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16.10.2008 Mind the gap!

Englisch im Übergang zwischen der Grundschule und der Sekundarstufe I
von Wolfram Sailer
Die Bremer Schule hält für ihre Schülerinnen und Schüler viele Brüche und Übergänge bereit, die die Lernprozesse von Kindern immer wieder unterbrechen und stören – obwohl die neuen Entwicklungen Hoffnungen für mehr integrative Beschulung von der 1. bis zur 10 Klasse machen. In der Regel haben sich Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler mit den Brüchen beim Lernen abgefunden und darauf eingestellt. Wenn aber, wie im Falle des Fachs Englisch, der Beginn der ersten Fremdsprache von der 5. in die 3. Klasse vorgezogen wird, wird für die Lehrkräfte der Sekundarstufe I deutlich, dass sie nun auf die Vorarbeiten der Grundschullehrkräfte angewiesen sind. Diese neue Situation wirft Fragen und Probleme auf, die für die anderen Fächer im Übergang gar kein Thema mehr sind.

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Verschärft wurde die Thematik im Fach Englisch dadurch, dass zur selben Zeit, als Grundschulenglisch jeweils zweistündig in den 3. und 4.Klassen eingeführt wurde, jeweils eine Stunde Englisch in den Stundentafeln der 9. und 10 Klasse gestrichen wurden – dass diese tatsächlich anderen Fächern zur Verfügung gestellt wurde, ändert nichts daran, dass viele Englischlehrkräfte in der Sekundarstufe dies als Enteignung empfanden. Und zudem ging die enthusiastische Phase der ersten Begegnung mit der Fremdsprache an die Grundschulen über.
Bei der gegenwärtigen Belastung der Lehrkräfte verwundert es nicht, dass die früher gelegentlich stattfindenden Begegnungen von Lehrerinnen und Lehrern der aufnehmenden 5. Klassen mit Lehrkräften der abgebenden 4. Klassen weitgehend abgebrochen sind. Dabei hätte hier die Möglichkeit bestanden, sich auch über die Erfordernisse und jeweiligen Inhalte des Faches Englisch zu verständigen.
In den vergangenen anderthalb Jahren habe ich gemeinsam mit einer Kollegin versucht, als Fachdidaktische Beratung Englisch die verlorenen Verbindungen zwischen Grundschule und Sekundarstufe I neu zu knüpfen. In Übergangskonferenzen, die zunächst in Blumenthal, später auch in der östlichen Vorstadt und der Neustadt stattfanden, haben wir Lehrkräfte im Fach Englisch aus Grundschule und Sekundarstufe I zusammen gebracht und einen fruchtbaren Dialog über die jeweiligen Ansätze und die wechselseitigen Ansprüche begonnen. Oftmals sind wir dabei Vorurteilen und Ressentiments begegnet, die manchmal aber auch mit schulstrukturellen Veränderungen zu tun hatten. So hatte die Abschaffung der Orientierungsstufe in Schulzentren zur Folge, dass die Schülerinnen und Schüler in Sekundarschulklassen weniger leistungsfähiger waren als ihre Vorgänger in den aus allen nachfolgenden Schularten gemischten Orientierungsstufenklassen. Manches hatte aber auch damit zu tun, dass die Lehrkräfte in der Sek I bei den Schülerinnen und Schülern mehr Lese- und Schreibkompetenz erwartet hatten, die Lehrkräfte für Grundschulenglisch sich aber oft dem vor Jahren noch vorherrschenden Dogma der Betonung von Hörverstehen und Sprechen verpflichtet fühlten. Hinzu kommt, dass Englischlehrende in den Grundschulen oft unzureichend ausgebildet sind. Weniger als 25 % haben das Fach auch studiert, die anderen sind mit wenigen Fortbildungskursen oft nicht ausreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet worden. Hier ist sicher noch ein großer Fortbildungsbedarf, auch im sprachpraktischen Bereich.

Bei den Übergangskonferenzen ist deutlich geworden, dass es viel bewegt, wenn die beiden Schulstufen miteinander ins Gespräch kommen. Dabei erfahren die Lehrkräfte aus der Sekundarstufe I nicht nur von den Schwierigkeiten, sondern auch von den Stärken von Grundschulenglisch. In den Gesprächen wurde immer wieder deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler, wenn sie in die fünfte Klasse aufgenommen werden, in der Regel einen unbefangenen Umgang mit Englisch gewohnt sind und in Hörverstehen und Sprechbereitschaft hervorstechen. Die Schwierigkeiten der Fünftklässler beim Schreiben erklären sich nicht nur aus der relativ geringen Aufmerksamkeit, die darauf in der Grundschule bisher gelegt wurde, sondern auch aus den größeren Schwierigkeiten, die damit verbunden sind:
Englische Schreibanfänger benötigen im Durchschnitt vier Jahre bis zum sicheren Umgang mit Schrift, deutsche lediglich zwei.
Zu den Aufgaben der intensivierten Kooperation und der Teamarbeit an den Schulen kommt nun auch noch die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Schulen hinzu – gerade auch in den Fächern. Wenn der Englischunterricht von der ersten Klasse an durchgeführt werden soll, wie es Nordrhein-Westfalen bereits zum nächsten Halbjahr realisiert, ist diese Zusammenarbeit umso wichtiger. Das Landesinstitut für Schule ist ein geeigneter Träger, um diese Zusammenarbeit vor Ort anzustoßen und zu moderieren. Die Unterrichtsentwickler, die diese Aufgaben von der Fachdidaktischen Beratung übernommen haben, freuen sich auf die Anfragen aus den Schulen.

Der Autor:

Dr. Wolfram Sailer ist Lehrer an der GSM. Er war bis zum Ende des letzten Schuljahres Fachdidaktischer Berater Englisch Sek I am LIS und ist dort u.a. für die Einführung des Eu-ropäischen Portfolios der Sprachen an den Schulen zuständig. Er arbeitet am „runden tisch sprachen bremen“ mit.

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