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16.05.2006 Lernfördernder Unterricht

Erwin Jürgensen
Die GEW steht für eine Reform der Schule, die das Ziel der bestmöglichen Lernförderung aller Schülerinnen und Schüler anstrebt. Nur solche Veränderungen im Bildungsbereich, die nachprüf-bar dieser Idee folgen, sollen Reform genannt werden. Bildungsförderung für alle! Wer diesem Anspruch verpflichtet ist, muss sich für Verbesserungen des Bildungs-systems und des Unter-richts einsetzen und an der Vorstellung festhalten, dass die äußere und die innere Schulreform zusammengehören. Wer zunächst Auslese betreibt und sich dann in den entstandenen „Restgrup-pen“ um ein sozialintegratives Klima bemüht, soll nicht glauben, eine gute Schule zu gestalten. Aber auch umgekehrt: Wer integrative Systeme schafft, ohne sich in den Lerngruppen um gute sozial-emotionale Beziehungen zu kümmern, betreibt keine Lernförderung. Beides ist „halbierter Humanismus“. Denn einerseits können die Auswirkungen der falschen Schulformen nicht durch Sozialpsychologie aufgehoben und andererseits lernfördernde Klimaverbesserungen nicht allein durch institutionelle Veränderungen geschaffen werden. Dazu die folgenden Thesen.
1. Lernförderung braucht eine integrative Schule.
2. Lernförderung braucht inhaltliche Orientierung.
3. Lernförderung braucht methodisches Handwerkszeug.
4. Lernförderung braucht Solidarität.

Seitenabschnitte:
Integrative Schule
Inhaltliche Orientierung
Methodisches Handwerkszeug
Solidarisches Lernen
Kriteriengeleitetes Lernen
Kriterienplakat: Worauf wir achten wollen
Literatur

Integrative Schule

Konkurrenz und Auslese schaffen ein Klima der Angst und Angst wirkt lernhemmend. Im Falle des Scheiterns schlagen negative Beurteilungen allzu leicht als negatives Selbstbild nach innen durch und verfestigen sich als beschädigtes Selbstbewusstsein. Das Zutrauen in die eigene Leis-tungsfähigkeit bricht ein, was bedeuten kann, ein Leben lang hinter den persönlichen Entwick-lungsmöglichkeiten zurückzubleiben. Demgegenüber sind integrative Gruppen an den individuel-len Fähigkeiten orientiert und auf Lernförderung statt auf Auslese ausgerichtet.

Inhaltliche Orientierung

Ein gutes Lernklima setzt voraus, dass die Schülerinnen und Schüler ernst genommen werden. Ihnen wird das Recht eingeräumt zu erfahren, was gelernt und warum etwas gelernt werden soll.
In Sinne des eigenständigen Lernens werden sie an den Entscheidungs-, Planungs- und Auswer-tungsprozessen des Unterrichts beteiligt. Das setzt eine Abkehr von der traditionellen Lehrerrolle und das veränderte pädagogische Selbstverständnis der Lehrpersonen voraus, Lernorganisator und nicht Programmierer eines atomisierten Lernprozesses zu sein. Diese Umorientierung muss schrittweise angebahnt werden. Entsprechend werden im Unterricht drei Fragen erörtert und be-antwortet:
-Was soll gelernt werden?
-Wie soll gelernt werden? und
-Wie soll zusammengearbeitet werden?

Die hier zu beachtenden Kriterien werden auf Schautafeln im Klassenzimmer ausgehängt, bis sie schließlich den Schülerinnen und Schülern als geistiges „Planungs-, Arbeits- und Auswertungs-werkzeug“ innerlich präsent und instrumentell verfügbar sind.

Seitenabschnitte:
Integrative Schule
Inhaltliche Orientierung
Methodisches Handwerkszeug
Solidarisches Lernen
Kriteriengeleitetes Lernen
Kriterienplakat: Worauf wir achten wollen
Literatur

Methodisches Handwerkszeug

Ein gutes Lernklima zeichnet sich durch ein hohes Maß an Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Teamarbeit aus. Dieses Ziel kann nicht durch frontale Unterweisung und ausschließliche Einzel-arbeit eingelöst werden. Angesichts der schnellen gesellschaftlichen wissenschaftlich-technischen und sozialen Innovationsschübe, die mit einem zunehmenden Verfall des positiven Wissens ein-hergehen, kann der traditionelle Unterricht die Schülerinnen und Schüler nicht hinreichend befä-higen, sich eigenständig neue Bildungsinhalte zu erschließen. Deshalb müssen neben den Inhal-ten auch die Methoden bewusst zum Lerngegenstand gemacht werden. Das „Lernen des Lernens“ soll das methodische Handwerkszeug bereit stellen, das notwendig ist, sich in einem lebenslangen Lernprozess selbstständig neues Wissen und Können anzueignen.

Solidarisches Lernen

Ein lernförderndes Klima entsteht dann, wenn die Gruppe durch Teamgeist und eine partnerzent-rierte Kom-munikation geprägt ist. Es beruht auf den Fähigkeiten, die eigenen und die Gefühle anderer wahrzunehmen, sich selbst und andere zu akzeptieren, das Arbeits-, Lern- und Sozialver-halten der Gruppe einschätzen zu können, Rückmeldungen zu geben und zu empfangen, ohne die andere Person zu verletzen bzw. sich selbst zu rechtfertigen, Konflikte als Regelfall anzunehmen und gewaltfreie Lösungen zu entwickeln und zu erproben, bei denen es keine Sieger und Verlierer gibt.

Kriteriengeleitetes Lernen

In einem aufgeklärten Unterricht werden von allen Beteiligten sowohl für die kognitiven als auch für die kooperativen und sozial-emotionalen Prozesse Kriterien verabredet, an denen die Planung und Durchführung der Arbeit und abschließend die Evaluation ausgerichtet werden. Nur so kön-nen die Schülerinnen und Schüler Einsicht in ihren eigenen Lernfortschritt gewinnen, in der Rückkoppelung zu den Vorgaben Erfolge konstatieren und im Falle ihres Scheiterns überprüfen, welche Verbesserungen sie vornehmen müssen. Zugleich kann es auf diese Weise gelingen, sie in die Verantwortung für ihren eigenen Lernfortschritt einzubinden und die Eigenverantwortung real erfahrbar zu machen.

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Integrative Schule
Inhaltliche Orientierung
Methodisches Handwerkszeug
Solidarisches Lernen
Kriteriengeleitetes Lernen
Kriterienplakat: Worauf wir achten wollen
Literatur

Kriterienplakat: Worauf wir achten wollen

1.Fachliches Lernen
- Wichtige Sachverhalte benennen
- Begriffe klären
- Zusammenhänge herstellen
- Gesetzmäßigkeiten herausfinden
- Erkenntnisse anwenden
- Wertungen begründen

2. Methodisches Lernen
- Arbeitsschritte festlegen
- Die Arbeit in der Gruppe verteilen
- Entscheiden, wer was tut
- Arbeitsergebnisse klar gliedern
- Ergebnisse bildlich darstellen

3. Soziales Lernen
- Einander ruhig zuhören
- Gemeinsam überlegen, wie die Arbeit verbessert werden kann
- Kritik so äußern, dass sich niemand verletzt fühlt
- Entscheidungen gemeinsam treffen
- Konflikte offen ansprechen und gemeinsam lösen

Die Schule kann den höheren Anforderungen nur gerecht werden, wenn den Lehrerinnen und Lehrern eine kontinuierliche Fortbildung angeboten wird. Sie werden die Maßnahmen der Wei-terqualifizierung jedoch nur annehmen, wenn deren Praxisorientierung intensiviert wird. Als Gü-tekriterium muss gelten, dass die Fortbildung zu einer real erfahrbaren und empirisch beobachtba-ren Kompetenzerweiterung sowohl bei den Lehrerinnen und Lehrern als auch bei den Schülerin-nen und Schülern führt. Deshalb müssen alle Angebote unmittelbar berufsqualifizierend sein, die Teamentwicklung fördern und eine hohe Nachhaltigkeit bewirken. Niemand darf jedoch glauben, dass den Lehrerinnen und Lehrern weitere zeitliche und inhaltliche Belastungen aufgebürdet werden können.

Literatur

Böttcher, Wolfgang: Mit Schülern Unterricht und Schule entwickeln,
Beltz Verlag, Weinheim 2000

Jürgensen, Erwin: Von der Klasse zum Team,
Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt a. M. 2000

Kempfert, Guy u. a: Pädagogische Qualitätsentwicklung,
Beltz Verlag, Weinheim 2002

Klippert, Heinz: Eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen,
Beltz Verlag, Weinheim 2002


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