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16.10.2006 Lehrkräftebedarf und LehrerInnenausbildung

von Jürgen Burger
Die Frage, wie es in absehbarer Zeit mit dem Lehrkräftebedarf und den Absolventenzahlen der Universitäten und Studienseminare aussieht, ist unter verschiedenen Gesichtspunkten von Interesse: Für Lehramtsstudierende und ReferendarInnen in Bezug auf ihre Einstellungschancen, für die Schulen als Frage, wie die Aussicht auf eine ausreichende Anzahl junger Lehrkräfte ist und schließlich bildungspolitisch in Bezug auf die personellen Möglichkeiten, Verbesserungen an den Schulen durchzusetzen.

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Prognosen
Unsicherheiten
Minimalversorgung gesichert?
Nicht tatenlos zusehen!

Prognosen

Schon 2001 wurde in der „Zeit“ vor absehbarem Lehrermangel gewarnt. Seitdem sind verschiedene Prognosen mit zum Teil unterschiedlicher Tendenz veröffentlicht worden.
2003 gab die Kultusministerkonferenz die Modellrechnung „Lehrereinstellungsbedarf und –angebot in der Bundesrepublik Deutschland 2002-2015“ heraus. In der Zusammenfassung wurde festgestellt: „Die Situation am Lehrerarbeitsmarkt wird in den kommenden Jahren aufgrund der Altersstruktur des Lehrerbestands durch eine steigende Zahl von aus dem Schuldienst ausscheidenden Lehrkräften gekennzeichnet sein. Gleichzeitig wird die Zahl der Absolventen des Vorbereitungsdienstes in Folge der von Mitte bis Ende der neunziger Jahre niedrigen Studienanfängerzahlen mit angestrebter Lehramtsprüfung in den nächsten Jahren vergleichsweise gering sein. Daraus resultiert, dass der Lehrereinstellungsbedarf in den kommenden Jahren voraussichtlich nicht vollständig gedeckt werden kann.“
Folgende Annahmen lagen dieser Modellrechnung zu Grunde:

  • Die Zahl der SchülerInnen wird in den nächsten 10 Jahren in den allgemeinbildenden Schulen von ca. 9,5 Mio. auf ca. 8,4 Mio. zurückgehen, während sie in den berufsbildenden Schulen noch leicht ansteigt.
  • Von den ca. 790 000 Lehrkräften, die im Basisjahr 2002 im Schuldienst waren, müssen nach der KMK-Prognose bis 2015 ca. 365 000 durch Neueinstellung ersetzt werden.

Dieser Zahl stehen (ebenfalls nach KMK-Berechnung) voraussichtlich nur ca. 297 000 AbsolventInnen des Vorbereitungsdienstes gegenüber. Hinzu kommen ca. 30 000 sog. Altbewerber.
Der jährliche Einstellungsbedarf beträgt laut KMK 26 500. Für alle Lehrämter zusammen rechnete die KMK von 2002 bis 2015 mit „voraussichtlich im Durchschnitt jährlich fehlenden knapp 3 200 Lehrkräften. ... Es gibt also eine Unterdeckung von 10%.“ Mangel wurde insbesondere für die Berufsschulen und die Sekundarstufe I vorausgesagt.
Eine weitere, mit der KMK-Rechnung übereinstimmende Prognose veröffentlichte 2003 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

 Lehrkraeftebedarf_und_LehrerInnenausbildung[1].pdf
 Vollständiger Artikel
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Unsicherheiten

2005 erschien der Bericht „Teilarbeitmarkt Schule“ von der AG Bildungsforschung/Bildungsplanung in Essen (Klaus Klemm u.a.). In ihm wurden die Einstellungschancen junger Lehrkräfte bedeutend vorsichtiger eingeschätzt, als in der KMK-Prognose. Folgende Gesichtspunkte gaben dabei den Ausschlag:

  • In den Jahren 2003-2005 wurden weniger Lehrkräfte eingestellt, als von der KMK berechnet worden war: statt der erwarteten 88 000 nur etwa 73 200. Als Ursache vermuten die Autoren, dass die Arbeitgeber durch Arbeitszeitverlängerungen und Pensionsminderungen sowohl den errechneten Stellenbedarf als auch die Quote der ausscheidenden Lehrkräfte heruntergedrückt haben, um Haushaltskonsolidierung zu betreiben
  • Klemm u.a. gehen nicht davon aus, dass der Rückgang der SchülerInnenzahl, der uns bevorsteht (1), für eine Verbesserung der Schulsituation genutzt wird. Sie rechnen also nicht damit, dass jede freiwerdende Stelle wiederbesetzt wird. Bei einer solchen Wiederbesetzung betrüge der Einstellungsbedarf im nächsten Jahrzehnt jährlich ca. 27 750. Werden dagegen Planstellen in dem Maße abgebaut, wie SchülerInnenzahlen zurückgehen, so würden nach ihrer Berechnung jährlich nur ca. 18 500 Lehrkräfte eingestellt.

Innerhalb dieser Bandbreite kommen die Autoren zu folgendem Resümee:
„Nun ist es nicht möglich, einigermaßen belastbar abzuschätzen, welche der genannten Bedarfsvarianten eintreten wird. Angesichts der Tatsache, dass die Zahlen der bundesweit eingestellten Lehrkräfte nun das dritte Jahr in Folge unter den Schätzungen in der KMK-Prognose geblieben sind, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die tatsächlich erwartbaren Einstellungszahlen der kommenden Jahre zwischen der Variante mit konstanten Schüler/Lehrer-Relationen (Jahresdurchschnitt 18 500) und der KMK-Prognose aus dem Jahre 2003 (Jahresdurchschnitt 26 500) liegen werden. Wenn dies in etwa eintritt, so ergäbe sich für die Jahre bis 2015/16 eine insgesamt ausgeglichene Bilanz zwischen Nachfrage und Angebot.
Diese Feststellung darf aber nicht übersehen lassen, dass es auch bei ihrem Eintreten schwerwiegende Probleme auf dem Teilarbeitsmarkt Schule geben wird:

  • Unbeschadet der dann insgesamt ausgeglichenen Bilanz wird es in den Jahren von 2005 bis etwa 2008 – infolge der geringen Studienanfängerzahlen Ende der neunziger Jahre – zu deutlichen Mangelerscheinungen kommen.
  • Selbst wenn es in den kommenden Jahren zu einer quantitativ ausgeglichenen Bilanz kommen sollte, bleiben erhebliche fach- und schulformspezifische Ungleichgewichte.
  • Für die personelle Absicherung umfassenderer Reformvorhaben wie z.B. dem der pädagogisch gestalteten Ganztagsschule werden bei den aktuellen Anfängerzahlen zumindest mittelfristig die Personalreserven fehlen.“

Minimalversorgung gesichert?

Die jüngsten Entwicklungen im Hochschulbereich lassen selbst diese von Skepsis geprägte Prognose als noch nicht sicher erscheinen. Die Essener Arbeitsgruppe ging 2005 davon aus, dass die Zahl der Lehramtsstudierenden im ersten Fachsemester, die 2000/2001 von ca. 40 000 auf gut 50 000 angestiegen war, dauerhaft auf diesem höheren Niveau bleiben wird. Wenig später meldete dpa, dass die Zahl der Studienanfänger insgesamt erstmals seit Jahren gesunken war (von 380 000 auf 360 000). In einem internen KMK-Papier wurden dafür insbesondere die Einführung von Studiengebühren und verschärfte Zulassungsbeschränkungen sowie die Schließung ganzer Studiengänge verantwortlich gemacht. Würde sich diese Tendenz, die auch an der Bremer Universität deutlich zu erkennen ist, fortsetzen, wäre selbst eine Minimalversorgung auf schlechtem Niveau nicht dauerhaft gesichert.

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Nicht tatenlos zusehen!

Nicht tatenlos zusehen!

Angesichts dieser bedenklichen Perspektiven ist politisches Handeln gefragt, und zwar auf mehreren Ebenen:

In der Hochschulpolitik:
Bund und Länder müssen gegenüber den Hochschulen, in denen im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Autonomie die LehrerInnenbildung häufig an den Rand gedrängt wird, einen Erhalt und Ausbau der lehrerbildenden Fachbereiche durchsetzen. Dies kann z.B. durch eine Zweckbindung staatlicher Zuwendungen geschehen. Zur Zeit spielt sich leider das genaue Gegenteil ab. Bei der geplanten „Exzellenzinitiative“ soll kein einziger pädagogischer Bereich durch Bundes- und Landesmittel gefördert werden.
In der Einstellungspolitik:
Die Schüler/Lehrer-Relation in der Primarstufe und den unteren Klassenstufen der Sek. I ist in Deutschland bedeutend schlechter, als in vielen anderen europäischen Ländern. Eine Wiederbestezung jeder freiwerdenden Stelle in den nächsten 10 Jahren ist also kein Luxus, sondern würde bei zurückgehender SchülerInnenzahl lediglich dazu führen, dass Deutschland im Primar- und Sek. I – Bereich die international üblichen und notwendigen Personalinvestitionen tätigt.
In der Finanzpolitik:
Der OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2006“ hat wieder einmal festgestellt: „Dass Deutschland bisher nicht ausreichend auf die Herausforderungen der Wissensgesellschaft reagiert hat, zeigt auch die Finanzausstattung für das Bildungssystem. Anders als in vielen anderen OECD-Ländern stagnieren in Deutschland die Ausgaben für diesen Bereich. So lag 2003 der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (öffentliche und private Ausgaben) mit 5,3 Prozent deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 5,9 Prozent. Im Jahr 2000 lag Deutschland mit einer Ausgabenquote von 5,2 Prozent noch knapp unter dem OECD-Mittel.“

Anmerkung (1): Nach den KMK-Prognosen fällt dieser Rückgang der SchülerInnenzahl in den Stadtstaaten bedeutend geringer aus, als in der Fläche. Für Hamburg wird sogar eine Zunahme vorausgesagt, für Bremen nur ein leichter Rückgang (s. auch die letzte BLZ, S. 17).


Literatur

Statistische Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz, Dokumentation Nr. 169: Lehrereinstellungsbedarf und –angebot in der Bundesrepublik Deutschland. Modellrechnung 2002-2015. Beschluss der KMK v. 08.05.2003
Wochenbericht des DIW Berlin 15/03: Modellrechnungen zum Lehrerbedarf an allgemeinbildenden Schulen bis 2020 (Wolfgang Jescheck)
AG Bildungsforschung/Bildungsplanung, Universität Duisburg-Essen, Campus Essen: Teilarbeitsmarkt Schule – Arbeitsmarktbericht für das Jahr 2005 (Frank Meetz, Frank Sprütten, Klaus Klemm)

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