| Russisch in der IS Hermannsburg I. Baumann | 
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Gerade in jüngster Zeit ist in Deutschland eine heftige Diskussion zum Thema Integ-ration entbrannt. Sie erhält eine besondere Brisanz dadurch, dass es Bestrebungen gibt, Deutsch als alleinige Schulsprache verbindlich zu machen. Unterschiedliche Gruppierungen nutzen die Situation aus, um mit gehobenem Zeigefinger auf Sünden-böcke für vermeintlich misslungene Integration und ihre Folgen hinzuweisen. Politi-sche fragwürdige Kräfte nutzen die Gelegenheit, um ihre Positionen in der Gesell-schaft allgemein, besonders aber bei ihren jeweiligen Landsleuten zu stärken. Dabei wird vielfach nicht genügend beachtet und oft übersehen, dass die Hauptlast der Integration jedes einzelne Kind trägt: Das gilt für deutsche Kinder, die dieser Gesellschaft durch ihre Geburt zugehören und mit diesem Thema konfrontiert werden und für Kinder, die hier geborenen sind, im Elternhaus aber zweisprachig aufwachsen, dieses Land als ihr Zuhause ansehen und auch den Anschluss in dieser Gesellschaft gefunden haben. Eine dritte Gruppe stellen die Kinder dar, die in mehr oder weniger fortgeschrittenem Alter in dieses Land gekommen sind und ihre Zugehörigkeit in dieser Gesell-schaft erst suchen und sich erkämpfen müssen. Besonders die Kinder dieser Gruppe benötigen unsere Hilfe und vertrauen darauf.
Die Russisch sprechenden SchülerInnen bilden die zweitgrößte Zuwanderergruppe in den Schulen des Landes Bremen.
Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen als Russischlehrerin möchte ich hier Probleme dieser Gruppen an drei Beispielen konkretisieren. (*)
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| Dimitri
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| Dimitri – 22 Jahre alt, ist seit 6 Jahren in Deutschland und studiert. Seine Eltern sind nichtdeutscher Herkunft. Er selbst wurde in Bremen in die 8. Realschulklasse aufge-nommen. Ab Klasse 9 wechselte er auf Grund seiner Leistungen in eine Gy-Klasse mit dem Hinweis, dass für einen Gy-Schüler keine Deutsch-Förderstunden vorgese-hen sind. Dimitri gelang es, das Abitur zu machen und einen Studienplatz mit dem Schwerpunkt Mathematik und Informatik zu bekommen. Er beherrscht Russisch und Deutsch sehr gut. Er beteiligt sich (auch heute noch) aktiv in verschiedenen Integrati-onsprojekten, um anderen Jugendlichen mit unterschiedlichem Migrationshinter-grund zu helfen, sich hier einzuleben. Durch seinen persönlichen Einsatz und den seiner Eltern ist es Dimitri gelungen, Anschluss in dieser Gesellschaft zu finden.
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| Alexander
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| Anders verläuft die Entwicklung bei Alexander, der den Anschluss viel später – wenn überhaupt – finden wird. Alexander, fast 17 Jahre alt, ist seit 9 Monaten in Bremen. Er war in Russland ein sehr guter Schüler. Sein Elternhaus ist russisch-deutsch. Alexander besucht zur Zeit den Deutsch-Förderunterricht. Er ist einer Hauptschul-Regelklasse zugeordnet, in der er ca. 5 Mal in der Woche (10 Stunden insgesamt) im Unterricht dabei ist. Alexander fühlt sich in seiner Klasse fremd; auch die Schüler der Regelklasse haben Schwierigkeiten, ihn aufzunehmen. Er zweifelt verständlicherwei-se daran, ob er überhaupt einen Schulabschluss bekommen wird, zumal im kommen-den Schuljahr der Förderunterricht für seine Altersgruppe gänzlich gestrichen wird. Alexander freut sich über die Möglichkeit, sich im Schulalltag von einigen Klassenka-meraden auf Russisch Hilfe holen und mit ihnen Russisch sprechen zu können. Höchst problematisch wäre es für ihn und die vielen anderen russischsprachigen SchülerInnen, wenn ihnen die Kommunikation in ihrer Muttersprache im Schulalltag mehr oder weniger untersagt würde..
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| Wladislaw
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| Wladislaw, 13 Jahre alt, wurde in Deutschland eingeschult, spricht nur Deutsch, ver-steht aber etwas Russisch. Auf die Frage, warum er Russisch als 2. Fremdsprache gewählt hat, antwortet er, so wie viele seiner Mitschüler auch: Weil meine Eltern Rus-sisch sprechen, weil ich eine Oma in Russland habe, weil ich Freunde habe, die Rus-sisch sprechen, weil meine Eltern sagen, dass es mir irgendwann nützlich sein wird.
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| Unter Berücksichtigung der drei Beispiele lassen sich folgende Tendenzen feststellen:
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| Schüler wie Dimitri bilden eine erfolgreiche zweisprachige Gruppe. Sie bekommen keine Hilfe und sind auf sich selbst angewiesen. Es besteht die Gefahr, dass sie da-durch in Krisensituationen kommen können. Schüler wie Alexander - ihre Zahl nimmt zu – sind emotional instabil, leiden unter Minderwertigkeitsgefühlen, sehen sich ausgegrenzt, sind in der Regel enttäuscht und verbittert und haben kaum Chancen auf eine Ausbildung oder weitergehende Berufsperspektiven. Schüler wie Wladislaw nehmen Russisch als Fremdsprache wahr. Sie haben sich auf Wunsch ihrer Eltern angepasst, aber einen Teil ihrer Identität verloren.
Bei aller Unterschiedlichkeit der drei Problemgruppen ist die große Bedeutung von Sprache und Sprachunterricht offensichtlich. Leider kommt aber in der heutigen Dis-kussion zu wenig zum Ausdruck, dass jede Sprache und die errungene Bilingualität wertvoll sind und auch der Integration dienen. Es gibt genügend Anzeichen dafür, die Kinder selbst und die Schule als Sündenböcke einer nicht gelungenen Integration zu präsentieren und sogar mit Sanktionen zu drohen, statt von Anfang an notwendige Hilfen anzubieten.
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