|
Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Oktober 2007 16.10.2007 Was Paula wohl gedacht hätte... | ||||||
| 16.10.2007 Was Paula wohl gedacht hätte... | ||||||
| von Romina Schmitter | ||||||||||||
| Heute war ich in der Stadt, aber nicht so lange, wie ich eigentlich wollte, denn es hat mir ziemlich bald gereicht! Vor der Mühle in den Wallanlagen und in der Kontorhauspassage haben sie übergroße Kopien meiner Bilder aufgestellt. In den Buchläden liegen immer neue Biographien über mein Leben aus, die Tagespresse enthält Sonderbeilagen zur Ausstellung in der Kunsthalle, und in den teuren Cafès wird sogar eine "Paula-Torte" angeboten, aus Schoko-Bohnen, Chili-Ganach und Teegelee, die "feurig-süß" schmecken soll. Dabei habe ich mich für solche Spezialitäten nie sonderlich interessiert, schon aus finanziellen Gründen, weshalb ich in Paris oft von Brot und Äpfeln gelebt habe. Ich muß an die Ausstellung von 1899 denken, die Worpsweder Künstlerinnen zeigte, darunter auch Arbeiten von mir. Die Kritik von Arthur Fitger, dem Bremer Kunstpapst damals, war vernichtend, wobei er vor allem die "Studien von Marie Bock und Paula B o ecker" ins Visier nahm - offensichtlich wußte er nicht, wie mein Nachname richtig geschrieben wird - : er fand, daß "für die Arbeiten der beiden Damen der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht ausreicht" -ich habe diese Formulierung genau behalten. Ansonsten weiß ich nur noch, daß sein Artikel in der damaligen Weser Zeitung weniger eine Kritik als eine wüste Beschimpfung war. |
| |||||||||||
| Das hätte mich - als Künstlerin - zerstört, wenn ich nicht geflohen wäre, nach Paris! Und Paris hat mich gerettet! Deshalb gefällt mir auch das Thema der Ausstellung "Paula in Paris", und die Aufstellung der Büste, die Clara von mir gemacht hat, meine Freundin, die mit mir in Paris war. Jetzt wird sogar der kleine Brückenweg hinter dem Gerhard-Marcks-Haus nach mir benannt. Weshalb sie erst 100 Jahre nach meinem Tod auf diese Idee kommen, weiß ich nicht. Vielleicht gab es bisher zu große Schwierigkeiten... Jedenfalls wurde die Forderung, die vor ein paar Jahren gestellt wurde, der Straße vor der Kunsthalle meinen Namen zu geben, abgelehnt. Den Verantwortlichen war es zu umständlich - nur wegen mir - Straßenschilder und Briefköpfe zu ändern. Aber der Brückenweg gefällt mir, wie er in leichtem Bogen - in Dämmerung und Dunkelheit von einer Lichterkette begleitet - über das schimmernde Wasser führt und mit den beiden Museen und dem Theater symbolisch die Malerei, die Plastik mit Schauspiel, Musik und Tanz verbindet. Es gehen auch immer Menschen darüber... Was mich stört, ist die Namensgebung, genauer: die Reihenfolge meiner beiden Nachnamen: Warum muß der Weg "Paula-Modersohn-Becker-Steg" heißen und nicht umgekehrt? Einmal geht "Becker-Modersohn" leichter über die Zunge; dann habe ich mich eigentlich immer als Paula Becker, dann auch Paula Becker-Modersohn gefühlt. Daß die meisten Bilder, die ich während meiner Ehe gemalt habe, mit dem Monogramm "P.M.-B." signiert sind, bedeutet nichts! Das war nicht ich! Das hat mein Mann getan, nachträglich nach meinem Tod, als er meine Bilder verkaufte. Ich selber habe selten signiert. Leider! Nur einmal habe ich sogar einen ganzen Satz geschrieben: unter das Selbstbildnis, das ich 1906 in Paris gemalt habe:"Dies malte ich mit 30 Jahren an meinem 6.Hochzeitstage P.M.-B." Dann habe ich das "M." übermalt. Das kann man deutlich sehen, an dem Zwischenraum zwischen dem "P." und dem "B." und an den Spuren des Pinselstrichs, den ich - mit der gelblichen Farbe des Hintergrundes- von oben nach unten gezogen habe, so daß man heute nur noch "P." und "B." lesen kann. Als ich das Bild malte, war ich die Ehefrau von Otto Modersohn aus Worpswede, aber ich wollte die Künstlerin Paula Becker sein und war entschlossen, in Paris zu bleiben. Trotzdem war ich hin- und her gerissen,nicht in mir, sondern zwischen mir und meiner Umgebung, meiner Familie, die mich drängte, und als ich schwanger wurde - Otto war nachgekommen nach Paris - gab ich nach. Der Zwischenraum ist meine traurige Erinnerung an das, was ich so leidenschaftlich gewünscht und gewollt habe. Manchmal frage ich mich, warum Otto das übermalte "M" nicht erneuert hat. Er hat doch die meisten anderen Bilder von mir nach meinem Tod mit "P.M.-B." signiert. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß mein Selbstbildnis nicht verkauft worden ist, sondern er es meiner Mutter überlassen hat. Ein Trost war mir zunächst geblieben. Ludwig Roselius, der viele Bilder aus meinem Nachlaß gekauft und ein Museum nur für meine Werke geschaffen hat: das "Paula-Becker-Modersohn-Haus". Bei der Eröffnung dieses ersten Museums für eine Künstlerin überhaupt - es war das Jahr 1927 - sagte Kurt, mein Bruder, über mich - und ich bin ihm dafür immer noch dankbar, bei allen Meinungsverschiedenheiten, die wir sonst hatten - :"Ihren Standpunkt, daß sie als Paula Becker geboren war und durch dies Gesetz bedingt bleiben wollte ihr ganzes Leben hindurch, rechtfertigte sie mit den Initialen P.B.M. " Auch in den Pressemitteilungen der GmbH. der Böttcherstraße, in der mein Museum steht, wurde ich immer "Paula Becker-Modersohn" genannt und auf der Kupfertafel links neben dem Eingang zum Vestibül wurde noch 1994 - inzwischen gibt es nur noch ein Foto davon - dieselbe Namensform verwendet. Aber dann - ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang - setzte sich die Umkehrung meiner beiden Nachnamen durch und - hundert Jahre nach meinem Tod - heiße ich überall: in Büchern über mich, auf Plakaten, in Ausstellungen und in all den Reden, die über mich und meine Kunst gehalten werden: Paula Modersohn-Becker. Auch bei dem schönen Steg hinter dem Gerhard-Marcks-Haus ist das so. Viele sagen: Namen wären "Schall und Rauch", vor allem diejenigen, die ihn auch bei der Eheschließung behalten können, als wäre er ein Naturgesetz. Aber jeder Name ist ein Persönlichkeitsrecht! Und wer sich einen Namen gemacht hat, soll ihn behalten können. Das gilt auch für Frauen. Deshalb liebe ich die Worte, mit denen die Schauspielerin Dagmar Papula ihre Lesung aus meinen Briefen und Tagebüchern begonnen hat: ICH PAULA PAULA BECKER PAULA BECKER - MODERSOHN | ||||||||||||