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16.02.2008 Was hat sich am Gymnasium verändert?

KollegInnen berichten aus der Sek. I
An einer Gesprächsrunde der BLZ nahmen teil:

  • Petra Niehardt (Wilhelm-Kaisen-Schule)
  • Hans-Martin Birth (Gymnasium Hamburger Straße)
  • Thomas von Cleve (Kippenberg-Gymnasium)

Die Fragen stellte Jürgen Burger

Seitenabschnitte:
Anteil der Gymnasialschüler in SekI
Seiteneinsteiger in Klasse 6?
Einzugsbereich Innenstadtgymnasien
Überfüllte Schulen
Angebote in den Stadtteilen
Raumkapazitäten
Sachmittel, aber keine Mittel für Personal
Steigende Schülerstundenzahl
Mehr Vertretungsstunden
Weiterhin 265 Jahreswochenstunden?
Stichwort: freiwillige AGs
Arbeitsbedingungen
Doppelter Abi-Jahrgang
Tutorenstunden?
Verzahnung von Primarstufe und Sek. I

 Sek_I_-_Interview.pdf
 Vollständiges Interview
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Anteil der Gymnasialschüler in SekI

Innerhalb von vier Jahren ist der Anteil der GymnasialschülerInnen in der Sek. I von ca. 35% auf über 50% gestiegen. Und wenn der Trend sich so fortsetzt, dann haben wir bald nach 2010 60% im Gymnasium.
Petra: Das liegt eindeutig an der Sekundarschule. Vorher konnten die Eltern nach Klasse sechs noch die Realschule anwählen, und dieses Ziel gibt es nicht mehr. Jetzt kann man sich nach der vierten Klasse nur noch zwischen Gymnasium und „Restschule“ entscheiden. Es gibt jetzt in der Sekundarschule bei uns nur noch sehr wenige SchülerInnen auf Realschulniveau.
Hans-Martin: Und die Gesamtschule wird so stark angewählt, dass die Eltern befürchten müssen, dass ihre Kinder nicht angenommen zu werden.
Petra: Es gibt für die Eltern keine Planungssicherheit. Ich hatte in der fünften Klasse 32 Schüler. Innerhalb des fünften Schuljahres sind fünf Schülerinnen sitzen geblieben. Jetzt, in der sechsten Klasse, sind fünf SchülerInnen aus der Sekundarschule dazu gekommen. Sie haben diesen Sprung aufgrund besonderer Voraussetzungen geschafft. Das bedeutet aber, dass ich jetzt wieder bei 32 SchülerInnen bin. Außerdem musste ich in der fünften und sechsten Klasse im Stoff in einem Tempo vorangehen, das diesen Seiteneinstieg ermöglicht.
Hans-Martin: Ich habe 20 Jahre lang in der Orientierungsstufe unterrichtet und miterleben können, wie die Bedingungen immer schlechter wurden. Wir hatten zunächst maximal 25 SchülerInnen und viele Teilungsstunden. Dann haben wir das Kleinklassenmodell eingeführt und die Teilungsstunden für die Einrichtung von Klassen mit ca. 20 SchülerInnen verwendet. Dann wurden die Frequenzen wieder erhöht, aber ohne Teilungsstunden.
Petra: In Englisch gab es am Anfang sieben Lehrerstunden.
Hans-Martin: Jetzt habe ich an einem Innenstadtgymnasium eine fünfte Klasse mit 33 SchülerInnen übernommen, in einer Parallelklasse waren sogar 34.

Seiteneinsteiger in Klasse 6?

In Petras Klasse gibt es noch Seiteneinsteiger in Klasse sechs.
Petra: Die Durchlässigkeit ist der große Vorteil der Schulzentren. Dort haben z.B. auch Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in die Schule kommen, die oft einzige Möglichkeit einen gymnasialen Abschluss zu machen.
Hans-Martin: Bei uns gibt es das bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht.
Petra: Umgekehrt kommen SchülerInnen, die bei euch nicht klarkommen, zu uns ins Schulzentrum. Das ist auch in den höheren Klassen so, und das sind keine Einzelfälle. Man probiert es auf dem „richtigen“ Gymnasium und dann kommt man zurück. Oft liegt es daran, dass der familiäre Background fehlt, dass die Kinder aus bildungsfernen Schichten kommen.

Einzugsbereich Innenstadtgymnasien

Die Innenstadtgymnasien haben ja eine Anwahl aus einem weiten Einzugsbereich.
Hans-Martin: Bei uns kommen die SchülerInnen aus ca. 10 verschiedenen Grundschulen.
Thomas: Auch bei uns gibt es mehr Anwahlen als Plätze. Das ging soweit, dass wir als Kollegium im letzten Jahr gesagt haben, dass wir nur fünf Parallelklassen wollen, und die Behörde dann sechs Klassen angeordnet hat.

Überfüllte Schulen

Aber dann ist die Schule doch knallvoll.
Hans-Martin: Natürlich, und trotzdem konnten ca. 50 SchülerInnen nicht aufgenommen werden.
Thomas: Das ist das Riesenproblem. Einerseits haben wir ganz viele Anwahlen gehabt, andererseits sagen wir als Kollegium seit Jahren, dass unsere Schule zu voll ist. Die Raumnot ist bei uns extrem hoch. Das heißt z.B., dass nicht alle Klassen einen eigenen Klassenraum haben. Man muss alles ausnutzen, auch die Fachräume. Da wird dann noch ein Sammlungsraum zum Klassenraum umgebaut, mit allen Problemen, die es dabei gibt.
Hans-Martin: Das kann ich für unsere Schule bestätigen. Fachräume sind entwidmet worden, die Schülerbibliothek, die als Arbeits- und Ruheraum insbesondere für die Oberstufenschüler gedacht war, ist Klassenraum geworden. Klassen sollten ausgelagert werden, Klassenräume für maximal 28 SchülerInnen sollten mit 33 SchülerInnen belegt werden. Es gab Elternproteste, bis eine andere Lösung gefunden wurde. Auf dem Schulhof rennen sich SchülerInnen an wie beim Domino. Das Projekt einer Mensa ist gescheitert.
Petra: Man kann also konstatieren, dass an den Innenstadtgymnasien jetzt Raumnot herrscht. Gleichzeitig haben wir im Schulzentrum eine zu geringe Anwahl von SchülerInnen mit Gymnasialempfehlung, obwohl wir nicht nur eine gute Raumausstattung, sondern auch intensive Betreuung bieten, z.B. durch die Sozialpädagogen. Es wird beim Thema Jugendgewalt gefragt, wie man gegensteuern kann, und gleichzeitig wird die SchülerInnenschaft so entmischt. Die „Guten“ ins innerstädtische Töpfchen und die anderen ins Vorstadtkröpfchen.
Thomas: Und auf der anderen Seite wird bei uns alles so vollgepackt.
Petra: Dabei kann in den Schulzentren – besonders in kleineren Klassen - besser gefördert werden. Aber es wird wohl dauern, bis da ein Umdenken stattfindet.


Angebote in den Stadtteilen

Im Planbezirk Mitte/Östliche Vorstadt gibt es inzwischen mehr GymnasialschülerInnen als GrundschülerInnen. Gleichzeitig muss in Schwachhausen jeder, der nicht aufs Gymnasium geht, den Stadtteil verlassen, weil es gar kein Angebot mehr gibt.
Petra: Das heißt: Entmischung der Stadtteile.

Raumkapazitäten

Das Alte Gymnasium hat Teile der ehemaligen Kunsthochschule für ihren Ganztagsbetrieb zur Verfügung gestellt bekommen.
Hans-Martin: Aber auch dort haben sie kaum noch Platz. In der Sek. I ist die Schule fünfzügig. Als Ganztagsschule hat das AG allerdings eine komplett neue Mensa bekommen. Bei uns an der Schule hatte das Kollegium beim Thema Ganztagsschule berechtigte Sorgen, dass dies nur mit Mehrarbeit verbunden ist und nicht mit Vorteilen. Die Aussicht auf entspannteres Arbeiten, Teamarbeit usw. wurde als Ideologie gesehen, die nichts mit unserem Alltag zu tun hat.

Sachmittel, aber keine Mittel für Personal

Der Forschungsbericht über die Ganztagsgrundschulen, der gerade herausgekommen ist, bestätigt dass eine Ganztagsschule ohne entsprechende personelle Ressourcen eindeutig auf Mehrarbeit hinausläuft. Zwar werden von der Behörde die Sachmittel bereitgestellt, aber oft nicht die personellen Mittel.
Petra: Und die Ansprüche der Eltern steigen. Eltern, die ganztägig arbeiten, verlassen sich darauf, dass ihre Kinder ganztägig betreut werden. In der Mittagspause werden die Lehrkräfte oft angesprochen. Es gibt wenige Räume, in die man sich zurückziehen könnte. Wir haben zwar zwei Lehrerzimmer, doch in beiden kann man nicht wirklich ruhig arbeiten.
Thomas: Das ist auch bei uns der zweite Knackpunkt. Neben der räumlichen Enge beginnt jetzt die Diskussion, wie wir mit dieser hohen Stundenzahl umgehen. Wir müssen umstrukturieren. Unser bisheriger Vormittag, an den schon immer einiges drangehängt wurde, funktioniert so nicht mehr. Ohne vernünftige Ausstattung soll etwas Vernünftiges hinbekommen werden. Wir haben keine zusätzliche räumliche Ausstattung und keine zusätzlichen personellen Mittel wie z.B. SozialpädagogInnen.


Steigende Schülerstundenzahl

Ihr habt jetzt in der sechsten Klasse mehr Schülerstunden als vorher in der Orientierungsstufe.
Hans-Martin: In der ehemaligen OS (5./6. Klasse) ist die Schülerstundenzahl nicht sehr gestiegen. Aber die Halbgruppen sind gestrichen worden und es ist viel ausgefallen. Wenn ein Lehrer krank ist, bricht der Laden zusammen.
Thomas: Zu der in den letzten Jahren erfolgten Pflichtstundenerhöhung ist noch die Präsenzpflicht dazugekommen, ohne dass wir dafür vernünftige Arbeitsplätze an der Schule haben. Wir müssen meinem Eindruck nach auch viel häufiger als früher vertreten.

Mehr Vertretungsstunden

Es gilt aber weiterhin, dass dies nicht mehr als zwei in einer Woche und drei in einem Monat sein dürfen.
Hans-Martin: Es gibt sogar Schulen, da wird gesagt: Du kannst die Parallelklasse auch noch mitbetreuen. Das spricht gegen alle Aufsichtspflicht. Es gibt immer noch KollegInnen, die regelmäßig Überstunden machen und deren Bezahlung nicht einfordern. Sie sollten auf jeden Fall einen Antrag stellen.

Weiterhin 265 Jahreswochenstunden?

Trotz der Schulzeitverkürzung müssen bis zum Abitur 265 Jahreswochenstunden absolviert sein.
Petra: Wir haben viele SchülerInnen ohne Gymnasialempfehlung. Und viele bewältigen die Verdichtung des Stoffes nur mit Hilfe der Eltern und privater Nachhilfe.
Hans-Martin: Die Zahl der Schülerstunden ist besonders in der 7. und 8. Klasse angestiegen. Die stoffliche Verdichtung ist nur zwischen dem 7. und 9. Jahrgang möglich, Klasse 10 ist dann schon der Beginn der Oberstufe.
Thomas: Die Vergleichsarbeiten in Mathematik sind im letzten Jahr ziemlich schlecht ausgefallen. Ich frage mich manchmal schon, wie man mit den neuen Rahmenplänen zurecht kommen wird. Auf der anderen Seite ist beim jetzigen Abiturjahrgang, der aus „Schnellläufern“ und Absolventen des 13jährigen Bildungsganges besteht, kein Unterschied festzustellen. Die Aufgaben im Zentralabitur waren in Mathematik recht vernünftig gestellt. Es war ein vernünftiger anwendungsbezogener Standard. Wenn es gelingt die Stofffülle zu reduzieren und exemplarischer zu arbeiten, kann zumindest in Mathematik auf das 13. Jahr verzichtet werden.
Petra: Das kann ich für mein Fach so nicht bestätigen. In Englisch ist es ein großes Problem, dass wir im 9. Jahrgang nur noch drei Stunden haben. Die Begründung, dass es jetzt ja schon in der Grundschule Englisch gibt, ist unzureichend. Es ist zwar in der 5. Klasse leichter geworden, weil schon eine gewisse Vertrautheit da ist. Trotzdem sind drei Stunden in der 9. Klasse zu wenig. Da braucht nur eine Stunde auszufallen und man kommt überhaupt nicht vom Fleck.

Stichwort: freiwillige AGs

Könnt ihr abschätzen, ob angesichts des Stundenplans die Tendenz zu freiwilligen AG’s eher zu- oder abnimmt?
Petra: Die Tendenz ist eher abnehmend, weil die SchülerInnen überlastet sind. Manche fangen schon in Klasse fünf mit intensivster Nachhilfe an.
Hans-Martin: Wir müssen für jeden Schüler, der Leistungsprobleme hat, einen Förderplan schreiben. Aber es gibt keinen Lehrer, der irgendeine Förderung anbieten kann. Das einzige was es gibt, ist dass unsere Oberstufenschüler gegen Geld Nachhilfe anbieten. Und es gibt die Ostercamps, da habe ich eine positive Rückmeldung bekommen.
Thomas: Mit Entlastungsstunden für AG-Angebote muss die Schule extrem sparsam umgehen. Jetzt wird z.B. die Schach-AG von Oberstufenschülern gemacht. Die machen das sehr gut, ich kümmere mich nur noch um das Organisatorische.

Arbeitsbedingungen

Wie haben sich eure Arbeitsbedingungen in den letzten vier Jahren entwickelt?
Thomas: Entlastungsstunden für Klassenlehrer gibt es nicht mehr und das bei gestiegenen Klassengrößen. Halbgruppenunterricht wurde in mehreren Fächern gestrichen; dazu dann noch Verfügungsstunden.
Petra: In der Ganztagsschule finden viele Termine nach 16.00 Uhr statt. Und die V-Stunden gibt es bei uns auch.
Hans-Martin: Die Oberstufenkurse sind bis zum Abitur voll, z.Zt. habe ich einen 13er-Kurs mit 30 Schülern. Und das ist inzwischen nicht mehr unüblich. Auch in Leistungskursen sind 28 Schüler zunehmend eine normale Größe. Und die Korrekturen dauern entsprechend lange. Die Frequenz ist der Knackpunkt. Eine Kollegin hat im 11. Jahrgang einen Deutsch-Grundkurs mit 32 Schülern übernehmen müssen.

Doppelter Abi-Jahrgang

Und jetzt kommt der doppelte Abitursjahrgang.
Hans-Martin: Das wird besonders die Sek.II-Zentren treffen. Die bekommen eine fast doppelte SchülerInnenzahl. Da wird es große Kapazitätsprobleme geben. Dabei sollte die Wahlfreiheit in der Oberstufe wegen der inhaltlichen Vielfalt auf jeden Fall erhalten bleiben. Der 10. Jahrgang soll nach Planungsstand der Behörde in Zukunft eine Frequenz von 30 haben. Das wird zumindest im ersten Halbjahr auf Klassenunterricht hinauslaufen. Das Kurssystem wird auf die Qualifiaktionsphase (11./12. Jahrgang) beschränkt.

Tutorenstunden?

Wie ist es mit Tutorenstunden?
Thomas: Der Schlüssel ist immer schlechter geworden. Und auch dort, wo es so etwas schulintern noch gab, ist es längst verschwunden.

Verzahnung von Primarstufe und Sek. I

Was haltet ihr von einer engeren Verzahnung von Primarstufe und Sek. I, z.B. von Schulverbünden oder Kooperationsverträgen?
Petra: Einerseits wäre eine größere Verbindlichkeit da und die Schulen könnten sich absprechen. Andererseits würde eine solche frühe Festlegung weiter zur Entmischung beitragen, weil die Eltern dann schon bei der Wahl der Grundschule die Sek I mitwählten. (Beispiel Kantstraße - Leibnizplatz). Niemand möchte seinem sechsjährigen Kind den Weg auf eine Schule mit gutem Ruf verbauen, ganz egal wie die Leistungen später ausfallen.
Thomas: Das ist zwar prinzipiell sinnvoll, es gäbe auch bessere Möglichkeiten, sich den Umgang mit den SchülerInnen in der Primarstufe genauer anzusehen und daran anzuknüpfen. Aber es ist für die KollegInnen eben auch wieder mit Mehrarbeit verbunden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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