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16.11.2007 Schulentwicklungsplanung in Bremerhaven

von Bernd Winkelmann
Landesvorstandssprecher
Nach den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung im Mai 2007 verständigten sich SPD und CDU auf eine Fortsetzung der Großen Koalition in der Stadt Bremerhaven. In einem 27-seitigen Papier haben die Koalitionspartner ihre kommunalen Vereinbarungen formuliert. Einleitend für den Bildungsbereich heißt es: „Schwerpunkt unserer Arbeit muss es ... sein, die noch bestehende Abhängigkeit zwischen der sozialen Stellung der Eltern und dem Schulerfolg der Kinder aufzubrechen.“ Eine zentrale Rolle in der Umsetzung dieses Ziels spielt die Erarbeitung eines Schulentwicklungsplans, über dessen mögliche Ergebnisse es seit Veröffentlichung des Koalitionsrahmens erhebliche Spekulationen gibt. Diese speisen sich aus dem Koalitionstext selber, der historischen Entwicklung des Schulsystems in Bremerhaven und der besonderen Bedeutung, die dem Stadtteil Lehe derzeit beigemessen wird.


Seitenabschnitte:
Der Schulentwicklungsplan in der Koalitionsvereinbarung
Kurze Erinnerung: Die Stadt war strukturell schon weiter
Aktuelle Trends: Die Scheinwerfer werden auf Lehe gerichtet
Der Schulentwicklungsplan muss die Grundrichtung festlegen

 Schulentwicklungsplanung_in_Bremerhaven.pdf
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Der Schulentwicklungsplan in der Koalitionsvereinbarung

Unter Nutzung externer Beratung soll dieser Plan aufzeigen, wie „für die nächsten zehn Jahre ... das Ziel einer gemeinsamen Schule von 1 – 9/10 schrittweise umgesetzt werden kann.“ Dazu wollen die Koalitionspartner unterschiedliche Aspekte prüfen lassen, insbesondere die vorgezogene Einführung eines flächendeckenden sechsjährigen gemeinsamen Lernens, das Auffangen verschiedener Behinderungen durch integrative und kooperative Ansätze, die Einrichtung weiterer Gesamtschulen sowie eine Kostenberechnung für entsprechende Maßnahmen.
Dieser Plan ist im Vertrag zwischen SPD und CDU eingebunden in weitere generelle Überlegungen zur Entwicklung der Schulen in Bremerhaven. So sollen die Grundschulen „so schnell wie möglich“ in gebundene Ganztagsschulen umgewandelt und die Klassenfrequenzen in dieser Schulstufe abgesenkt werden. Ebenso will man Schulstandorte mit vielen MigrantInnen besonders unterstützen, Sekundarschulen durch eine berufliche Ausrichtung in den Klassen 9 und 10 verbessern und die Gesamtschulen so stärken, dass sie „eine echte Alternative werden“.
Eine exponierte Stellung nimmt in dem Papier der Stadtteil Lehe ein. Hier soll das Schulamt auf Grund der schwierigen Situation bereits bis zum Jahresende 2007 ein Konzept erstellen.
Bei aller Widersprüchlichkeit der Aussagen zur Sekundar- und Gesamtschule sind nach Jahren der Rückwärtsentwicklung Stichworte genannt, welche die überregionale Diskussion um eine integrative(re) Beschulung aufnehmen. Die Frage allein ist: Welche inhaltliche Substanz haben diese Formulierungen? Der nächste Abschnitt zeigt auf, auf welches Fundament diese Aussagen treffen.

Kurze Erinnerung: Die Stadt war strukturell schon weiter

Über Jahrzehnte gliederte sich das Schulsystem in Bremerhaven einheitlich. Es gab drei Stufen mit einem gemeinsamen Lernen in der Grundschule, einer Orientierungsstufe für den Regelschulbereich sowie anschließender Organisation der Sekundarstufe I durch Schulzentren, Integrierte Gesamtschulen und Sonderschulen. Allgemeine und berufliche Bildung in der Sekundarstufe II waren zumindest räumlich verbunden.
Im Gegensatz zur Stadtgemeinde Bremen führte erst die amtierende große Koalition auf Druck der CDU ein durchgängiges Gymnasium wieder ein. Die SPD erhielt als „Gegenleistung“ eine sechsjährige Grundschule – ob aus pädagogischer Überzeugung oder allein zur Wahrung des Gesichts, sei dahingestellt. Erhebliche Wirkungen erzielten ebenfalls die landesweite Abschaffung der Orientierungsstufe und die Einführung der stadtweiten Anwahlfreiheit zur Klasse 5. Damit war die Konkurrenz zwischen den Schulen geschürt und die vermeintliche Akzeptanz einzelner Schulformen wurde quantifizierbar. Wenngleich nicht so ausgeprägt wie in der Stadt Bremen, so stieg auch in Bremerhaven die Anwahl des gymnasialen Bildungsgangs innerhalb von drei Jahren deutlich, von 30,2% auf 39,8%. Innerhalb dieser Quote verdreifachte sich der Zuspruch zum bilingualen Gymnasium im gleichen Zeitraum nahezu.

Aktuelle Trends: Die Scheinwerfer werden auf Lehe gerichtet

Der Stadtteil hat es zweifelsfrei schwer. Längst nicht nur Insidern bekannt, nun aber auch amtlich bestätigt, ist die Tatsache, dass in einzelnen Ortsteilen Bremerhavens die Quote der FörderzentrumschülerInnen (Bereich Lernen) bei 25% liegt. Dies trifft u.a. auf zentrale Gebiete Lehes zu. In diesem internationalen Stadtteil leben viele Menschen, die arm sind, und beruflich wenig Perspektive entfalten können, ob jung oder alt. Diese Situation ist von den verantwortlichen PolitikerInnen bislang nicht offensiv angegangen worden. Erst die weitere gesellschaftspolitische Zuspitzung – auch in den Schulen – machte die intensive Beschäftigung mit diesem Stadtteil unumgänglich. Insofern ist der Gedanke einer „schnellen Lösung“ nahe liegend. Er birgt aber auch erhebliche Gefahren, denn bei der Größe der Stadt wird jede Entscheidung Auswirkungen auf die Schullandschaft insgesamt haben.


Der Schulentwicklungsplan muss die Grundrichtung festlegen

Derzeit gibt es viele Gerüchte über die Zukunft von Einzelstandorten. Dabei wird oftmals isoliert betrachtet, wohin sich welche Schule entwickeln könnte oder sollte. Unterschiedliche Ansprüche stehen im Raum:

  • Mehrere Schulen signalisieren, sich in eine Gesamtschule umwandeln zu wollen.
  • Unter den gegebenen Bedingungen werden integrative Perspektiven für FörderschülerInnen im Bereich Lernen nur äußerst verhalten erörtert.
  • Die Fortsetzung der Schullaufbahn von Jugendlichen aus der sechsjährigen Grundschule führt bei der gültigen Ordnung des Schulsystems zwingend zu einer Parallelentwicklung in der Sekundarstufe. Die meisten SchülerInnen treten nach vier Jahren in diese ein, einige aber nach sechs.

Deutlich wird schon nach diesen wenigen Beispielen: Auf die Grundsatzentscheidung kommt es an.
Nimmt man den eigenen Koalitionsvertrag wirklich ernst und will in zehn Jahren von der ersten bis zur neunten Klasse gemeinsam beschulen, dann steht zuallererst das existierende durchgängige Gymnasium in Frage. Gleichzeitig zu überlegen ist, was aus den vielen FörderschülerInnen wird. Der Gedanke, diese weiterhin in eigenständigen Schulen zu unterrichten, verträgt sich nicht mit dem Ziel einer gemeinsamen Schule. Ist dieses Ziel jedoch tatsächlich gültig, stellt sich nicht die Frage, welche Schule denn Gesamtschule werden darf. Sie ist entschieden: Alle werden es, ohne Alternative.
Die GEW fordert für die Erstellung des Schulentwicklungsplanes ein transparentes Verfahren unter Beteiligung von SchülerInnen, Eltern und unserer Organisation. Dieser Plan muss auf die gesamte Stadt abgestimmt sein. Der Wert der Koalitionsaussagen wird sich daran messen lassen müssen, inwieweit eine Schule für tatsächlich alle SchülerInnen der Stadt bis zur nächsten Wahl umgesetzt wurde.

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