dass sich die ständische Autonomie durch korporatistische Organisationen wie eine Kassenärztliche Vereinigung (als Anstalt öffentlichen Rechts) auflöste.

Folgerung: Eine gewerkschaftliche Orientierung von Ärztinnen und Ärzten war nicht zu erwarten!
Tatsächlich mutet es im Rückblick schon reichlich naiv an, diese Frage überhaupt gestellt zu haben!
Jedoch erscheint es frappierend, wie stabil sich das System der Gesundheitssicherung in seiner Grundkonstruktion gehalten hat. Die Reformvorstellungen des DGB von 1972 lesen sich heute, als wären es die Vorworte für aktuelle Gesetzentwürfe! Auch die Diskussionen von damals, auf Podien gehalten und schriftlich fixiert, sind ohne größere Schwierigkeiten in die Jetztzeit zu transponieren.
So könnte man sich trösten und erneut zur Tagesordnung übergehen.
Dies allerdings könnte sich als großer Irrtum erweisen.
Im Gegensatz zu den 70ern befinden wir uns in einer grundlegend anderen Situation.
Das Gesundheitswesen, soweit es über Sozialversicherungen finanziert ist, muss zwar stets mit dem Thema der knappen Ressourcen umgehen. Doch aktuell und für die nächsten Jahre ist damit zu rechnen, dass die verfügbaren Mittel weiter schrumpfen und Wege gesucht werden müssen, die Standards der medizinischen Versorgung zu halten.
Dass es deutlich knapper in Kliniken und Praxen zugeht, die Arbeitsverdichtung rasant gesteigert wird und die Einkommen eindampfen, hat sich mittlerweile auch bei den ÄrtzInnen und Ärzten herumgesprochen: sie streiken an den Kliniken und die VertragsärztInnen schließen ihre Praxen.
Dies ist gemessen an der Geschichte der letzten 35 Jahre ein qualitativer Sprung! Noch nie haben ÄrztInnen bundesweit und in solch großer Zahl deutlich gemacht, dass sie ihr Interesse an erträglichen Arbeits- und Einkommensbedingungen einklagen wollen.

Folgende Veränderungen haben dazu beigetragen:

  • Arbeitsverdichtung
    In den Kliniken der Bundesrepublik werden jährlich mehr Patienten behandelt (1-2 %) und die Verweildauer sinkt um ca. 3-5%. Dabei nimmt die Komplexität der Fragestellungen zu
  • Überstunden
    Es gilt immer noch der Satz eines Nestors der Inneren Medizin: „Wenn Du mit 8 Stunden nicht klar kommst, nimm Dir 10 Stunden, wenn auch die nicht ausreichen, nimm Dir 12 Stunden. Wenn die nicht ausreichen, wechsle den Beruf!“
    Das Sammeln von unbezahlten Überstunden, die nie mehr abgefeiert werden können, gehört quasi zum Hobby der angestellten ÄrztInnen.
  • Bereitschaftsdienste
    Am härtesten sind an vielen Krankenhäusern die Bereitschaftsdienste, in denen die ÄrztInnen häufig überhaupt nicht zur Ruhe kommen. Sie müssten eigentlich als Schichtdienste „gefahren“ werden. Dafür fehlen aber die Stellen und/oder das Budget, denn Schichtdienst ist teurer und deutlich unbeliebter.
  • Arbeitszeitordnung
    Das Europäische Parlament hat zwar vor etlichen Jahren ein Arbeitszeitgesetz verabschiedet.. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft konnte sich jedoch bei der Bundesregierung durchsetzen: Die Umsetzung dieses Gesetzes wurde erneut vertagt, weil die Krankenhäuser wirtschaftliche Nachteile erwarten.
  • Standardisierung / Behandlung nach Leitlinien / Dokumentationspflichten
    Viele Ärzte klagen darüber, dass große Teile ihrer Arbeitszeit für Organisation, Dokumentation, Schreiben von Anträgen/ Gutachten/ Bescheinigungen für Krankenkassen oder Aufsichtsbehörden, Rechtfertigungen bei Überschreiten des Budgets, Training von immer neuen Klassifikationen, Definitionen und EDV-Modulen weggeht und die „Zeit am Patienten“ nur noch ca. 50% ausmacht.
    Daraus ist durchaus die Klage über die verlorenen, guten Zeiten und Privilegien zu hören, in denen man als Arzt/Ärztin noch aus dem Vollen schöpfen konnte und in denen die heile Ethik nicht mit der Verwaltung des Mangels kämpfte.
    Viele Krankenhäuser entdecken den Charme der standardisierten Abläufe. McKinsey und Porsche beraten die Krankenhäuser, wie sie ihre Prozesse quasi industrialisieren können. Der Patient wird zum Werkstück.
    Dies paßt nachvollziehbar nicht zum professionellen Selbstverständnis der Ärztin/ des Arztes. Und es ist auch absehbar, wann sich die Patienten entsprechend äußern.
  • Gehaltskürzungen und neue Tarifverträge
    Das Fass kam mit den Verhandlungen über die neuen Tarifverträge (TvöD) zum Überlaufen. Plötzlich wurde sich der Marburger Bunde der Möglichkeit bewußt, sich aus der Tarifgemeinschaft mit ver.di zu verabschieden und einen statusorientierten Arbeitskampf einzuläuten – natürlich mit großer Missbilligung der Kollegen aus der traditionellen Gewerkschaft.
  • Blockierung der Auswege
    In der Bundesrepublik wird erstmals seit 35 Jahren die Lage im Gesundheitswesen wirklich ernst: Über die reduzierte Finanzierung sollen strukturelle Effekte gesetzt werden.

Es ist erklärter Wille der Politiker auf allen Ebenen (Bund, Länder, Kommunen),
- das Leistungsangebot zu verknappen,
- den ökonomischen Wettbewerb zu forcieren
- die Subventionen zu kürzen
- einen Selektionsprozess unter den Krankenhäusern zu entfachen
- das Angebot an Krankenhäusern zu reduzieren
- die Honorare im ambulanten Bereich zu drücken, so dass Praxen schließen oder
sich vollständig neu organisieren müssen (Medizinische Versorgungszentren – s.o.)
- vergesellschaftete Formen der Praxisführung mit Fremdkapital und angestellten
ÄrztInnen.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten, der Klinik durch eine Niederlassung zu entfliehen, sehr begrenzt. Die Tätigkeit als Angestellte/r wird gegenüber früheren Zeiten zur unausweichlichen Perspektive – wenn man nicht ins Ausland gehen oder sich einer ganz anderen Tätigkeit zuwenden will.

Die Liste der Veränderungen bestätigt, dass sich die objektive Lage der ÄrztInnen massiv verändert hat. Aber sind sie damit gegenüber gewerkschaftlichen Argumenten aufgeschlossener?
Dies ist sicherlich nur bedingt so – zunächst einmal müssen die Kränkungen verwunden werden, die sich aus diesen Statuseinbußen ergeben. Das alte Arztbild wirkt fort – sowohl in der Gruppe als auch in der Öffentlichkeit.
Es wird noch etwas Zeit dauern, bis man zu einer rationalen Analyse der sozialen Veränderungen in der Lage ist.
Bedauerlich aber ist die Reaktion von ver.di. Dort hat man offensichtlich noch nicht verstanden, in welchem Ausmaß sich die soziale Lage der ÄrztInnen verändert hat und man ignoriert deren wachsende Bereitschaft zur gewerkschaftlichen Orientierung. Ver.di ist wohl immer noch der Meinung, dass man es hier mit einer privilegierte Gruppe zu tun hat. Ver.di möchte gern die Einheitsgewerkschaft für alle Beschäftigten des Gesundheitswesens – hat dabei aber traditionell Probleme mit der Integration der ÄrztInnen.
Dabei darf nicht vergessen werden: Zur Zeit streiken alle Berufsgruppen in den Krankenhäusern – und zwar in einem Maße, wie man es seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat und in den Häusern wächst das zarte Pflänzlein der Kommunikation über die Organisationen hinweg. Wie weit man sich näher kommt, werden die Betriebs- und Personalratswahlen in einigen Wochen erweisen.
Die Steiks zeigen ein Grundproblem auf:
Das Gesundheitswesen steckt insgesamt in der Krise. Die Ausschöpfung der Rationalisierungspotentiale findet langsam sein Ende. Es ist die Zeit nicht mehr fern, dass eine neue Gesundheitsreform der Großen Koalition uns Vorschläge macht, wie – verdeckt oder offen- rationiert werden soll, z.B. über den Weg der höheren Selbstbeteiligung, der Reduktion der Leistungskataloge oder einfach über die Verminderung des Angebots und der Erreichbarkeit.
Es ist an der Zeit, dass sich die Versicherten und Patienten darüber Gedanken machen, was ihnen der bisherige Versorgungsstandard (sicher einer der höchsten in Europa und der Welt) wert ist. Entscheidungen sind unausweichlich.

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