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16.05.2008 Privatschulen in Deutschland

von Marianne Demmer
(Stellvertretende Vorsitzende der GEW) und
Martina Schmerr
(Referentin Vorstandsbereich Schule)
„Deutsche Eltern lieben Privatschulen“, „Privatschulen boomen“ – so oder ähnlich lauten in jüngster Zeit viele Schlagzeilen. Oft wird dabei unter Bezug auf die PISA-Ergebnisse die ungeprüfte Aussage wiederholt, Privatschulen seien besser als öffentliche. Verfechter des öffentlichen Schulwesens reagieren alarmiert und die Lobbyisten des Privatschulwesens rechnen vor, dass sie zu wenig Geld vom Staat erhalten. Zugleich ist seit Jahren von der Expansion der privaten Nachhilfeketten zu lesen, die sich bereits als Partner für den Ganztagsbetrieb der öffentlichen Schulen anbieten.

Seitenabschnitte:

 Privatschulen_in_Deutschland1.pdf
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Der fünfte Teil des Privatisierungsreports der GEW nimmt diese beiden Entwicklungen unter die Lupe. Sind Schulen in privater Trägerschaft wirklich besser? Wie ist deren steigende Zahl zu erklären? Wie ist es um die Qualität von Nachhilfeanbietern bestellt? Und wo liegen die Probleme und Gefahren dieser Entwicklung?
Der Beitrag Immer mehr Privatschulen: Aderlass fürs öffentliche Schulwesen macht deutlich, dass bei der aktuellen Gründungswelle die Unzufriedenheit mit der (pädagogischen) Qualität öffentlicher Schulen nicht die Hauptrolle spielt. In den östlichen Bundesländern, wo der Rückgang der Schülerzahlen und entsprechende Schulschließungen früher eingesetzt haben als im Westen, geht es den Eltern zum einen darum, die ortsnahen Schulstandorte für ihre Kinder zu erhalten. Zum anderen ist im Osten eine deutliche Zunahme bei berufsbildenden Angeboten zu verzeichnen. Aber auch das mangelnde Vertrauen gegenüber öffentlichen Schulen und die Wünsche der Eltern müssen ernst genommen werden. Wie die Reportage über die Phorms- Schule – der erste Privatschultyp, mit dem an der Börse Geld verdient werden soll – beispielhaft zeigt, greifen viele Privatschulen genau das auf, was Eltern an öffentlichen Schulen mitunter vermissen: einen Ganztagsbetrieb, der es ihnen erlaubt, ganztägig berufstätig zu sein, eine geringe Sitzenbleiberquote, eine ausgeprägte Förderkultur und
kleinere Klassen.
Ähnlich fortschrittliche Schulkonzepte bieten jedoch beileibe nicht alle Schulen in privater Trägerschaft. Viele arbeiten ganz konventionell. Zudem gibt es mittlerweile eine Vielzahl öffentlicher Schulen, die reformpädagogisch arbeiten, ganztags geöffnet sind und sich der individuellen Förderung verschreiben. Diese haben bei PISA hervorragend abgeschnitten haben.

Auch der – mit Verweis auf die PISA-Ergebnisse – behauptete Leistungsvorsprung privater Schulen lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht aufrecht halten. Private Schulen schneiden nicht besser ab, wenn man die soziale Herkunft und die Zusammensetzung ihrer Schülerschaft in Rechnung stellt. Für die Leistungen von Schulen – so zeigt eine Analyse der PISA-Daten – ist die Schulform von größerer Bedeutung als der Schulträger. Der Graben verläuft also zwischen Hauptschulen und Gymnasien – und nicht zwischen öffentlichen und privaten Schulen.

Privatschulen und Nachhilfe gab es schon immer. Privatschulen sind sogar im Grundgesetz als Teil des Schulwesens vorgesehen und stehen unter staatlicher Aufsicht. Wenn beide Bereiche wachsen – unterstützt von einer starken Wirtschaftslobby und kommerziellen Interessen – droht die soziale Spaltung in unserer Gesellschaft weiter zuzunehmen. Dieser Entwicklung muss Einhalt geboten werden. Zum Schutz der öffentlichen Schule als Gesamtsystem, zum Schutz der Chancengleichheit und des sozialen Zusammenhalts. Bildung ist – und muss es bleiben – Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Das öffentliche Schulwesen hat einen hohen Wert in einer demokratischen Gesellschaft. Nur wenn die öffentlichen Schulen flächendeckend zu guten integrativen Ganztagsschulen ausgebaut werden, die alle Kinder individuell und bestmöglich fördern, wird der private Bildungsmarkt am Nachmittag überflüssig. Und nur dann gelingt es, das Vertrauen der Eltern in öffentliche Einrichtungen dauerhaft zu stärken. Wir brauchen eine hohe Qualität aller Einrichtungen, eine breite Bildungsbeteiligung und gleiche Bildungschancen für alle Kinder und Jugendlichen. Und nicht zuletzt gute Lern- und Arbeitsbedingungen. Dies ist ohne ein staatlich verantwortetes und finanziertes Gesamtsystem nicht zu haben.
Die zunehmende Privatisierung des Bildungswesens führt zu Deregulierung von Arbeitsverhältnissen. Gute Arbeitsbedingungen und ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot sind jedoch zwei Seiten einer Medaille – sie müssen erhalten werden.

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