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15.03.2006 Ist noch was zu retten?

Thesen über den Zustand des Bremer Schulsystems
Jürgen Burger

Leistungsdruck statt Aufbruchstimmung

Das Bremer Schulsystem befindet sich zur Zeit in einem durch politische Beschlüsse verordneten Wandel. Dieser Wandel erzeugt jedoch keine Aufbruchstimmung. Es ist keine überzeugende Veränderungsperspektive erkennbar. Vielmehr befinden sich alle Teile des Systems in einem Zustand der latenten Gefährdung, und die Aktivitäten der einzelnen Schulen sind in erster Linie darauf gerichtet, in einem unberechenbaren Umfeld einigermaßen unbeschädigt die Zeiten zu überstehen.
Die Elternschaft ist verunsichert durch die politische Auswertung der PISA-Ergebnisse und in Sorge um den Bildungserfolg ihrer Kinder in einer Gesellschaft, die durch Massenarbeitslosigkeit und unsichere Beschäftigungsverhältnisse gekennzeichnet ist. Die Bildungspolitiker der Großen Koalition instrumentalisieren diese Verunsicherung, um Veränderungsdruck auf die Schulen auszuüben.
Ziel ist dabei jedoch nicht ein Schulwesen, das Bildungsreserven mobilisiert, das durchlässig nach oben ist und in dem man sich gern aufhält, um zu lernen und zu lehren, sondern eine Institution des Leistungsdrucks für SchülerInnen und Lehrkräfte. Permanenz der Leistungsüberprüfung und die ständige Drohung mit negativen Konsequenzen – für die SchülerInnen als Absinken in eine „Restschule“, für die Schulen als Gefahr, durch schlechten Ruf zu einer solchen „Restschule“ zu werden – sind die Charakteristika der gegenwärtigen Schulentwicklung. Ihre Grundlagen sind die frühe Aufteilung der SchülerInnen in Schularten und die Auflösung der Schulbezirke.

Das Bremer Schulsystem ist so selektiv und unübersichtlich wie noch nie

Hatte noch die Klafki-Kommission 1994 empfohlen, das gerade einmal 15 Jahre alte Bremer Stufenschulsystem unbedingt zu erhalten und das Hauptaugenmerk auf die Verbesserung der Kooperation zwischen den Stufen zu richten, begann ein Jahr später der Abriss: Die CDU setzte in der Großen Koalition die vermehrte Neugründung isolierter Gymnasien durch und versetzte damit insbesondere die Schulzentren in einen Zustand struktureller Benachteiligung. Ihre Gymnasialabteilungen wurden ausgedünnt. Der zweite Schritt war dann die zwischen Bernd Neumann und Willi Lemke 2002 ausgehandelte Abschaffung der Orientierungsstufe.
Damit fand nicht nur eine Rückkehr zum antiquierten deutschen System statt, das in vielen westlichen Bundesländern nie zu existieren aufgehört hatte. Durch die Kombination mit zwei neuen Elementen, nämlich dem Abitur nach zwölf Jahren und der freien Wahl der Schulart durch die Eltern, ist das neue System nicht nur hoch selektiv, sondern auch chaotisch. Im Gymnasium wird ein komprimierter Bildungsgang geschaffen, der spätestens in der 7. Klasse für Seiteneinsteiger nicht mehr zugänglich ist. Zugleich ist das Anwahlverhalten kaum planbar. Eltern- und Schülerfrust als Ergebnis der Zuweisung zu einer Schule der zweiten oder dritten Wahl wird zur ständigen Begleiterscheinung.

Die doppelte Botschaft: Integrieren und Auslesen

Die populistische Bildungspolitik der Großen Koalition und ihres Bildungssenators verspricht einerseits eine bessere Förderung aller Schülerinnen und Schüler, andererseits hat sie das Schulsystem nach den selektiven Vorstellungen der CDU umgestaltet. Die Umsetzung dieser Politik durch die Bildungsbehörde führt dazu, dass die Schulen ständig mit doppelten Botschaften, unrealistischen Zielen und widersprüchlichen Anweisungen konfrontiert sind:

  • Die Grundschulen sollen sowohl die ehemalige Sonderschule für Lernbehinderte integrieren und das Lehren in heterogenen Lerngruppen weiter entwickeln als auch mit Zensuren und Schulempfehlungen das Geschäft der Auslese betreiben.
  • Die Gymnasien, die inzwischen 45% aller SchülerInnen aufnehmen, sollen diese ab Klasse 5 fördern und gleichzeitig den gymnasialen Bildungsgang von 9 auf 8 Jahre komprimieren.
  • Die Sekundarschulen sollen einen integrativen Bildungsgang mit möglichst vielen Realschulabschlüssen entwickeln, werden aber nur noch von 19,4% des 4. Jahrganges angewählt – haben also fast die gleiche SchülerInnenschaft, wie vorher die Hauptschule.
  • Die Gesamtschulen sollen die ganze Bandbreite des Bildungsangebots sichern, erhalten aber für ihre zusätzlichen integrativen Aufgaben keine ausreichende personelle Ausstattung.

Wesentliche Teile des Systems werden zum Steinbruch

Das Bremer Stufenschulsystem wurde 1975 bis 1980 als Vorstufe zu einer beabsichtigten Integration bis Klasse 10 aufgebaut (§ 3 des damaligen Schulgesetzes). Die zeitliche Nähe zu den Reformen in Skandinavien ist nicht zufällig. Die bildungspolitischen Ideen waren fast identisch. Während diese Ideen aber in Skandinavien nach und nach umgesetzt wurden, geriet Bremen in der bundesdeutschen Schullandschaft immer mehr in eine Insellage. Nach zehn Jahren Stillstand (1980-1990) begann die Restauration.

  • Der Sog der isolierten Gymnasien verwandelt nicht nur Sek. I-Zentren nach und nach in Haupt- und Realschulen, die Sek.II-Zentren verlieren damit gleichzeitig Teile ihres Unterbaus. Unter den herrschenden Bedingungen können sie allenfalls versuchen, als Oberstufen für integrierte Stadtteilschulen zu überleben.
    Reforminitiativen der neunziger Jahre, wie die sechsjährigen Grundschulen und die Förderzentren, sehen sich ebenfalls mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert:
  • Durch die Verkürzung des gymnasialen Bildungsganges ist für ein Kind, das in einer sechsjährigen Grundschule angemeldet wird, faktisch schon entschieden, dass es kein Abitur nach zwölf Jahren machen wird.
  • Die Grundidee des Förderzentrums, die Sonderschule nach und nach in das Regelschulsystem zu integrieren, wird verkürzt auf die Möglichkeit, mit Sekundar- und Gesamtschulen zu kooperieren. Das Gymnasium bleibt separiert.

Die Etablierung des Konkurrenzprinzips verhindert eine offene Problemdiskussion

Die Abschaffung der Schulbezirke in der Sekundarstufe wird von den Koalitionären als Schritt in die Freiheit der Wahl gepriesen. Leitbild ist ein freier Markt, auf dem sich jede Schule bewähren und beweisen muss. Der Schein der freien Konkurrenz verdeckt aber nur notdürftig, dass hier ein Wettbewerb unter Ungleichen organisiert wird und die Resultate im Wesentlichen vorher feststehen. Zwischen den Gymnasien und den anderen Schulen findet eine soziale Entmischung statt.
Dabei ist es diesem „freien“ Schulmarkt eigen, dass Schwäche auf keinen Fall zugegeben werden darf. Jede Schule muss sich im besten Licht darstellen, um angewählt zu werden. Auch wer das Konkurrenzprinzip als Kriterium pädagogischer Entscheidungen ablehnt, muss sich ihm ein Stück weit unterwerfen, um am Markt nicht unterzugehen. Wer sich als Pädagogin/Pädagoge zu den schwierigen Arbeitsbedingungen öffentlich äußert, schadet tendenziell dem Ansehen des eigenen Betriebes.

Die sozialen und pädagogischen Grundfragen bleiben ungelöst

Als im Sommer 2002 im PISA-Bundesländervergleich Bremen auf dem letzten Platz landete, waren sich die Politiker von Edmund Stoiber und Bernd Neumann bis zu Henning Scherf und Willi Lemke einig, dass die Stufenschule (insbesondere die OS) und die „Kuschelpädagogik“ an diesem Ergebnis schuld seien. Die Ansicht der GEW und fortschrittlicher WissenschaftlerInnen, dass die großstädtische Problemkonzentration wesentlichen Anteil an dem Ergebnis hat, wurde von findigen Statistikern bestritten. Sie rechneten die Ausländerkinder und Sozialhilfeempfänger linear aus dem Befund heraus und stellten fest, dass nach Abzug dieser Größen Bremen immer noch auf dem letzten Platz lag. Dabei berücksichtigten sie nicht, welche schwierigen Lernbedingungen bei hoher Konzentration vom Migration und Armut in den einzelnen Schulen entstehen.
Statt integrativer Beschulung und erhöhten Bildungsinvestitionen folgten die Abschaffung der OS, die Verkürzung des gymnasialen Bildungsganges und eine Inflation von Tests und Prüfungen. Im Ergebnis dieser Maßnahmen hat das Bremer Schulsystem heute eine starke Ähnlichkeit mit dem Hamburgs, wo in den 70er Jahren die Einführung der OS, also des gemeinsamen Unterrichts bis zur Klassenstufe 6, an politischen Widerständen gescheitert war.
Aber siehe da: Als kürzlich das neue PISA-Ergebnis veröffentlicht wurde, an dem nun auch Hamburg teilgenommen hatte, stellte sich heraus, dass der Unterschied zu Bremen vernachlässigenswert ist. Hamburg steht auf dem vorletzten Platz, der Abstand zu Bremen entspricht proportional der etwas geringeren Sozialhilfe- und Migrantenquote – und das, obwohl dort seit 30 Jahren das Schulsystem existiert, das bei uns gerade etabliert werden soll.

Die Alternative: Integration oder zweigliedriges Schulsystem?

Es fällt auf, dass in den letzten Jahren eine Veränderung der Schulpolitik der CDU eingesetzt hat: Das drei- bzw. viergliedrige System wird nicht mehr bedingungslos verteidigt. In Bremen werden von ihr neue Gesamtschulen zugelassen, in Hamburg will sie ein zweigliedriges System einrichten, in einigen östlichen Bundesländern hat sie dieses bereits etabliert. Eine feste Größe bleibt dabei jedoch unter allen Gegebenheiten erhalten: Der Erhalt und Ausbau des isolierten Gymnasiums ab Klasse 5. Angesichts der dramatischen Situation der Hauptschule – insbesondere in Großstädten – wird damit eine Teilreform zugelassen, um das gegliederte Schulsystem zu retten. Es entsteht faktisch die uralte Polarität von „Volksschule“ und „höherer Schule“ im neuen Gewande.
Mit dieser Politik, die auch in Teilen der SPD auf Gegenliebe stößt, wird kein modernes Schulsystem entstehen. Zur gemeinsamen Schule für alle Kinder und Jugendlichen bis zur 8., 9. oder 10. Klasse gibt es langfristig keine Alternative. Sie ist der internationale Standard. Nur in ihrem Rahmen kann sich eine moderne Pädagogik voll entfalten. Nur sie kann im Jugendbereich ein institutionelles Gegengewicht gegen die gesellschaftliche Desintegration schaffen.

Erste Schritte

So verfahren die schulpolitische Situation auch ist, es lassen sich dennoch Schritte zu einer Richtungsänderung benennen. Die Empfehlungen des „Runden Tisches Bildung“, die von der Großen Koalition ignoriert wurden, liefern dafür gute Anhaltspunkte. Die drei Schwerpunkte der Empfehlungen waren:

  • ? Die Förderung der Sprachkompetenz und des selbstständigen Lernens,
  • ? das möglichst lange gemeinsame Lernen,
  • die Stärkung der pädagogischen Selbstständigkeit der Einzelschule.

Wer den politischen Willen hat, diese Empfehlungen umzusetzen, der muss dafür die materiellen und institutionellen Grundlagen schaffen. Das bedeutet u.a.:

  • ? Integrative Pädagogik muss materiell belohnt werden. Die integrierten Stadtteilschulen müssen dementsprechend ausgestattet sein. Auch für Gymnasien müsste ein Anreiz geschaffen werden, sich in integrierte Systeme umzuwandeln.
  • Die Sprachförderung, sowohl im Bereich Deutsch als Zweitsprache als auch beim muttersprachlichen Unterricht, muss Schwerpunkt von Personalinvestitionen sein, und zwar nicht nur in der Grundschule, sondern auch in der Sekundarstufe I.
  • Die Kooperation zwischen den Schulstufen und Schularten muss – entsprechend den Empfehlungen der Klafki-Kommission – verbessert werden. Dies ist aber nur möglich, wenn das von der Großen Koalition etablierte Konkurrenzsystem wieder abgebaut wird.

Denkbar wäre perspektivisch ein Zustand, in dem alle Schulen der Sekundarstufe I alle Abschlüsse vergeben können – so könnte ein neuer jahrelanger „Schulkampf“ eventuell vermieden werden. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Jürgen Burger

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