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16.03.2007 Privatisierung: Leserbrief und Antwort der Redaktion


Betr.: BLZ 02-2007 (Februar)

Seitenabschnitte:
Leserbrief
Antwort der Redaktion

Leserbrief

Hallo liebe Redaktion mit hoher Schnarchpotenz und ausgesprochen schlechter Lesekompetenz, jedenfalls was das Sinn entnehmende Lesen angeht! Da habt ihr aber beim Zusammenstellen und Lesen (?) der Artikel beide Augen ganz fest geschlossen. Oder sollte etwa klammheimlich eine Diskussion angeschoben werden, denn es sollte keiner merken ? Oder kann jeder in der Gewerkschaftszeitung meine GEW einfach so konterkarieren, und das zwei Seiten weiter?

Schwerpunkt der BLZ "Privatisierung" . Finde ich absolut notwendig, dass man sich mit aus der Betriebswirtschaft übernommener Begriffsluderei und dem Einfluss auf die staatliche Bildung befasst. Gegen die neoliberale Politik schreibend wird der Einfluss der Bertelsmann-Stiftung und anderer Stiftungen kritisiert
wie auf Seite 14, rechte Spalte oben :
"Diese Daten ermöglichen ein Ranking,... Kürzlich wurde die "beste Schule" Deutschlands festgestellt.("Grundschule Kleine Kielstraße aus der Modellregion Dortmund ist die beste Schule in Deutschland.")“
Liebe GEW und Redaktion: Dieser kritisierte Wettbewerb heißt "Es geht auch anders " und auch 12 Bremer Schulen haben sich daran beteiligt.
Jetzt bitte Augen öffnen und in der BLZ einmal umblättern (Handlungskompetenz ), denn jetzt kommt auf
Seite 16 das GEW- und Grundschulverbandsvorstandmitglied Maresi Lassek mit ihrem Artikel mit dem – ich traute meinen Augen nicht - Artikel "Es geht auch anders -die Reise nach Berlin” (Reisekompetenz ). Und da wird genau das vorher kritisierte Ranking völlig kritiklos bejubelt. (Naja, die Robert-Bosch-Stiftung und Heidehofstiftung und das Bildungsblatt der Stern stehen dahinter. Das sind die guten Stiftungen.) Es geht um haargenau den gleichen Wettbewerb von Seite 14 . Und die Wortwahl im Artikel ist haarsträubend neoliberal: “bekannte und renommierte Schulen”, “etwas vorweisen können “, “Endausscheidung”, “es gibt in unserem Bundesland hervorragende Schulen“. Und am Schluss der Seite wird sogar fett gedruckt dazu aufgefordert, sich am Wettbewerb, der in die zweite Runde geht, zu beteiligen ??? (Preisekompetenz)
Und spätestens da wurde mir klar , dass die Redaktion die Artikel nicht gelesen haben kann.
Soll ich mich denn nun in der AG ”Du bist Bertelsmann” unter www.antibertelsmann.de bewerben oder bei Bertelsmann direkt, um die 50000 Euro abzusahnen, die der besten Schule Deutschlands und auch wieder Maresi Lassek und anderen “hervorragenden Schulen in Bremen“ winken?
Macht euch bitte an die Arbeit,( womit ich nicht das vulgäre Unterrichten meine) sonst bekommt ihr bald die geballten “"metakognitiven Kernkompetenzen” und dergleichen neologistische Renommierkrüppel mehr auf dem Schlachtfeld der spätbabylonischen Begriffsverwirrung im heutigen Bildungs-, Kultur – und vor allem Pädagogengenre“ (Henscheid) um die Ohren.
Gruß
Wilfried Meyer-S.

Antwort der Redaktion

Lieber Wilfried,
ganz so blind sind wir nun auch wieder nicht. Dass in dem Beitrag der AG „Du bist Bertelsmann“ und in dem Bericht über die Bewerbung der Schule Pfälzer Weg zum deutschen Schulpreis unterschiedliche Herangehensweisen und Standpunkte darüber zu finden sind, was z.Zt. zu tun ist, ist uns durchaus nicht entgangen. Sie spiegeln unserer Auffassung nach die Widersprüche wieder, in denen sich Schulen und Lehrkräfte schon länger befinden.
Der Staat hat die Förderung von Projekten und Innovationen faktisch eingestellt und verwiest die Schulen auf den Wettbewerb um private Stiftungsgelder. Gerade Willi Lemke ist dabei Vorreiter. Es ist Aufgabe der Gewerkschaft und der BLZ als Gewerkschaftszeitung, diesen Ausverkauf bewusst zu machen, zu kritisieren und die Forderung nach einer ausreichenden öffentlichen Bildungsfinanzierung zu vertreten. Hierzu haben wir in der letzten Zeit mit einigen Themenschwerpunkten versucht, einen Beitrag zu leisten.
Zum anderen sind viele Kolleginnen und Kollegen, die innovativ arbeiten wollen, auf Förderung angewiesen, die sie vom Staat nicht bekommen. Insidern ist schon lange bekannt, dass die Schule Pfälzer Weg in einem schwierigen Stadtteil gute Arbeit leistet. Mit ihrer Bewerbung um den deutschen Schulpreis hat sie sich dafür Geld und öffentliche Anerkennung geholt. Das hielt die Redaktion für berichtenswert und hat die Kollegin Maresi Lassek um einen Beitrag gebeten. Diesen Beitrag haben wir leicht gekürzt und inhaltlich weder verändert noch kommentiert.
Trotzdem halten wir die von dir aufgeworfene Frage für völlig zutreffend: Verändert die Beteiligung am Wettbewerbszirkus nicht auch das eigene Bewusstsein und die eigenen Handlungsmaximen? Findet hier ein neoliberales Reeducation-Programm statt? Und wenn ja, wie verhalten wir uns dazu, d.h. wie gehen wir in der Praxis damit um?
Hier wird die Diskussion spannend und geht über die reine Analyse und Ideologiekritik hinaus. Wenn dein Leserbrief eine solche Diskussion anstoßen könnte, würde uns das freuen.
Die Redaktion

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