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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Maerz/April 2007 16.03.2007 Und derweil reagierten die Jungen mi... | ||||||
| 16.03.2007 Und derweil reagierten die Jungen mit Frust und Aggression ... | ||||||
| von Hannelore Giesecker Landesfrauenausschuss der GEW NRW | ![]() | |||||||||
| Als ich 1990 den Dienst an meiner Schule aufnahm, waren wir gerade mit Mädchenförderung beschäftigt. Wir boten für die Klassen 5 Arbeitsgemeinschaften mit den Titel „Selbstbehauptung für Mädchen“ an, führten im 8. Jahrgang Lebensplanung und Berufswahlvorbereitung für Mädchen durch, wobei wir uns bemühten, die Mädchen an die „unbekannten“ und „typisch männlichen“ technischen Berufe heran zu führen, und trennten im darauffolgenden Jahr die Mädchen und Jungen im 9. Jahrgang im Fach „Kommunikationstechnologie“, kurz: Computerkurs. Auch nahmen wir an einem speziellen Projekt teil, das dazu diente, Mädchen in besonderer Weise mit den „neuen Medien“ vertraut zu machen. Bei allen Maßnahmen gingen wir von Defiziten und Benachteiligungen der Mädchen aus und versuchten durch diese die Mädchen stärker und selbstbewusster zu machen. Derweil reagierten die Jungen mit Frust und Aggression. Nach und nach erkannten wir, dass auch die Jungen Defizite hatten, die eindeutig im sozialen Bereich lagen. Also begannen wir, Lebensplanung und Berufswahlvorbereitung auch für die Jungen des 8. Jahrgangs durchzuführen mit dem Ziel, sie für Familienarbeit und soziale Berufe zu interessieren. Inzwischen findet jährlich eine Lebensplanungswoche für den 8. Jahrgang statt, in der die Klassen nach Jungen und Mädchen getrennt werden, wobei die Mädchen mit einer (Klassen)lehrerin und die Jungen mit einem (Klassen)lehrer arbeiten. An einem Tag begegnen sich die Gruppen und kommen miteinander ins Gespräch. |
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| Seit 1999 gibt es eine „Gendergruppe“, zu der Lehrer und Lehrerinnen und die Sozialpädagogen der Schule gehören, die ein Konzept entwickelt hat, wie geschlechtergerechte Erziehung aussehen kann. Das aktuelle Schulprogramm enthält in vielen Bereichen geschlechtergerechte Bausteine, die auf der Basis eines grundsätzlich geschlechtersensiblen Konzeptes beruhen. Zitat: „Zudem ist Identität und Emanzipation zu fördern ein wesentlicher Teil der Bildungs- und Erziehungsarbeit in der Schule. Kritische Handlungsfähigkeit als Ziel schulischer Lebensorientierung impliziert die Einbeziehung der Geschlechterverhältnisse in das didaktische Konzept, um gleiche Bildungschancen für alle zu schaffen und vor allem geschlechtsstereotype Zuweisungen und Hierarchien abzubauen.“ Die Sprache des Schulprogramms benutzt durchgehend die weibliche und männliche Form bei Personenbezeichnungen. Es gibt also Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, usw. Die Klassen 5 werden - soweit wie möglich – aus etwa gleich vielen Jungen und Mädchen zusammengesetzt und die Klassenleitung übernimmt grundsätzlich ein Team aus Lehrer und Lehrerin. (Solange die Personaldecke dies möglich macht.) Im Laufe des 5. Jahrgangs wird mit allen Kindern das Projekt „Soziales Lernen“ durchgeführt, das von den Sozialpädagoginnen unterstützt wird. Hierbei sollen Jungen und Mädchen lernen, über ihre Gefühle zu reden, aufeinander Rücksicht zu nehmen und Verantwortung für sich und die Gruppe zu übernehmen. Zum dritten Mal können wir in diesem Jahr auch ein Theaterprojekt für die 5. Klassen anbieten mit dem Thema: „Wie sehe ich die Jungen? Wie sehe ich die Mädchen?“ Ein Konflikttrainingsprogramm nach der Methode des Statuentheaters von Boal, das mit Spendengeldern der Stiftung Gelsenwasser finanziert wird. Im Ganztagsbereich bieten wir Arbeitsgemeinschaften speziell für Mädchen und Jungen an, die darauf abzielen, die „untypische“ Seite weiterzuentwickeln. So z.B. werken die Jungen mit und für Kinder in einem benachbarten Kindergarten, während die Mädchen Selbstverteidigung üben. Eine neu installierte Kletterwand gibt Jungen und Mädchen die Gelegenheit, ihre Grenzen zu erfahren und Vertrauen zu üben. Eine besondere „Gendergruppe“ aus 8 Jungen und 8 Mädchen thematisiert bewusst die Geschlechterstereotypen und enttarnt sie. Diese Gruppe verbringt außerhalb der Schule eine Freizeit mit Workshop, erfährt sich gemeinsam in verschiedenen Aktivitäten wie Klettern, Tanzen, Kochen und Werken. Die Mädchen und Jungen studieren ein Theaterstück zum Thema Rollenklischees ein und führen es den anderen Klassen vor, um anschließend darüber zu diskutieren. Die bereits oben beschriebenen Angebote für den 8. und 9. Jahrgang bestehen weiterhin. Darüber hinaus führen wir im 9. und 12. Jahrgang Betriebspraktika durch, bei denen die Schüler und Schülerinnen drei Wochen lang in verschiedene Berufe schnuppern können und von ihren Lehrern und Lehrerinnen betreut werden. Verschiedene Unterrichtsreihen in den Fächern Deutsch, Englisch, Gesellschaftslehre, Wirtschaftslehre und Religion, um nur einige zu nennen, beschäftigen sich mit den Rollenklischees von Jungen und Mädchen und der gesellschaftlichen Situation von Mann und Frau. Wir haben begonnen, kooperative Lernformen zu implementieren, von denen wir wissen, dass sie individuelles Lernen optimieren und verhindern, dass Schüler und Schülerinnen in stereotype Verhaltensweisen zurückfallen. Seitdem die Schulen in NRW ihr Personal „schulscharf“ selbst aussuchen können, achten wir in der Auswahlkommission bei den Bewerbern und Bewerberinnen besonders auf vorhandene Geschlechtersensibilität. Welche Vorkenntnisse über Gender Mainstreaming bringen sie mit? Ist Jungen- und Mädchenförderung für sie ein Begriff, welche Bedeutung hat das für die jeweiligen Fächer? Und wir haben bei gleicher Qualifikation auch schon mal einen Mann für das „typisch weibliche“ Fach Kunst eingestellt, weil wir der Meinung waren, unsere Jungen (und Mädchen) brauchen in diesem Fach mal einen männlichen Ansprechpartner! | ||||||||||