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16.09.2006 Tippen, Wetten, Zocken: Jugendliche und Glücksspiele

Dipl.-Psych. Tobias Hayer & Prof. Gerhard Meyer
Universität Bremen, Institut für Psychologie und Kognitionsforschung

„Ich bin auch schon mal so drauf gewesen, ich hab einen Schein gemacht, und da hab ich schon gedacht, dass ich gewinne jetzt – und das war das letzte Geld was ich hatte – und dann hab ich das gesetzt, 30 Euro waren das [...]. Und dann hatte ich schon vorher ausgerechnet – kann man ja ausrechnen – wie viel ich dann krieg. Dann waren das irgendwie 300 Euro oder so, und da war ich mir 100%ig sicher, dass ich das auch gewinne. Und dann hab ich schon alles wieder, schon ein paar Scheine wieder ausgefüllt, wieder am nächsten Tag. Und dann gucke ich noch abends nach und dann: ‚Ah, scheiße’“.
(Andreas, 19 Jahre, begann im Alter von 14 Jahren mit dem Sportwetten)

Kontakt:

Dipl.-Psych. Tobias Hayer
Universität Bremen
Institut für Psychologie und Kognitionsforschung
Grazer Straße 4
28359 Bremen
Tel.: 0421/218-4333
Fax: 0421/218-4600
E-Mail: E-Mail-Adresse

Glücksspiele - Spielsucht

Glücksspiele wie Lotto, Sportwetten, Poker, Roulette und Automatenspiele erfreuen sich in der Bevölkerung schon länger großer Beliebtheit. Die in Aussicht gestellten, schnell erzielbaren Geldgewinne in Kombination mit der spannungsgeladenen Ungewissheit bezüg-lich des Spielausgangs machen die besondere Attraktivität von Glücksspielen aus. Es ver-wundert daher kaum, dass der deutsche Glücksspielmarkt einen lukrativen und krisensicheren Geschäftszweig verkörpert: In 2004 beliefen sich die Umsätze auf 27,36 Mrd. Euro; als Staatseinnahmen fielen 4,17 Mrd. Euro ab (Meyer, 2006). Damit bewegten sich die öffentli-chen Einnahmen aus Glücksspielen auf einem höheren Niveau als zum Beispiel die Erträge aus alkoholbezogenen Steuern.
Während die überwiegende Mehrheit der Spielteilnehmer den mit dem Glücksspiel verbundenen Nervenkitzel als angenehm erlebt, erweist sich das Glücksspiel für einige Zo-cker als ruinöses Unterfangen – auf psychischer, sozialer wie finanzieller Ebene (vgl. Meyer & Bachmann, 2005). Fehlangepasste Entwicklungsverläufe zeichnen sich durch ein eskalie-rendes Spielverhalten aus, das zunehmend die Lebensführung der Betroffenen dominiert: Trotz zum Teil existenzbedrohender Folgeschäden wird weitergespielt, der Arbeitsplatz bzw. wichtige soziale Beziehungen gefährdet oder „Haus und Hof“ verzockt. Typisch für dieses Erscheinungsbild der Spielsucht sind Symptome wie eine starke Fokussierung auf das Glücksspiel, Kontrollverlust, Abstinenzunfähigkeit, Toleranzentwicklung oder Entzugser-scheinungen. Nach aktuellen Schätzungen von Meyer (2006) beläuft sich die Anzahl der bera-tungs- bzw. behandlungsbedürftigen Spieler in Deutschland auf etwa 110.000 bis 180.000 Erwachsene.

Seitenabschnitte:
Glücksspiele - Spielsucht
Problemspieler häufiger im Jugend- als im Erwachsenenalter
Entstehung glücksspielbezogener Probleme
Suchtprävention
Literatur:

Problemspieler häufiger im Jugend- als im Erwachsenenalter

Aufgrund der spezifischen Gefahren, die mit dem Glücksspiel assoziiert sind, sieht der Gesetzesgeber in Deutschland vor, den Zugang zu kommerziellen Glücksspielangeboten für Personen unter 18 Jahren zu unterbinden. Seit dem 01.07.2004 existiert mit dem Inkrafttreten des Staatsvertrages zum Lotteriewesen de facto ein flächendeckendes Verbot für Minderjährige, an kommerziellen Glücksspielen teilzunehmen. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen stellt damit – zumindest auf dem Papier – eine zentrale Säule im Rahmen der Prävention glücksspielbezogener Probleme dar. Jedoch ist in Anlehnung an zahlreiche Forschungsbefun-de aus dem internationalen Kontext und Erfahrungen aus anderen Suchtbereichen davon aus-zugehen, dass ein beträchtlicher Anteil an nicht-spielberechtigten Jugendlichen trotz gesetzlicher Verbote Geld für kommerzielle Glücksspielangebote einsetzt oder aber Spiele um Geldgewinne eigenständig durchführt (vgl. im Überblick Hayer, Griffiths & Meyer, 2005). Im Allgemeinen geht für Heranwachsende vor allem von denjenigen Glücksspielen ein hoher Spielanreiz aus, die leicht zugänglich sind, keine größeren Geldeinsätze zur Spielteilnahme voraussetzen, verständliche Spielregeln aufweisen und von Bezugspersonen wie den Eltern oder den Mitgliedern der Peer-Gruppe nachgefragt werden. Dabei reichen die Konsummuster von einmaligen Spielerlebnissen über gelegentliche und regelmäßige Spielteilnahmen bis hin zu exzessiven, problembehafteten Verhaltensweisen. In diesem Zusammenhang weisen Forschungsstudien vornehmlich aus dem angelsächsischen Bereich darauf hin, dass Problemspieler häufiger im Jugend- als im Erwachsenenalter zu finden sind. Beispielsweise ermittelten Shaffer und Hall (2001) für die USA und Kanada im Zuge ihrer Metaanalyse (a) eine Lebenszeit-Prävalenz pathologischen (klinisch bedeutsamen) Spielverhaltens in der Adoleszenz von 3,38% und im Erwachsenenalter von 1,92% sowie (b) eine Lebenszeit-Prävalenz problematischen Spielverhaltens auf subklinischem Niveau (auch „Risikospieler“ genannt) bei Jugendlichen von 8,4% und bei Erwachsenen von 4,15%. Aktuelle Zahlen aus Deutschland stammen von Hurrelmann, Schmidt und Kähnert (2003), die in 2002 mehr als 5.000 Jungen und Mädchen der 7. und 9. Klassen (13 bis 19 Jahre) in Nordrhein-Westfalen zu ihren Erfahrungen mit kommerziellen Glücksspielangeboten sowie selbstorganisierten Spielen um Geld befragten. Vor dem Hintergrund der zu diesem Zeitpunkt noch lückenhaften Jugendschutzbestimmungen gaben 62% der Schüler an, schon einmal an Glücksspielen oder selbstorganisierten Spielen um Geld teilgenommen zu haben. Als besonders beliebt erwiesen sich Rubbellotterien (36%), selbstorganisierte Kartenspiele um Geld (29%), die Sportwette „ODDSET“ (18%) sowie Geldspielautomaten und selbstorganisierte Geschicklichkeitsspiele (jeweils 17%). Insgesamt erfüllten 3% der Jugendlichen die Kriterien eines problematischen Spielverhaltens, was einem Anteil von 9% bezogen auf die Gruppe der Jugendlichen mit Glücksspielerfahrung im vergangenen Jahr entspricht. Folgen des exzessiven Spielverhaltens beinhalten das Anlügen von Bezugspersonen, das Stehlen von Geld und das Schwänzen der Schule.

Entstehung glücksspielbezogener Probleme

Die Entstehung glücksspielbezogener Probleme wird durch das komplexe Zusammenwirken unterschiedlicher Variablen begünstigt, die den Jugendlichen selbst, sein Umfeld sowie die Eigenschaften des Glücksspiels (z.B. Verfügbarkeit, Geschwindigkeit der Spielabfolge) umfassen. Bemerkenswerterweise ähneln sich die Bedingungen, die das Risiko erhöhen, im Jugendalter ein problematisches Spielverhalten bzw. Störungen durch Substanzkon-sum zu entwickeln (Scheithauer, Petermann, Meyer & Hayer, 2005). Charakteristisch für den jugendlichen Problemspieler sind neben dem Geschlecht (männlich) und dem soziokulturellen Hintergrund (z.B. kulturelle Minderheit, untere Sozialschicht) unter anderem Persönlichkeitsmerkmale wie Impulsivität oder Extraversion, psychische Auffälligkeiten wie ein niedri-ges Selbstwertgefühl oder eine depressive Symptomatik, das Vorliegen weiterer Problemverhaltensweisen (z.B. Drogenkonsum oder Delinquenz) sowie spezifische glücksspielbezogene Erfahrungen (z.B. ein früher Erstkontakt mit dem Glücksspiel). Weitere Risikobedingungen beziehen sich auf das Umfeld, wie etwa die Peer-Gruppe (z.B. ausgeprägte Glücksspielerfahrungen im Freundeskreis), die Familie (z.B. Suchtprobleme der Eltern) und die Schule (z.B. schlechte Schulleistungen). In Anlehnung an Hurrelmann et al. (2003) fehlen den jugendlichen Problemspielern Ressourcen zur angemessenen Bewältigung der an sie gestellten All-tagsanforderungen und Entwicklungsaufgaben. Das Abtauchen in die „Welt des Glücksspiels“ kann in diesem Zusammenhang als Versuch interpretiert werden, psychosoziale Belastungen oder Überforderungssituationen kompensieren und frustrierende Alltagserfahrungen ausblen-den zu wollen. Zudem kann die Situation des Gewinnens die Einfachheit der Geldvermehrung suggerieren, sukzessive die Funktion und den Wert des Geldes verschleiern und als Mittel der Selbsterhöhung in Form von Prahlerei bei Freunden dienen.

Seitenabschnitte:
Glücksspiele - Spielsucht
Problemspieler häufiger im Jugend- als im Erwachsenenalter
Entstehung glücksspielbezogener Probleme
Suchtprävention
Literatur:

Suchtprävention

Aus der Perspektive der Suchtprävention stellt jegliche Erhöhung der Zugangsbarrieren zu Glücksspielen – etwa in Form von gesetzlichen Verboten – eine notwendige, jedoch keineswegs ausreichende Strategie dar, um das Ausmaß problematischen Spielverhaltens im Jugendalter nachhaltig zu verringern. Ergänzend besteht die Notwendigkeit einer entwick-lungsorientierten Präventionsarbeit, die im primärpräventiven Sinne bereits vor dem Auftreten des Problemverhaltens ansetzt, emotionale, soziale und Handlungskompetenzen stärkt und einen verantwortungsbewussten Umgang mit Glücksspielen fördert (vgl. Scheithauer et al., 2005). Insbesondere der „Life-Skill-Approach“, mit dem Ziel der Vermittlung grundlegender Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Lebensbewältigung, erscheint in diesem Zusammenhang im Gegensatz zu reinen Informations- und Abschreckungsansätzen Erfolg versprechend. Wenn Kinder und Jugendliche lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen, konstruktive Strategien zur Stressbewältigung und Problemlösung anzuwenden und befriedigende Sozialbeziehungen aufzubauen, wird das Ausweichen auf exzessive Risikoverhaltensweisen als Ersatzbefriedigung unwahrscheinlicher. Die Prävention glücksspielbezogener Probleme ist idealerweise in ein breites Konzept der Gesundheitsförderung und Ressourcenorientierung einzubetten, das sowohl suchtunspezifische als auch suchtmittelspezifische Aspekte (einschließlich glücksspielbezogener Elemente) umfasst und sich nicht nur an die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern darüber hinaus auch an ihre primären Bezugspersonen richtet (z.B. Eltern, Lehrer). Da es in Deutschland bislang an entsprechenden evidenzbasierten Präventionsmodulen zur Glücksspielsucht mangelt, muss zukünftig mit einem Anstieg des Ausmaßes glücksspielbezogener Probleme im Jugendalter bei fortwährender Ausweitung des Glücksspielangebotes ge-rechnet werden.

Literatur:

Hayer, T., Griffiths, M. & Meyer, G. (2005). Gambling. In T.P. Gullotta & G.R. Adams (Eds.), Handbook of adolescent behavioral problems: Evidence-based approaches to prevention and treatment (pp. 467-486). New York: Springer.
Hurrelmann, K, Schmidt, L. & Kähnert, H. (2003). Konsum von Glücksspielen bei Kindern und Jugendlichen: Verbreitung und Prävention. Düsseldorf: Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen.
Meyer, G. (2006). Glücksspiel – Zahlen und Fakten. In Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.), Jahrbuch Sucht 2006 (S. 114-128). Geesthacht: Neuland.
Meyer, G. & Bachmann, M. (2005). Spielsucht. Ursachen und Therapie (2. Aufl.). Berlin: Springer.
Scheithauer, H., Petermann, F., Meyer, G. & Hayer, T. (2005). Entwicklungsorientierte Prävention von Substanzmissbrauch und problematischem Glücksspielverhalten im Kindes- und Jugendalter. In R. Schwarzer (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie, Themenbereich C: Theorie und Forschung, Serie X: Gesundheitspsychologie, Band 1: Gesundheitspsychologie (S. 503-523). Göttingen: Hogrefe.
Shaffer, H.J. & Hall, M.N. (2001). Updating and refining prevalence estimates of disordered gambling behaviour in the United States and Canada. Canadian Journal of Public Health, 92, 168-172.

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Glücksspiele - Spielsucht
Problemspieler häufiger im Jugend- als im Erwachsenenalter
Entstehung glücksspielbezogener Probleme
Suchtprävention
Literatur:

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