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Pfad zur Seite:Startseite - Publikationen - BLZ - BLZ Archiv - BLZ Juli/August 2009 - 16.08.2009 Sehenden Auges abgehängt –

16.08.2009 Sehenden Auges abgehängt –

zur Jugendarmut in Bremen
von Susanne Achenbach, Arbeitnehmerkammer Bremen
Die Arbeitnehmerkammer Bremen hat die Aufgabe, zur sozialen Gerechtigkeit beizutragen. Seit einigen Jahren gehört dazu auch, mit unseren Berichten und Analysen Armut in Bremen sichtbar, greifbar zu machen.
Dass durch wirtschaftliche Entwicklungen und politische Entscheidungen sich die aktuell kritische Lage wachsender Anteile der Bevölkerung weiter verschlechtert, Armut zunimmt und die soziale Spaltung der Gesellschaft weiter voranschreitet, ist aller Erfahrung nach der wahrscheinlichste aller möglichen Prozesse.
Anlass zur Resignation? Die kommt für uns nicht in Frage, was nicht nur an unserer gesetzlichen Verpflichtung liegt.
Die notwendige Zuversicht, den Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit zu führen, beziehen wir aus der großen Resonanz unserer Armutsberichte in Öffentlichkeit und politischem Raum.

Seitenabschnitte:

 Sehenden_Auges_abgehaengt.pdf
 Vollständiger Artikel
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Nicht zuletzt – und darum soll es hier gehen – beziehen wir lösungsorientiertes Handlungswissen von PädagogInnen, die in der Schule gegen verstörende, verheerende Wirkungen der Armut angehen.
Sie setzen sich ein für „ihre“ Jugendlichen –junge Menschen ohne Ausbildungsplatz – die offenkundigen Verlierer am Ende der Verdrängungsspirale eines ungerechten Bildungswesens, das Armut und Ausgrenzung bekanntermaßen fortschreibt.
Sie zeichnen ein deutliches Bild, was genau die „Armut“ (auch: Chancenlosigkeit, Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit) hinsichtlich der Berufs- und Lebenswelt der Jugendlichen ausmacht, sprechen Veränderungsbedarf unmissverständlich aus und zeigen Möglichkeiten, der Verarmung Jugendlicher entgegenzuwirken.
Als wesentliche, übergeordnete Auslöser von Armut kennzeichnen die PädagogInnen erschreckende Gleichgültigkeit, Kälte und Ignoranz gegenüber jungen Menschen und ihrem Bedarf. Das betrifft nicht nur das persönliche Umfeld der Jugendlichen, sondern gleichermaßen Politik, Gesellschaft, Medien, Schule und öffentliche Verwaltung.
Gravierender Mangel im Leben der Jugendlichen wird mitverursacht durch Reduzierungen in Jugendhilfe und Bildung, verblödende TV-Scheinwelten, fehlende Freizeitangebote oder bürokratische Hemmnisse, die das Leben der Jugendlichen aktuell regelrecht verderben sowie ihre Perspektiven rauben.
Mit großer Sorge beobachten die PädagogInnen die Bereitschaft in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, Teile der Bevölkerung, auch ihre Schülerinnen und Schüler, „sehenden Auges abzuhängen“.
So z.B., wenn Betriebe nicht ausbilden oder die Hoffnung von Praktikanten auf Ausbildung trotz Übernahmezusage enttäuscht wird, sie insgeheim nur als kostenlose Arbeitskräfte ausgenutzt wurden.
Aber handelt es sich bei den Jugendlichen am Ende der Verdrängungsspirale nicht um die „hoffnungslosen Fälle“, die weder wollen und noch können?
So würden es nur diejenigen betrachten, die nicht richtig hinsehen (wollen) und davon ausgehen, Jugendliche müssten sich ihre Chance erst verdienen.
Eine schädliche und zynische Haltung, die grundlegende Rechte der Jugendlichen missachtet. Sie hat in der Arbeit mit den Jugendlichen keinen Platz und muss auch in Politik und Gesellschaft endlich verschwinden.
Die KollegInnen sprechen im Zusammenhang mit der Überwindung der Armut Jugendlicher von Werten wie Pflichtgefühl, Liebe, Respekt, Wertschätzung, Verantwortung der Erwachsenen. Dass sie dies, schon vor einigen Jahren, als wir unseren Dialog begannen, sehr bestimmt taten, haben ist bemerkenswert. Zu dieser Zeit setzte man sich schnell dem Vorwurf aus, die „moralische Keule“ zu schwingen –wirkungslos.

Moral aber ist aktuell durchaus diskutabel. Utopien finden Zuspruch und Beachtung.
Darin liegt eine große Chance, Verarmung entgegenzuwirken - im Zusammenspiel gesellschaftlicher und politischer Akteure, aber auch ganz „alltäglich“.
Die Frage „Wie können wir bereichern, wo wir auf Verarmung treffen?“ zu stellen und sie handelnd zu beantworten ist nicht naiv, sondern ein veritabler Ansatz.
Gefragt nach Erfolgen, schätzten die meisten KollegInnen ihre Arbeit als „erstaunlich wirksam“ ein, wobei ein enormes Entwicklungs- und Lernpotenzial, die Energie der Jugend eine bedeutende Rolle spielt.
Auch wenn es viele (Schul)Jahre vorenthalten blieb: mit pädagogischer Unterstützung kann es gelingen, dass Jugendliche sich ihrer Fähigkeiten, Stärken und Potenziale bewusst werden und sie nutzen, dass sie Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Gelassenheit, Lebenskunst, Mut, Zutrauen, Ziele entwickeln.
Dann wird das Leben reicher.
Ob die neu erworbenen Reichtümer behalten und vermehrt werden können, einen Tauschwert erhalten, wieder verloren gehen oder gar „abgezogen“ werden, hängt davon ab, ob der ersehnte Ausbildungsplatz, die Gelegenheiten, sich in Arbeits- und Lebenswelt zu erproben und bewähren, bereitstehen.

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