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Publikationen BLZ BLZ Archiv BLZ Februar 2007 16.02.2007 PISA, Ranking und Schulinspektion | ||||||
| 16.02.2007 PISA, Ranking und Schulinspektion | ||||||
| PISA, OECD und New Public Management | ||||||||||||||||||
| Die von PISA eingeleitete Beunruhigung des Bildungssystems ist allgemein begrüßt und von der Bildungspolitik und der Bildungsforschung zu einer Qualitätsoffensive genutzt worden, mit der mehr Transparenz, Rationalität und Effektivität in das Lehr-Lerngeschehen in Schule und Hochschule gebracht werden soll. ... Aber diese Agenda ist selbst eine Ideologie. Sie folgt im Gegensatz zu früheren Reformprogrammen, die lebensphilosophisch oder sozialpolitisch begründet waren, der pragmatischen, durchaus nicht neuen Utopie der konsequenten Ausrichtung der Erziehung an ökonomischen Zwecken. Die Kinder sollen schon vor der Schule, die ihre Erziehungsarbeit intensiviert, beschleunigt und verkürzt, darauf vorbereitet werden, dem Arbeitsmarkt möglichst früh und möglichst lange zur Verfügung zu stehen. Begleitet wird der angestrebte Umbau von Machbarkeitsphantasien, die auf permanente und umfassende Effizienzkontrolle aller Lehr-Lernprozesse setzen. ... Die international vergleichenden Bildungsstudien (assesments) sind Teil eines OECD-Projektes zur Einführung einer neuen Regierungstechnik, New Public Management, auch im Bildungsbereich. ... Bezeichnenderweise blenden die PISA-Autoren und die Befürworter der neuen Regierungstechnik diesen politisch-ökonomischen Kontext ihrer Nachfragekonjunktur völlig aus. Sie reden lieber technisch über Qualitätsmanagement, Standards und Kompetenzen. Die von der OECD betriebene Ökonomisierung der Erziehung im Sinne ihres betriebsförmigen Managements hat aber Folgen bis in die einzelne pädagogische Handlung hinein: Eltern lernen das neue Erziehungsregime zum ersten Mal im Kindergarten kennen, wenn ihnen die Erzieherinnen mitteilen, dass das bisher gepflegte gemeinsame Frühstück mit den Kindern in Zukunft ausfallen werde, weil das Personal die Zeit zum Ausfüllen der Dokumentationsbögen über die Lernfortschritte braucht; oder es begegnet ihnen in der Grundschule, wenn gleich bei der Aufnahme ... Kontrakte mit den Eltern und ihren Kindern über ihr Verhalten und ihre Lernbereitschaft geschlossen werden, damit die Schule bei den allfälligen, zentral vorgegebenen Vergleichsarbeiten am Ende des Schuljahres nicht schlecht abschneidet. Das sind Formen der Selbstverpflichtung (auch zur Selbstkritik), die man der untergegangenen DDR als totalitär angerechnet hätte. Sie beginnen im Kindergarten und setzen sich auf allen Stufen des Bildungssystems als persönliche und institutionelle Zielvereinbarungen fort. ‚Steuerungstechnisch’ wird das Individuum als Unternehmer seiner selbst (‚Ich-AG’) unter Dauerbeobachtung gestellt, um zuverlässig darauf vorbereitet zu werden, selbst das zu wollen, was von ihm verlangt wird – bei Heinz-Elmar Tenorth heißt das ‚Selbstständigkeit in der Abhängigkeit’, bei Pierre Bourdieu war in anderem Kontext die Rede von einer Kompassnadel, der es Freude macht, sich nach Norden auszurichten.“ (Prof. F.-O, Radtke:, Das neue Erziehungsregime, in: Pädagogik 2/06) |
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| Ranking | ||||||||||||||||||
| Ranking „Rankings bilden nur einen sehr eingeschränkten Ausschnitt von Schulqualität ab, nämlich Schülerleistungen in zwei bis drei Fächern. Die anderen Fächer bleiben unberücksichtigt, d.h. womöglich auch abgewertet, genauso wie soziales Lernen, Schulklima, Schülerhilfe oder Nachmittagsangebote, oder die sächliche Ausstattung, alles Bereiche, die zu einer guten Schule dazu gehören. ... Rankings vergrößern die Ungleichheit, wenn schlechte Schulen stigmatisiert werden und sich Eltern von ihnen abwenden. Das gilt erst recht, wenn die Grundschuleinzugsbezirke aufgehoben werden, wie das jetzt in NRW geschieht. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur die Unterschiede zwischen den Schulen vergrößern, sondern auch zu einer weiteren sozialen Entmischung führen. ... Rankings werden überwiegend sowieso nur von den Eltern genutzt, die sich gut im Schulbereich auskennen. Sie helfen also wenigen. Manchmal kommt der Eindruck auf, dass sich für Rankings nur Journalisten interessieren, die damit Schlagzeilen produzieren wollen.“ (Prof. H.-G. Rolff in „Pädagogik“ 1/07) | ||||||||||||||||||
| Schulinspektion in England | ||||||||||||||||||
| „Regelmäßig und mit großer Spannung wartet man in England auf die Ergebnisse der Schulinspektion, die von sämtlichen Zeitungen abgedruckt werden – von vielen Blättern in einer Ranking-Tabelle wie ein Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen. Besonders genüsslich präsentieren die Gazetten Schulen mit schlechten Berichten. Auch im Internet kann sich jeder über die Details der Berichte der einzelnen Schulen informieren (www.ofsted.gov.uk). Ofsted (Office of Standards in Education) heißt die Institution zur Schulinspektion in England,, die inzwischen auch viele andere Institutionen im Bildungsbereich inspiziert (Schulaufsicht, Hochschulen). Ofsted wurde 1992 als Überprüfungsinstitution für alle staatlichen Schulen gegründet. Die Inspektoren sind private Vertragspartner, die bei Ofsted eingeschrieben sind und von dort eine Lizenz für ihre Aufgaben erhalten. An Schulen verbreiten sie Angst und Schrecken und vor allem die Gewissheit, dass die Tage ihres ‚Schulbesuchs’ unter unglaublichem Druck und Stress für alle an Schule beteiligten ablaufen werden. Seit dem Herbst 2005 hat Ofsted von der bisherigen Inspektionsstruktur auf light inspection umgestellt. Das hört sich gut an, doch handelt es sich in Wahrheit um eine weitere Verschärfung der Inspektionsrealität. Früher wurde die Inspektion vier Monate im Voraus an der Schule angekündigt, was die gesamte Schule bis zum Eintreffen des Inspektionsteams in hektische Betriebsamkeit versetzte. Vom Fensterputzen über kleinere Reparaturen und die Dekoration der gesamten Schule mit Schülerarbeiten bis zur Top-Aktualisierung der gesamten Kurshefte, Schülerhefte, Hausaufgabenkontrollen, Projektbeschreibungen, Klassenlisten musste alles in einen vorzeigbaren und erstklassigen Zustand versetzt werden. Und die Unterrichtsvorbereitungen mussten ab sofort zu jedem Zeitpunkt perfekt sein, Stundenziele und Überprüfbarkeit in vorzeigbarer Qualität produziert werden. Schon vor der Ankunft des bis zu achtköpfigen Inspektorenteams waren viele Kolleginnen und Kollegen kurz vor dem Zusammenbruch, doch wenn es sich nach einer Woche verabschiedete, konnte man immerhin sicher sein, dass für die nächsten Jahre kein weiterer Besuch ins Haus stand – es sei denn, die Inspektoren vergaben eines der vernichtenden Prädikate serious weakness, underachieving oder special measures. Die Folgen waren in der Anfangsphase der Ofsted-Inspektionen ein Austausch der Schulleitung und eines Teils des Kollegiums sowie zusätzliche Ressourcen (special measures), um aus dem pädagogischen Dunkel aufzusteigen. Später wurde nur noch die Schulleitung ausgetauscht: Mit neuen Management, aber ohne weitere Unterstützung hatte die Schule ziemlich genau ein Jahr Zeit, bevor die Inspektoren wieder kamen und – wen wundert’s – meist feststellten, dass die Schule immer noch am unteren Ende der Schulliga stand. Und damit drohte die Schließung. Auch nach den seit Herbst 2005 geltenden Regularien droht bei serious weakness die Schließung der Schule. Jedoch kündigt das Inspektorenteam seine Besuch nur noch drei Tage im Voraus an. Damit entfällt der lange Vorbereitungsstress und die Schule soll sich zeigen, ‚wie sie eben ist’. Schulalltag pur ohne Inspektionsbrimborium. Die Folge: Das Damokles-Schwert schwebt nun nicht mehr für Wochen, sondern jederzeit über der Schule: ‚We have to be prepared – everytime, everywhere.’ ... Die englischen Kolleginnen und Kollegen und ihre Gewerkschaften sehen auch nach der Umorganisation von Ofsted Inspektion nicht als Hilfe zur Qualitätssteigerung von Schulen an. ... Hilfen oder auch nur Beratung zur Qualitätsverbesserung gibt Ofsted ausdrücklich nicht. Durch die Berichte der privaten Ofsted-Inspektoren wird keine Qualitätsoffensive oder Standardsicherung aller Schulen vorangetrieben, sondern die Spaltung ‚in gute Schulen und schlechte Schulen’ verschärft und in die Öffentlichkeit transportiert. Schulen haben zudem kein Recht, die Aussagen der Inspektionsberichte in Frage zu stellen, obwohl die Inspektorenteams, die im Laufe der Jahre wechselten, häufig zu unterschiedlichen Urteilen über die gleichen Sachverhalte an derselben Schule kamen.“ (A.Schlichring / Volker Perthes, The inspector called, in: hlz 3/4 2006) | ||||||||||||||||||
| Das „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE) | ||||||||||||||||||
| „Die größte Wirkung erreichte die Bertelsmann-Stiftung im Bildungswesen. Dort fungiert zumindest zeitweilig der Ökonom Detlev Müller-Böling als eine Art Bundeskoordinator für die Hochschulpolitik und füllt das Vakuum, das sich aus der fehlenden Zuständigkeit des Bundes ergibt. Der frühere Dortmunder Uni-Präsident leitet des Stiftungsableger ‚Centrum für Hochschulentwicklung’ (CHE), das fast alle Kultusministerien und viele Universitäten berät, nicht zuletzt auch, weil seine Ranking-Listen gefürchtet sind. ... Seit mehr als zehn Jahren wirbt er für sein Modell von der ‚entfesselten Hochschule’, die starker Führung statt demokratischer Selbstverwaltung bedarf. Dazu gehören auch Studiengebühren, die nach seiner Ansicht bei richtiger Ausgestaltung ‚sozialverträglich’ sind. Um Widerstände zu überwinden, lässt Müller-Böhling auch schon mal verbreiten, sogar die Mehrheit der Studierenden sei dafür. Tatsaächlich hatten die Befragten bei der Umfrage aber nur drei Gebührenmodelle zur Auswahl – ein plumper Trick.“ (H. Schumann, Macht ohne Mandat, in: Der Tagesspiegel, 24.9.06) | ||||||||||||||||||