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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Dezember 2007 16.12.2007 Schule am Körnerwall - So einfach is... | ||||||
| 16.12.2007 Schule am Körnerwall - So einfach ist das nicht | ||||||
| von Hermann Tietke | ||||||||||||||||||||
| Wenn ich hier eine kritische Position zum bisherigen Vorgehen der Eltern und Betreiber der „Schule“ am Körnerwall einnehme, so tue ich dies 1)wegen rechtlicher Bedenken 2)aus bildungspolitischen Überlegungen 3)hinsichtlich meiner Schlussfolgerungen, was auch im Interesse der Kinder dieser Einrichtung ist. |
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| Rechliche Bedenken | ||||||||||||||||||||
| Zu 1) Auch ich gehörte zu denen, die erst im Herbst durch die Presse von der Existenz und den Begleitumständen erfuhren. War ich doch davon ausgegangen, dass diese schon ältere alternative Schulinitiative in die Kinderschule eingemündet war. Eine private Kindergarteninitiative, das hatte ich mir vorstellen können, aber dass Eltern und Betreiber, auch wenn sie von dieser Art von Bildung überzeugt waren, jahrelang gegen geltende Gesetze verstoßen haben, das fiel mir schwer zu glauben. Hier bleibt sicherlich auch zu hinterfragen, ob das denn im Viertel allgemein bekannt war und ob es (wie die Initiatoren sagen) stillschweigende Duldung gegeben hat. Das Grundgesetz und die Bremische Landesverfassung gelten für alle Bürgerinnen und Bürger, ob in Bremen-Nord oder im „Viertel“ und auch die Schulpflicht sowohl für strenggläubige Eltern als auch für Eltern mit alternativpädagogischen Vorstellungen. Die bremische Schullandschaft bietet viele Möglichkeiten dem Rechnung zu tragen, z.B. auch durch Elternengagement in den jeweiligen Schulen und durch ergänzende Maßnahmen in der Freizeit der Kinder. Wer mehr will, kann sich im gesellschaftlichen Diskurs und in politischen Gremien für weitergehende Veränderungen einsetzen. Bei einem vorliegenden Antrag auf Zulassung dieses Projekts als Freie Schule, werden die zuständigen Stellen im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben diesen zu prüfen haben. Bei so manchem Beobachter hat sich allerdings aufgrund der Vorgeschichte schon ein fader Beigeschmack eingestellt. Somit wäre ich auch schon bei der bildungspolitischen Dimension. | ||||||||||||||||||||
| Bildungspolitsche Überlegungen | ||||||||||||||||||||
| Zu 2) Kleinere Lerngruppen, jahrgangsübergreifende Lerngruppen, Binnendifferenzierung, angstfreies Lernen durch Verzicht auf Notengebung, dies sind alles Überlegungen, die dem öffentlichen Schulwesen nicht fremd sind und in vielen Grundschulen praktiziert werden. Vieles dauert in der Umsetzung etwas länger, auch weil der gesamtgesellschaftliche Meinungsbildungsprozess oft kontrovers verläuft; natürlich auch, weil z. T. die Gelder z.B. für kleinere Klassen fehlen oder nicht alle Eltern soviel persönliches und materielles Engagement zeigen (können), wie wohl im vorliegenden Fall. Die zahlreichen Bildungssystemstudien der letzten Jahre (wie PISA u. a.) zeigen, dass das deutsche Schulwesen seine größten Mängel darin hat, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen enorm negativ ausgeprägt ist, dass früh Selektionsmechanismen greifen, die nur schwer oder gar nicht mehr ausgeglichen werden können. Immer stärker hat sich in Politik und Wissenschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir ein längeres gemeinsames Lernen benötigen, um allen Kindern in dieser Gesellschaft gerechte Bildungschancen zu ermöglichen. Unbestritten sind wir von der Umsetzung noch ein gutes Stück entfernt. Viele Privatschulinitiativen erschweren eine solche Entwicklung, weil durch das Herauslösen von Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern aus dem öffentlichen Schulwesen viel Potenzial und Kreativität herausgenommen wird, was nicht ohne Folgen für die dortige Qualität und Zementierung von ungleichen Bildungschancen bleiben wird. Wenn nun gesagt wird, eine Schule Körnerwall wolle alle Kinder, egal welcher sozialer Herkunft, Nationalität, mit Migrationshintergrund oder körperlichen Handicaps aufnehmen, was hindert die Befürworter, dies in ihrem Stadtteil, mit allen Eltern und Kindern z.B. in der Schule Lessingstraße, in der Schmidtstraße oder in der Schule Bürgermeister-Smidt-Schule zu gestalten? Oder sind doch nicht alle eingeladen? Ich kann gut verstehen, dass man im Einzelfall Bedenken hat, ob eine bestimmte naheliegende Schule aufgrund ihrer spezifischen Bedingungen gut für die Förderung es eigenen Kindes ist, doch jede Schule hat ein anderes Profil, unterschiedliche pädagogische Grundsätze, verschiedenste Organisationsformen, unterschiedliche LehrerInnenpersönlichkeiten und man möge auch bedenken, dass Kinder Situationen oft anders erleben und meistern, als viele Eltern es sich vorstellen. | ||||||||||||||||||||
| Sicht der betroffenen Kinder | ||||||||||||||||||||
| Zu 3) Auch aus der Sicht der betroffenen Kinder halte ich den bekanntgewordenen praktizierten Ansatz für falsch. Die Auseinandersetzung mit anderen Kindern aus anderen Zusammenhängen, auch aus Elternhäusern mit anderen (oder gar keinen) pädagogischen Ansätzen ist für die Konfliktfähigkeit und Reflexion über sich und seine eigene Rolle in dieser Gesellschaft und im Umgang mit anderen wichtig. Deshalb plädiere ich aus diesen drei Gründen dafür, die Angebote der öffentlichen Schulen im Stadtteil zu nutzen und sich als Eltern im gleichen Umfang einzubringen wie zuvor. | ||||||||||||||||||||
| Der Autor: | ||||||||||||||||||||
| Hermann Tietke ist Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD, Lehrer an der Erwachsenenschule und zudem Mitglied der GEW | ||||||||||||||||||||